Die Milch ist eines unserer liebsten Nahrungsmittel. Ob frisch, als Käse, Joghurt oder Butter, die weiße Flüssigkeit ist nicht mehr wegzudenken. Und doch ist der Mensch von Natur aus kein Milchtrinker. Denn in dem weißen Saft steckt neben Eiweiß, Fett und Vitaminen vor allem der Zucker Laktose, den ursprünglich nur Säuglinge verdauen konnten, solange sie noch Muttermilch bekamen. Den meisten Erwachsenen bereitete die Laktose noch vor wenigen Tausend Jahren arge Bauchschmerzen. Erst vor gut 7500 Jahren gewöhnten sich die ersten Europäer an den Milchzucker.

Zuvor war es offenbar äußerst exotisch, wenn jemand Milch vertrug. So entscheidet eine bestimmte Version eines einzelnen Gens darüber, ob wir Milch genießen können oder sie bei uns Bauchgrimmen verursacht. Im Erbmaterial von Skeletten aus dem 6. Jahrtausend vor Christus entdeckte der Paläogenetiker Joachim Burger bereits vor zwei Jahren, dass dieses LCT-Gen in seiner ursprünglichen Form eine Laktoseunverträglichkeit auslöst.

Nur Babys besaßen einst noch das Enzym Laktase, das den Zucker in der Muttermilch spaltete. Doch ab dem fünften Lebensjahr produzierte der Dünndarm das Eiweiß nicht mehr. Fehlt das Enzym, verhindert es, dass Laktose vom Darm aufgenommen wird. Der Milchzucker bleibt im Dickdarm, wo Bakterien über ihn herfallen. Die verarbeiten ihn zu verschiedenen Stoffen, wie etwa Milchsäure und Kohlendioxid, die zu Bauchschmerzen führen. Im schlimmsten Fall löst die Unverträglichkeit neben Blähungen und Durchfall sogar Darmkoliken aus.

Heute steckt Laktose jedoch nicht nur in gängigen Milchprodukten wie Käse oder Joghurt, sondern ist weit verbreitet: zum Beispiel in Schokolade, Eis und pulvrigen Fixprodukten. Für die meisten europäischstämmigen Menschen ist die Verwertung des Milchzuckers seit Generationen kein Problem mehr. Denn sie tragen eine bestimmte Version des LCT-Gens in sich. Die Veränderung, die Genetiker unter dem Namen 13,910*T kennen, verhindert, dass der Körper die Laktaseproduktion in jungen Jahren einstellt. Die Mutation sorgte dafür, dass der Mensch den Milchzucker verdauen kann und erklärt, weshalb die Milch heute so einen hohen Stellenwert auf der Lebensmittelliste hat.

Die Verträglichkeit der Laktose setzte sich allerdings nicht überall durch: Noch heute können nur wenige Asiaten den Milchzucker abbauen. Deshalb stehen dort in den Supermarktregalen Milchprodukte mit industriell schon gespaltenem Milchzucker. In Europa , Nord- und Mittelamerika , in Teilen Afrikas bis hin nach Australien ist Laktose hingegen für die meisten Menschen ohne Nebenwirkung.

Doch wann und wo wurde der Mensch zum Milchtrinker? Ein Forscherteam um den Genetiker Mark Thomas vom University College in London hat den Ursprung der Laktosetoleranz nun ausgemacht. Vor etwa 7900 bis 7450 Jahren nahmen demnach erstmals Menschen im heutigen Rumänien und Ungarn Milchprodukte zu sich. Hier lebte zu jener Zeit die Linienbandkeramische Kultur, eine der wohl wichtigsten Bevölkerungen in Europas Jungsteinzeit.

"Es gibt keinen Zweifel, dass diese Kultur Europa buchstäblich die Zivilisation brachte", sagt Thomas. Die Nachkommen der Jungsteinzeitler verbreiteten sich rasch über den europäischen Kontinent. Der Siegeszug der Milchtrinker setzte dabei gleichzeitig mit einer ebenso plötzlichen wie rasanten kulturellen Revolution ein: Die Erfindung der Landwirtschaft. "Die Fähigkeit Milch zu trinken und die ganze Milchwirtschaft waren entscheidende Faktoren, um diese rasante Verbreitung voranzutreiben." Es ist also kaum ein Zufall, dass der Beginn der bäuerlichen Lebensweise mit dem Aufkommen der Laktoseverträglichkeit unmittelbar zusammenhängt.