Viele Menschen werden sich verwundert den Kopf kratzen, wenn sie erfahren, dass sich in Japan am Sonntag das größte politische Erdbeben seit 50 Jahren ereignet hat. Schließlich ist es nur fünf Jahre her, dass die Liberal-Demokratische Partei (LDP) von Premierminister Junichiro Koiumi einen erdrutschartigen Sieg erzielt hatte, der die Opposition, die Demokratische Partei Japans (DPJ), in Fetzen zurückließ.

Doch Sonntag gab es wieder einen Erdrutsch, nun zugunsten der DPJ. Zum ersten Mal in einem halben Jahrhundert hat die LDP ihren Status als führende Partei verloren. Und um ehrlich zu sein, weiß niemand, wie es dazu überhaupt kommen konnte.

Die LDP, angeführt von Premierminister Aso, kann sich nicht entscheiden, ob sie an "zu viel Koizumi-Reformen" gescheitert ist - dem Premier des letzten großen Wahlsieges - oder an "zu wenig Koizumi-Reformen". Der Führer der DPJ und baldige Premierminister Yukio Hatoyama ist alles andere als charismatisch, und der Erfolg seiner Partei ist gewiss nicht sein Verdienst.

Unbestritten ist, dass seit der Lehman-Krise viele japanische Arbeiter beispiellose Lohneinschnitte hinnehmen mussten und dass niemand mehr immun ist vor der Furcht um seinen Arbeitsplatz. Viele sorgen sich, dass Japans exportabhängige Wirtschaft – das Markenzeichen der LDP – nicht mehr länger funktioniert und dass Japan drastische Veränderungen braucht.

Das Wahlprogramm der DPJ enthält tatsächlich viele sichtbare Veränderungen. Ihr Ziel ist es, aus Japans unternehmerfreundlichen Wirtschaft ein verbraucherorientiertes System zu machen. So will die DPJ die hohen Gebühren für die Highways und die Schulgebühren abschaffen. Pro Kind soll jeder Haushalt jährlich 26.000 Yen erhalten. Die LDP konnte diesen Vorschlägen nichts entgegensetzen. Stattdessen kritisierten ihre Vertreter nur die Ausgabenfreude der DPJ.

Es ist richtig, dass die DPJ die Öffentlichkeit nur schwer davon überzeugen konnte, dass die Kosten für diese teuren Wahlversprechen nicht durch Steuererhöhungen, sondern durch Einsparungen aufgebracht werden können. Sollte die DPJ es nicht schaffen, das steigende Defizit des Staatshaushalts einzudämmen, wird der Druck auf den Yen und auf die Staatsanleihen immens sein. Aber wenn es der DPJ gelingt, die Staatsausgaben rigoros zusammenzustreichen, beispielsweise im Bereich der Rüstung, könnte eine neue Ära beginnen.