Miss Platnum Trink, Schwester, trink

Berlin ist um eine Popsensation reicher: Die Sängerin Miss Platnum definiert mit ihrem Balkan Soul den Klang der Stadt

Balkan Queen: Miss Platnum will robuste Frauen auf Titelblättern sehen. Solche wie sie

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Die Frau ist sauer. Was soll das heißen, faucht sie ihren Ehemann an, du bist nur Zigaretten holen gegangen? Drei Stunden? "Another day you left", fährt sie fort, "to walk the dog/ but you got lost in the fog". Nein, eine wie sie, die Zorn als Frösteln im Nacken spürt, will es genau wissen. Where Did You Go Boy heißt der Song auf dem neuen Album von Miss Platnum. Und vom ersten Ton an ist klar, dass sie die Antwort finden wird. Das Knacken einer alten, oft gespielten Filmkopie, die unheilvollen Streicher verraten es. Schließlich stürmt die Frau mit einem Messer aus dem Haus – und erledigt die Sache. "Next day, when they ask, where did your husband go/I say, officer, I don’t know."

Miss Platnum braucht nicht viel, um einem Song zum blutigen Drama zu verhelfen. Ihre Sprache ist klar, die Beats energisch synkopiert, und wenn die Sängerin sich im Mittelteil vorwirft, nicht stärker gewesen zu sein, um den untreuen Mann vor sich selbst zu retten, ist die seelische Spannung hergestellt, die große Soulmusik ausmacht. Nun erscheint The Sweetest Hangover, das zweite Album der 30-Jährigen mit Wohnsitz am Kottbusser Tor in Berlin. Und die Hauptstadt ist um eine Popsensation reicher.

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Produziert von denselben Leuten, die Seeed und Peter Fox mit ambitioniert zeitgemäßen Beats versorgt haben, hebt es eine Musik auf internationales Niveau, die so nur in Berlin entstehen konnte. Wo aus Dönerbuden orientalische Disco-Nummern schwappen, in Cafés russische Einwanderer und Flüchtlinge vom Balkan mit Balaleika-Weisen ihr Heimweh besänftigen. Wo der schlurfende Halbstarkengang der Jungs auf der Straße vom globalen Siegeszug des HipHop zeugt.

"Ich wollte ja erst eine richtige R'n'B- und Soul-Sängerin sein, merkte aber, ich bin es nicht", erzählt Ruth Maria Renner und sieht dabei gar nicht wie Miss Platnum aus. Die müsste jetzt Stilettos und ein Pelzjäckchen tragen, ein Pailletten- oder heftig korsagiertes Rüschenkleid. Es würde funkeln und wippen an dem üppigen Frauenkörper, für den Peter Fox die Aufforderung erfunden haben könnte "Schüttel dein Speck". Doch Ruth Maria Renner sitzt abseits eines Videodrehs gelassen auf dem Stuhl, als sie vom Flop ihres Debüts berichtet. Rock Me hieß es und ging unter im Neo-Soul-Hype um Amy Winehouse. Also besann sich die gebürtige Rumänin eines Besseren: "Plötzlich hatte ich die Idee mit den Balkanbeats. Das könnte funktionieren, dachte ich, wenn ich auch nicht wusste, wie."

Soulmusik ist in Deutschland, dem wohl unsouligsten Fleck auf diesem Planeten, für junge Frauen mit toller Stimme ein Emanzipationsventil, wie die Karrieren von Stefanie Heinzmann oder Joy Denalane zeigen. Sehr oft spielen Migrationserfahrungen hinein. Ruth Maria Renner wuchs als Tochter eines Meteorologenpaars auf einer abgelegenen Wetterstation in Rumänien auf. Die Kindheit, eine Selbstversorgeridylle zwischen Kühen, Schweinen, Wölfen und Bären, habe sie gefestigt, so dass sie so schnell nichts mehr aus der Fassung bringe.

Auch die dramatischen Umstände ihrer Übersiedlung nach Berlin 1988 änderten daran nichts – die Eltern waren über Ungarn in den Westen geflohen, hatten sie und ihren Bruder zurückgelassen. Erst nach sechs Monaten durften sie nachreisen. Da sei sie zwar "zu schnell in eine Welt geschubst worden, die mich überfordert hat". Doch sie blieb unbeirrbar. Mit ihrem Aussehen, ihren Klamotten, einer Schwäche für Chaka Khan und dem notdürftig geflickten Kassenbrillengestell sagte sie sich, dass die Mitschüler sie "irgendwann schon cool finden" würden. Sie empfand es als Glück, überhaupt in Berlin zu sein.

Ein gehöriges Maß an Übertreibung gehörte allerdings auch dazu. Als Renner die Kunstfigur Miss Platnum erfindet, ist die schrille "Balkan- R'n'B-Queen", die das R rollen lässt und ungezügelt ihre Hysterien auslebt, ein Vehikel, um sich selbst nicht mehr langweilig zu finden. Sie versammelt eine Bigband um sich, adaptiert osteuropäische Zigeunerfolklore und lässt sie in scharf akzentuierte HipHop-Beats fließen. Eine der spannendsten musikalischen Symbiosen der letzten Jahre ist geboren. Balkanpop sei der "Soul Europas", meint Miss Platnum und steht voll im Trend einer Gypsy-Welle, die durch DJs wie Shantel erst Discos in den Wahnsinn treibt und in der Zusammenarbeit von Madonna und Gogol Bordello schnell den Mainstream erfasst. Schwermut trifft auf Seele. Miss Platnums 2007 veröffentlichtes Album Chefa beschert ihr begeisterte Kritiken und einen Echo als Newcomerin des Jahres.

Leser-Kommentare
  1. Habe den Bericht erst jetzt entdeckt und muss unbedingt was dazu sagen: Da schreibt der Eine vom dem Anderen ab und drin steht immer fälschlicher weise der Dj Robert Soko. Der Ausschlag gebende Punkt war der das sich die Balkan Musik zum Rest der Welt gerichtet hat und derjenige der den Mr. Soko dazu gebracht hat war der Musiker Valentino Vallente. Das damalige Radio Multi Kulti organisierte seine Party Konzerte unter dem Motto "BALKANBEATS" für Alle.

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