Überlastung im Job "Der Druck wurde einfach übertrieben"
Der wachsende Stress in den Betrieben habe die Finanzkrise mit verursacht, sagt der Arbeitssoziologe Günter Voß im Interview. Arbeitnehmer sollten wieder lernen, ihr Privatleben zu verteidigen

Verschwommene Grenzen: Internet und Smartphones lassen unsere Freizeit zur Arbeit werden
ZEIT ONLINE: Herr Voß, hat die Wirtschaftskrise nicht auch etwas Gutes? Weil es weniger Aufträge gibt, lohnt es sich für viele Arbeitgeber nicht mehr, ihre Mitarbeiter bis zum letzten in die Arbeit einzuspannen und Überstunden machen zu lassen. Alle können ein wenig entspannen.
Günter Voß: Ich bin da skeptisch. Aufgrund der Wirtschaftskrise werden viele Unternehmen sparen müssen. Das könnte sie dazu verleiten, die Arbeitsbedingungen weiter zu deregulieren und Schutzmechanismen abzubauen. Andererseits bemerkt auch die Politik, dass die überzogene Deregulierung am Arbeitsmarkt und die zunehmende Entgrenzung der Arbeitsbeziehungen diese Krise mit verursacht hat.
ZEIT ONLINE: Wie das?
Voß: Nicht nur an den Finanzmärkten ist eine Blase geplatzt. Es ist auch eine Entwicklung an ihr Ende gekommen, die die Arbeitnehmer zunehmend unter Druck gesetzt hat. Ständig wird von ihnen Veränderungswille eingefordert, nicht nur viele Manager arbeiteten an ihren Grenzen. Einige Arbeitnehmer haben darunter sehr gelitten. An den Finanzmärkten ging das Versprechen um, dass die Renditen ständig steigen. In den Unternehmen lief es ähnlich ab, nur hieß hier die Währung Leistung.
ZEIT ONLINE: Was ist an Leistung so schlecht?
Voß: Es wurde vielfach einfach übertrieben. Da ist die Erwartung gezüchtet worden, man könne aus den Menschen immer mehr rausholen. Jeder, so hieß es, könne ein Top-Performer sein. Dass das nicht stimmen konnte, war offensichtlich. Am Ende hatte sich das derart zugespitzt, dass es nicht mehr weiter ging, überall sah man überforderte Menschen. Auch Studien von Krankenkassen kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass psychische Erkrankungen zunehmen, weil sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern. Die Euphorie, dass man immer mehr aus den Menschen herausholen kann, ist weg.
ZEIT ONLINE: Sie beschäftigen sich seit langem mit dem Phänomen der "Entgrenzung von Arbeit". Was ist damit gemeint?
Voß: Wir beobachten seit vielen Jahren, dass die Arbeitszeiten immer flexibler werden und sich die Bindung an einen festen Arbeitsort auflöst. Dazu gehört, dass die Beschäftigten viele Aufgaben außerhalb der Bürozeiten erledigen, unterwegs oder zu Hause.
- Datum 09.09.2009 - 10:26 Uhr
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"Andererseits bemerkt auch die Politik, dass die überzogene Deregulierung am Arbeitsmarkt und die zunehmende Entgrenzung der Arbeitsbeziehungen diese Krise mit verursacht hat."
"Es ist auch eine Entwicklung an ihr Ende gekommen, die die Arbeitnehmer
zunehmend unter Druck gesetzt hat."
Wer bemerkt das? Und welcher Arbeitgeber wird jetzt seine Angestellten vor Überbelastung schützen?
Es klingt alles so, als ob irgendjemand zu irgendeiner Einsicht gekommen wäre. Kapitalismus ist immer noch die oberflächlichste Wirtschaftsform und der Sinn, möglichst viel Geld zu machen binnen möglichst kurzer Zeit, wird sich so schnell nicht ändern. Überhaupt lernt man aus der Krise gar nichts, so wie es aussieht.
