40 Jahre Gadhafi Der Exzentriker aus dem Wüstenzelt
"Bruder Führer" – Muammar al-Gadhafi feiert mit einer Militärparade und einem Riesenfeuerwerk sein 40. Jahr an der Macht – und ist damit der dienstälteste Potentat
Frankreich schickt zwei Rafale Kunstflugjets. Aus der ehemaligen Kolonialmacht Italien reist Premier Silvio Berlusconi an, während sich der Rest Europas entschuldigen lässt. "Du Schöpfer der Herrlichkeit, möge Dir der Ruhm gehören", heißt es auf Plakaten in den Straßen von Tripoli über den "Bruder Führer", wie ihn seine Untertanen nennen. Am Dienstag feiert Muammar al-Gadhafi mit Militärparade und Riesenfeuerwerk sein 40. Jahr an der Macht – und ist damit der dienstälteste Potentat der ganzen Welt.
Als der 27-jährige Oberst am 1. September 1969 gegen König Idris I. putschte, herrschten in China Mao-Tse-tung, in Russland Leonid Breschnew und in den Vereinigten Staaten Richard Nixon. Gäbe es heute in der arabischen Welt einen Preis für verschleuderten öffentlichen Reichtum und Missmanagement des Staates, Libyen würde ihn mit souveränem Vorsprung gewinnen, gefolgt von Algerien und dem Sudan, bilanziert heute der bekannte Publizist Rami G. Khouri. "Wo ist nur das ganze Ölgeld geblieben", fragte sich Gadhafi selbst kürzlich bei einem öffentlichen Auftritt und kündigte an, alle Ministerien abzuschaffen und die Öleinnahmen künftig direkt an das Volk auszuzahlen. Doch wie so oft - geschehen ist nichts.
"Ich bin der Führer der Führer Arabiens, ich bin der König der Könige Afrikas und ich bin der Imam aller Muslime", sagt er von sich selbst. Auf internationalen Treffen tritt er gerne in bunten Fantasieuniformen auf, umringt von seiner legendären weiblichen Leibgarde. Oder er kampiert mitten in fremden Hauptstädten im Wüstenzelt.
Anfangs galt Gadhafi im Westen als unbestechlich – und nicht an persönlichem Reichtum interessiert.
Doch schon bald änderte sich das Bild: Libyen startete ein geheimes Atomprogramm, finanzierte Aufständische und Terrorgruppen in allen Winkeln der Erde. Bei der Explosion an Bord des PanAm-Jumbos über dem schottischen Lockerbie 1988 und ein Jahr später bei der Sprengung eines französischen Flugzeugs über dem Niger führten die Spuren nach Tripoli.
Nach drei Jahrzehnten Pariastatus und internationalen Sanktionen kam 1999 die überraschende Wende. Gadhafi gab die Schuld an Lockerbie zu, entschädigte die Familien der Opfer und lieferte zwei Geheimdienstler an den Westen aus. Nach dem Ende seiner Atompläne nahmen die USA und Libyen nach 35 Jahren Unterbrechung 2006 wieder diplomatische Beziehungen auf, auch wenn der Heldenempfang des kürzlich begnadigten Lockerbie-Attentäters das Verhältnis beider Staaten derzeit akut belastet.
Der 67-jährige Revolutionsführer allerdings denkt nicht ans Aufhören, auch wenn er seinen zweitältesten Sohn Saif al-Islam ("Schwert des Islam") angeblich als Nachfolger vorbereitet. Dieser ist im Westen ausgebildet und gilt als Hoffnungsträger, weil er als einziger öffentliche Kritik an den "mafiösen Zuständen" im Land üben darf. Saif fordert eine Verfassung, private Medien, mehr Transparenz in der Politik und ein 70-Milliarden-Dollar Infrastrukturprogramm.
Was seine persönlichen Ambitionen angeht, gibt er sich jedoch bescheiden: "Zu einem Führer, wie es mein Vater ist, kann man weder durch Erbfolge noch durch Wahlen werden", sagte er in einem Interview. "War Beethovens Sohn ein großer Musiker? Man kann Präsident werden – aber zum Führer können einen nur Allah oder das Schicksal machen."
- Datum 30.08.2009 - 15:58 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 3
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terrorist und ein diktator.
mehr fällt mir zu dieser person nicht ein.
wird zeit das solche menschenverachter von der erdoberfläche verschwinden.
Herr Gadhafi hat soeben den Schweizer Bundespräsidenten abgewatscht, indem er einen Vertrag nicht eingehalten hat. Der Vertrag selber war ein grossartiges Beispiel eines Canossaganges und wirft die Frage auf, ob der Schweizer Bundespräsident überhaupt zurechnungsfähig ist. Wie auch immer. Da Libyen seit einem Jahr 2 Schweizer als Geiseln festhält und unsere Wirtschaft aufs Öl aus der Wüste angewiesen ist, wird jede Demütigung seitens Libyens ohne Murren hingenommen.
Jaja, das waren noch Zeiten, als wir über die ölgierigen, dummen US-Amerikaner schimpften. Herr Gadhafi führt uns mittlerweilen vor wie halbdebile Tanzbären. Ein Glück für die Schweiz, dass dieses oberpeinliche Drama weltweit kaum Schlagzeilen macht. Man müsste sich bodenlos schämen oder Asyl beantragen. (entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Die Redaktion/jk)
Aber bis dann werden wir uns noch kräftig im Bückling üben können...
Herr G. ist anders als im Artikel dargestellt gar nicht das Staatsoberhaupt Libyiens und zwar schon seit 1979 nicht mehr. Was lernen wir daraus? Der moderne Tyrann steht nicht unbedingt an der Spitze des Staates, sondern richtet das System nach sich aus.
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