Das politische Europa kehrt aus dem Sommerurlaub zurück, und ein hektisches Programm wartet in Brüssel. Das wichtigste Thema ist die Wahl des Präsidenten der nächsten Kommission: Wer wird es sein und wie wird er ernannt werden?

Im Moment kandidiert offiziell nur der amtierende Präsident José Manuel Barroso. Er hat die formelle Unterstützung des Europäischen Rates erhalten, also von den Staatsführern Europas. Ob er jedoch die notwendige Unterstützung des Europäischen Parlaments erhalten wird, ist unklar.

In den vergangenen fünf Jahren war Barroso ein schwacher Präsident ohne Vision und Ehrgeiz, ohne Führungsstärke und Einfluss. Er hat wenig aus dem Recht der Kommission gemacht, Gesetzesinitiativen auf den Weg zu bringen. Stattdessen lavierte er herum, immer darum besorgt, den konservativen Regierungen gefällig zu sein – insbesondere denen der großen Staaten.

Sofern diese Kommission überhaupt einen Eindruck in der europäischen Politik hinterlassen hat, dann durch die Anwendung einer neoliberalen Agenda und das Ausmerzen von bestehenden sozialdemokratischen Projekten wie die Lissabon Strategie. Eine entschlossene Antwort auf die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Kommission jedenfalls nicht gefunden.

Die Folgen sind desaströs. Der Brüsseler Thinktank Bruegel hat kürzlich eine Studie von André Sapir, einem Mitglied von Barrosos Group of Economic Policy Analysis, veröffentlicht, die beschreibt, wie die Lage der Dinge in Europa ist: "Höchstwahrscheinlich wird man sich dieser Krise erinnern als jenem Moment, in dem Europa unwiderruflich an Boden verloren hat, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. In wirtschaftlicher Hinsicht besteht das Risiko, dass die Krise in einer Abwärtsspirale aus Fast-Stagnation, steigender Verschuldung der öffentlichen Haushalte und abnehmender Innovationskraft münden wird. In politischer Hinsicht wird der Europäischen Union wahrscheinlich zur Last gelegt werden, dass sie neoliberale Reformen gefördert hat, anstatt eine koordinierte Reaktion auf die Krise vorangebracht zu haben."

Anlässlich der Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2009 drückten viele Bürger Europas aus, wie ihrer Meinung nach die nächsten fünf Jahre gestaltet werden sollten. Das Ergebnis war nicht eindeutig: Parteien mit einer Europa-freundlichen Ausrichtung wie die Grünen konnten Erfolge feiern, aber auch Parteien mit Europa-skeptischen Einstellungen verbesserten ihre Ergebnisse. Die Konservativen konnten ihr Niveau halten.

Die Sozialdemokraten, die versucht hatten, zugleich gegen und für Europa zu sein, mussten hingegen Verluste hinnehmen. Die Sozialdemokratische Partei Europas (PES) präsentierte sich in einer besonders schlechten Verfassung: Sie konnte sich nicht auf einen Kandidaten für die Präsidentschaft der Kommission einigen und verkündete bereits vor der Europawahl, dass sie den neoliberalen Barroso unterstützen wolle. Nachdem sie Stimmen verloren hatte, änderte sie nach den Wahlen ihre Meinung, und lehnt nun Barrosos Kandidatur ab. Ob sie dieses Mal ihr Wort hält? Das ist eine offene Frage.

Gibt es noch eine Chance, dass weitere fünf Jahre unter der Präsidentschaft Barrosos verhindert werden können? Die Antwort hängt davon ab, nach welchen Modalitäten er gewählt werden wird. Gemäß dem Vertrag von Nizza genügt zur Wahl des Präsidenten eine einfache Mehrheit, während nach den Vorgaben des Vertrags von Lissabon eine absolute Mehrheit notwendig ist. Doch der Vertrag von Lissabon ist noch nicht ratifiziert. Ein neues Referendum muss in Irland abgehalten werden, und die Präsidenten von Polen und Tschechien müssen den Vertrag noch unterzeichnen.