"Weil es weniger Aufträge gibt, lohnt es sich für viele Arbeitgeber nicht mehr, ihre Mitarbeiter bis zum letzten in die Arbeit einzuspannen"
Ich frage mich wirklich in welcher Welt der Fragesteller lebt. Wenn es weniger Aufträge gibt, dann werden Leute entlassen und zwar im Normalfall mehr Leute als es weniger Arbeit gibt. Die restlichen Arbeiter müssen dann noch mehr arbeiten.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass nicht bei wenigen Unternehmen stiller Jubel ausgebrochen sein muss, denn nie konnte man unter der allgegenwärtigen Überschrift "Wirtschaftskrise" und "Rezession" mit so wenig Rechtfertigungsdruck und so bequem, seine Azubis nicht übernehmen, Kurzarbeit anmelden, befristete Arbeitsverträge aussprechen und schlichtweg kündigen, wie zuvor. Die unternehmerische Haltung vom Einzelnen immer Produktivität einzufordern ist ja nun auch nichts Neues.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass nicht bei wenigen Unternehmen stiller Jubel ausgebrochen sein muss, denn nie konnte man unter der allgegenwärtigen Überschrift "Wirtschaftskrise" und "Rezession" mit so wenig Rechtfertigungsdruck und so bequem, seine Azubis nicht übernehmen, Kurzarbeit anmelden, befristete Arbeitsverträge aussprechen und schlichtweg kündigen, wie zuvor. Die unternehmerische Haltung vom Einzelnen immer Produktivität einzufordern ist ja nun auch nichts Neues.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass nicht bei wenigen Unternehmen stiller Jubel ausgebrochen sein muss, denn nie konnte man unter der allgegenwärtigen Überschrift "Wirtschaftskrise" und "Rezession" mit so wenig Rechtfertigungsdruck und so bequem, seine Azubis nicht übernehmen, Kurzarbeit anmelden, befristete Arbeitsverträge aussprechen und schlichtweg kündigen, wie zuvor. Die unternehmerische Haltung vom Einzelnen immer Produktivität einzufordern ist ja nun auch nichts Neues.
Nun kann ich mich glücklich schätzen, in einer halbwegs normalen Firma zu arbeiten, wo das Wort "Work-Life-Balance" zumindest auch mal in den Mund genommen und auch teilweise gelebt wird. Rund um die Uhr Verfügbarkeit findet dort (noch) nicht statt. Aber ich kann nicht erkennen, dass die Krise Anlass dazu ist, weniger von seinen Arbeitnehmern zu verlangen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Vieles ist mehr dem Aktionismus geschuldet, um seinen Eignern sagen zu können, "Hey, seht her, wir tun was!" und ich gehe davon aus, dass erst recht in börsennotierten Firmen darauf geachtet wird, das Arbeitnehmer mehr gefordert werden, als unter normalen Umständen.
... dann steht man ganz weit oben auf der Liste derer, die die Firma verlassen dürfen. "Es tut uns sehr leid, die Aufträge sind zurückgegangen und wir müssen uns leider von ihnen trennen..."
Ich habe mich nicht ausbeuten lassen. Ich habe auch mal nein gesagt nach einer 50 bis 55 Stundenwoche, als es darum ging am Samstag und/oder Sonntag auch noch zu kommen. Ich habe ein Stück Freiraum verlangt. Nur ein bisschen, um mindestens die Zeit zu haben auch mal etwas einkaufen gehen zu können. Nun habe ich sie, aber mehr als gewollt. Ich wurde als "Low-Performer" angesehen und die Krise kam genau richtig um im Betrieb aufzuräumen und 30% der Belegschaft zu entsorgen. Die anderen dürfen trotz Krise Samstag und Sonntag weitermachen... und sie tun es. Sie sehen ja was ansonsten passiert...
Nun fängt man an sich eine neue Stelle zu suchen und denkt mit der Berufserfahrung die man ja nun hat einen gerechten Lohn zu erhalten. Zumindest den gleichen wie davor, der war nämlich auch schon unterbezahlt. Fehlanzeige. "Das können wir nicht zahlen, Krise", bekommt man zu hören.
So läuft das ab, wenn man auf seine Rechte besteht...
Und eines ist auch sicher, nach der Krise wird es bestimmt nicht besser sein, eher noch härter. Was denn bitte haben wir daraus gelernt? Schöner neuer Kapitalismus.
scheint aber leider fast normal zu sein. Lebe totz eines 40+X Stunden-Job unter der Armutsgrenze!
Es tut mir sehr leid, was Ihnen passiert ist, denn aus meiner Sicht hatten Sie recht, und zwar vollkommen.
