Wer ist ein Nazi, woran erkennt man ihn und wie geht man mit ihm um? In ihrem gerade erschienenen "Buch gegen Nazis" beantworten die Journalisten Holger Kulick und Toralf Staud 70 Fragen zum Thema Rechtsextremismus. In komprimierter Form wird zunächst die Welt der neuen Nazis erklärt und analysiert. Dabei geht es ebenso um typische Argumentationsmuster (Holocaust-Leugnung) wie um Kleidermarken und Musikstile.

Im zweiten Teil des Buches werden dagegen Handlungsanleitungen für ganz konkrete Situationen gegeben: Wie redet man mit Kindern über Nazis? Was tun, wenn das eigene Kind sich einer rechtsextremen Gruppe angeschlossen hat oder die beste Freundin plötzlich NPD wählt?Staud und Kulick, die in der jahrelangen journalistischen Auseinandersetzung mit dem Thema längst zu Experten geworden sind, wollen nicht in erster Linie belehren, sondern zur Gegenwehr motivieren. Neben eigenen Beiträgen und Interviews sind auch Texte zahlreicher Fachleute  in dem Buch versammelt. Bei dem folgenden Auszug handelt es sich um Kapitel 25, in dem Johannes Radke und Henning Flad sich mit rechtsextremen Sprachschablonen beschäftigen.

(Holger Kulick/Toralf Staud (Hg.): Das Buch gegen Nazis. Rechtsextremismus - was man wissen muss und wie man sich wehren kann. 12,95 Euro. ISBN 9783462041606)


"Wo ist eigentlich die 'Ostküste'"?

Neonazis, aber auch Vertreter der Neuen Rechten, reden gern von einem deutschen "Schuldkult“, wenn es ums Erinnern an die Verbrechen des Dritten Reiches geht. "Der Schuldkult als Holocaust-Religion ist heute die Staatsreligion der Bundesrepublik“, schreibt etwa die neurechte Online-Zeitschrift Blaue Narzisse. Der Gebrauch dieses Begriffs ist Teil eines umfassenden Versuchs, Ursachen, Verlauf und Folgen des Nationalsozialismus zu leugnen oder zumindest zu verharmlosen. Ein wichtiger Teilerfolg für die Rechtsextremisten wäre es, wenn über die grausamen Verbrechen nicht mehr öffentlich diskutiert und der NS-Opfer nicht mehr gedacht würde. Der Begriff "Schuldkult“ soll jede kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als lächerlich und aufgezwungen erscheinen lassen. Oft werden auch diejenigen, die die Erinnerung an den Nationalsozialismus und dessen Opfer wachhalten wollen, als "Umerzieher“ verunglimpft – wobei gleich noch mitschwingt, dass ein kritisches Verhältnis zur eigenen Geschichte "unnatürlich“ sei.

Ähnlich beliebt unter Rechtsextremen ist das Entwerten des Begriffs "Holocaust“. Seit den Siebzigerjahren hat sich das Wort als Bezeichnung für den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas etabliert. Im Januar 2005 provozierte der NPD-Abgeordnete Jürgen Gansel einen Eklat im Sächsischen Landtag, als er die alliierten Luftangriffe auf Dresden "Bomben-Holocaust“ nannte. Indem das Wort Holocaust aus seinem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang gerissen und für Opfer von alliierten Bombenangriffen verwendet wird, soll der geschichtlich einmalige, geradezu industriell organisierte Massenmord an den Juden relativiert und verharmlost werden.

Dies ist so etwas wie die Vorstufe zum offenen Leugnen. Vor allem wenn es um antisemitische Hetze geht, ist die Neonazi-Szene sehr geschickt im Finden neuer und vor allem strafrechtlich nicht greifbarer Begriffe. Zum Teil sind die Termini eindeutig, zum Teil enthalten sie aber auch antisemitisch konnotierte Chiffren und Codes, die nur Eingeweihte entschlüsseln können. In jedem Falle eignet sich das Phantasiekonstrukt einer "Jüdischen Weltherrschaft“ dazu, komplexe und für viele Menschen schwer durchschaubare Zusammenhänge mit Verweis auf "jüdische Einflüsse“ ganz schlicht zu erklären – zum Beispiel in der Geopolitik oder der Finanzwirtschaft.

Recht einfach zu verstehen ist "USrael“. Dieses Mischwort aus Israel und USA soll suggerieren, dass die amerikanische Politik und Wirtschaft von Israel gesteuert werden. Und Israel wird hier natürlich als Synonym für "den Juden“ gebraucht, obwohl gut 20 Prozent der israelischen Staatsbürger arabischer Herkunft sind und natürlich zahlreiche israelische Juden die Politik ihrer Regierung kritisieren. Weniger verständlich ist das Reden von "Schaltzentralen der amerikanischen Ostküste“. Der Begriff steht für das angeblich von Juden dominierte internationale Finanzsystem. Neonazis vermuten, dass die weltgrößte Aktienbörse und auch die Banken in New York (an der Ostküste der USA) insgeheim von Juden kontrolliert würden. Auch der Begriff "raffendes Kapital“ ist ein häufig genutztes Synonym für den Bankensektor.