Ich weiss auch, dass es in vielen Unternehmen genau so läuft, wie Sie es beschreiben. Allerdings sehe ich nicht Ihr Verhalten als Problem, sondern das Verhalten der anderen, der Dauerjasager.
Diese brennen sich bis zur absoluten Erschöpfung aus, weil sie glauben, immer etwas schneller und besser als die anderen sein und es tatsächlich zu sein. In der Tat haben diese dann immer zu tun und bringen oft gar nichts fertig. Oder um es einmal mit den Worten eines von mir sehr geschätzten Kollegen einer Italienischen Firma auszudrücken: Wer meint Samstags arbeiten zu müssen beweist, die ganze Woche über nichts fertig gebracht zu haben.
Ein Trost für Sie: In der besagten Firma wimmelte es anfangs von den Samstagsarbeitern, die keines der Projekte, die sie angefangen hatten, in ihrer Größe auch nur einschätzen konnten. Der Abteilungsleiter arbeitete jeden Tag 15 Stunden. Er hat ganz viel Chaos angerichtet und überhaupt nichts fertig gebracht.
Langsam aber sicher wurden diese "Workaholics" aber ersetzt. Auch der Abteilungsleiter. Und als ich nach ca. 1 Jahr einen meiner Exfirma (ich hatte inzwischen den Arbeitsplatz gewechselt) gefragt habe, wie es mit dem neuen Abteilungsleiter geht, der kurz zuvor von Fiat eingesetzt wurde, antwortete dieser: Sehr gut! Er ist sehr ruhig, immer ansprechbar, lässt mich meine Aufgaben erledigen und gibt mir Ratschläge, wenn ich ihn frage.
Dieser neue Abteilungsleiter hat keine 15 Stunden am Tag gerödelt, aber sicher auch nicht weniger fertiggebracht als jener, der überall hineingequasselt hat.
in vielen deutschen Unternehmen Normalität ist. Leider!
Kennt eigentlich noch irgend jemand das deutsche Arbeitsschutzgesetzt. In jedem Betrieb, jedem Büro und vor allen Dingen in jedem Personalbüro sollte die maximal erlaubten Tages- Wochen und Monatsarbeitszeiten aushängen. Wo sind die Betriebsräte oder die Gewerkschaften, die da mal nachschauen sollten. Es geht auf Kosten der Gesundheit, wenn der Arbeitnehmer sich überfordern muß.
Aufsichtsgremien sind die Gewerbeaufsichtsämter. Doch die kommen nicht um nachzusehen, ob die Gesetzte eingehalten werden. Wenn man denen aber einen Tip gibt, kann es zu empfindlichen Strafen für den Arbeitgeber kommen. Und beim 2. Verstoß geht es so richtig ans eingemachte für den Arbeitgeber (100 € Strafe für jede zu viel gearbeitete Stunde.) Auch so kann man oder muß man manche Arbeigeber erziehen.
scheint aber leider fast normal zu sein. Lebe totz eines 40+X Stunden-Job unter der Armutsgrenze!
Es tut mir sehr leid, was Ihnen passiert ist, denn aus meiner Sicht hatten Sie recht, und zwar vollkommen.
Ich weiss auch, dass es in vielen Unternehmen genau so läuft, wie Sie es beschreiben. Allerdings sehe ich nicht Ihr Verhalten als Problem, sondern das Verhalten der anderen, der Dauerjasager.
Diese brennen sich bis zur absoluten Erschöpfung aus, weil sie glauben, immer etwas schneller und besser als die anderen sein und es tatsächlich zu sein. In der Tat haben diese dann immer zu tun und bringen oft gar nichts fertig. Oder um es einmal mit den Worten eines von mir sehr geschätzten Kollegen einer Italienischen Firma auszudrücken: Wer meint Samstags arbeiten zu müssen beweist, die ganze Woche über nichts fertig gebracht zu haben.
Ein Trost für Sie: In der besagten Firma wimmelte es anfangs von den Samstagsarbeitern, die keines der Projekte, die sie angefangen hatten, in ihrer Größe auch nur einschätzen konnten. Der Abteilungsleiter arbeitete jeden Tag 15 Stunden. Er hat ganz viel Chaos angerichtet und überhaupt nichts fertig gebracht.
Langsam aber sicher wurden diese "Workaholics" aber ersetzt. Auch der Abteilungsleiter. Und als ich nach ca. 1 Jahr einen meiner Exfirma (ich hatte inzwischen den Arbeitsplatz gewechselt) gefragt habe, wie es mit dem neuen Abteilungsleiter geht, der kurz zuvor von Fiat eingesetzt wurde, antwortete dieser: Sehr gut! Er ist sehr ruhig, immer ansprechbar, lässt mich meine Aufgaben erledigen und gibt mir Ratschläge, wenn ich ihn frage.
Dieser neue Abteilungsleiter hat keine 15 Stunden am Tag gerödelt, aber sicher auch nicht weniger fertiggebracht als jener, der überall hineingequasselt hat.
in vielen deutschen Unternehmen Normalität ist. Leider!
Kennt eigentlich noch irgend jemand das deutsche Arbeitsschutzgesetzt. In jedem Betrieb, jedem Büro und vor allen Dingen in jedem Personalbüro sollte die maximal erlaubten Tages- Wochen und Monatsarbeitszeiten aushängen. Wo sind die Betriebsräte oder die Gewerkschaften, die da mal nachschauen sollten. Es geht auf Kosten der Gesundheit, wenn der Arbeitnehmer sich überfordern muß.
Aufsichtsgremien sind die Gewerbeaufsichtsämter. Doch die kommen nicht um nachzusehen, ob die Gesetzte eingehalten werden. Wenn man denen aber einen Tip gibt, kann es zu empfindlichen Strafen für den Arbeitgeber kommen. Und beim 2. Verstoß geht es so richtig ans eingemachte für den Arbeitgeber (100 € Strafe für jede zu viel gearbeitete Stunde.) Auch so kann man oder muß man manche Arbeigeber erziehen.
.... zu diesem Thema eine tolle Studie von der Hans Böckler Stiftung "Entgrenzte Arbeit - entgrenzte Familie: Grenzmanagement im Alltag als neue Herausforderung" verfasst von Karin Jurczyk, Michaela Schier, Peggy Szymenderski, Andreas Lange und G. Günter Voß zu genau diesem Thema. Wer also etwas tiefer einsteigen möchte, findet da einen guten Ansatz :-)
scheint aber leider fast normal zu sein. Lebe totz eines 40+X Stunden-Job unter der Armutsgrenze!
Es tut mir sehr leid, was Ihnen passiert ist, denn aus meiner Sicht hatten Sie recht, und zwar vollkommen.
Ich weiss auch, dass es in vielen Unternehmen genau so läuft, wie Sie es beschreiben. Allerdings sehe ich nicht Ihr Verhalten als Problem, sondern das Verhalten der anderen, der Dauerjasager.
Diese brennen sich bis zur absoluten Erschöpfung aus, weil sie glauben, immer etwas schneller und besser als die anderen sein und es tatsächlich zu sein. In der Tat haben diese dann immer zu tun und bringen oft gar nichts fertig. Oder um es einmal mit den Worten eines von mir sehr geschätzten Kollegen einer Italienischen Firma auszudrücken: Wer meint Samstags arbeiten zu müssen beweist, die ganze Woche über nichts fertig gebracht zu haben.
Ein Trost für Sie: In der besagten Firma wimmelte es anfangs von den Samstagsarbeitern, die keines der Projekte, die sie angefangen hatten, in ihrer Größe auch nur einschätzen konnten. Der Abteilungsleiter arbeitete jeden Tag 15 Stunden. Er hat ganz viel Chaos angerichtet und überhaupt nichts fertig gebracht.
Langsam aber sicher wurden diese "Workaholics" aber ersetzt. Auch der Abteilungsleiter. Und als ich nach ca. 1 Jahr einen meiner Exfirma (ich hatte inzwischen den Arbeitsplatz gewechselt) gefragt habe, wie es mit dem neuen Abteilungsleiter geht, der kurz zuvor von Fiat eingesetzt wurde, antwortete dieser: Sehr gut! Er ist sehr ruhig, immer ansprechbar, lässt mich meine Aufgaben erledigen und gibt mir Ratschläge, wenn ich ihn frage.
Dieser neue Abteilungsleiter hat keine 15 Stunden am Tag gerödelt, aber sicher auch nicht weniger fertiggebracht als jener, der überall hineingequasselt hat.
... nach so etwas suche ich zurzeit... Aber es wird immer schwieriger...
... nach so etwas suche ich zurzeit... Aber es wird immer schwieriger...
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