RamadanFasten – kurzer Ausstieg aus der Konsumlogik unseres Alltags

Aylin Cakcak ist in Deutschland aufgewachsen und hat erst vor Kurzem zu ihren muslimischen Wurzeln zurückgefunden. Sogar ihre türkischen Eltern sind misstrauisch, dass sie jetzt fastet von Deniz Baspinar

Aylin Cakcak hat Jura studiert. Doch das reichte ihr nicht. Inzwischen gehört sie einem Sufi-Orden an

Aylin Cakcak hat Jura studiert. Doch das reichte ihr nicht. Inzwischen gehört sie einem Sufi-Orden an  |  © privat

Es ist Ramadan. Ich treffe die 41-jährige Aylin Cakcak im Café, um über das Fasten zu sprechen. Als wir am Tisch sitzen, komme ich mir ziemlich gedankenlos vor. Aylin bestellt nämlich nichts. Sie verzichtet heute sogar auf ihren geliebten Kaffee. Wer im islamischen Sinne fastet, darf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen und trinken. Eine harte Prüfung im Hochsommer, bedeutet es doch fast 16 Stunden Enthaltsamkeit. Aus Solidarität bestelle ich nur ein Mineralwasser. Während ich schuldbewusst an meinem Wasser nippe, erzählt Aylin von ihrem Leben.

Geboren in Kütahya, in der Westtürkei, ist sie mit ihrer Familie im Alter von vier Jahren nach Deutschland gekommen. Der Vater, ein ehemaliger Profi-Fußballspieler, und die Mutter, eine gelernte Schneiderin, sind modern und laizistisch. Modernität und Religionsferne, das sind in der Türkei nach wie vor fast Synonyme. Die Familie lebt im Ruhrgebiet, bis die Eltern Ende der achtziger Jahre in die Türkei zurückkehren und die beiden erwachsenen Töchter in Deutschland zurücklassen ("Meine Tochter, ich vertraue dir, du machst das schon!").

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Aylin beginnt ein Jurastudium, jobbt lange Jahre im Medienbereich, bevor sie mit 32 doch noch das ungeliebte Jurastudium abschließt. Im Referendariat überkommt sie eine Sinnkrise. Ein Leben lang Aktenberge mit Verkehrsunfällen bearbeiten? Das kann es doch nicht gewesen sein. Sie schmeißt hin und geht auf die Suche. Sie sucht im Hinduismus, im Buddhismus nach Antworten, praktiziert verschiedene Meditationstechniken.

Bis sie im Jahr 2000 auf eine Sufi-Gruppe trifft. Der Sufismus versteht sich als mystische Ausrichtung des Islam. Die Gruppe trifft sich einmal die Woche zu "Sohbets", zu einem religiösen Gesprächskreis, im Anschluss meditieren alle gemeinsam. Die sufische Meditationstechnik wird "Dhikr" genannt. Dabei wiederholt man bestimmte Attribute oder die Namen Allahs, man spricht also eine Art Mantra. Ziel ist, sich in einen entrückten Zustand zu versetzen, der die Nähe zu Gott verspricht.

Der Beginn des neuen Jahrtausends ist vielleicht kein glücklicher Zeitpunkt, um sich dem islamischen Glauben zuzuwenden. Nach 9/11 geraten auch die Sufis schnell unter Verdacht. Aylin erzählt von einem Bekannten, der in der Sicherheitskontrolle eines deutschen Flughafens in Schwierigkeiten geriet. In seinem Kulturbeutel war neben einer Flasche Shampoo ein kleiner elektronischer Zähler mit einem Druckknopf.

Dieser Zähler kann als Ersatz für die Gebetskette verwendet werden. Denn die Mitglieder des Ordens sind aufgerufen, auch im Alltag eine bestimmte Anzahl von Mantren aufzusagen. Davon wussten natürlich die Sicherheitsbeamten am Flughafen nichts. Sie stürmten den Kontrollbereich, der Reisende wurde sofort separiert und durfte sich dem Kulturbeutel nicht nähern, bis Experten Entwarnung gaben. Ein langes Verhör folgte, bis man den armen Mann weiterziehen lässt.

Sogar Aylins türkische Familie reagiert misstrauisch. Und Aylin selbst hätte früher auch nicht damit gerechnet, dass sie zu ihren muslimischen Wurzeln zurückfinden würde. Immer wieder scheint sie sich rechtfertigen zu wollen, indem sie die jahrhundertealte Tradition der Toleranz im Sufismus hervorhebt. Sie spürt das Misstrauen, das viele Gesprächspartner dem Islam entgegenbringen. Doch sie fühlt sich aufgehoben in ihrem Glauben.

Die Kölümne
Die Kölümne

Deniz Baspinar schreibt über Deutschland und Deutsche mit und ohne Hintergrund; lesen Sie hier mehr aus der Serie  Kölümne

Seit Aylin im Sufiorden aktiv ist, fastet sie nach muslimischem Ritus. Sie ist stolz, dass sie sich trotz des Durstes und des Hungers in der Hitze an den langen Sommertagen kontrollieren kann. Durch die Anstrengungen will sie Körper und Seele reinigen. Aylin geht es in diesem Monat um Enthaltsamkeit, um die Zähmung unserer auf das Diesseits gerichteten Wünsche und Bedürfnisse. Ein zeitlich begrenzter Ausstieg aus der Konsumlogik unseres Alltags. Eine Zivilisationskritik, die dem westlichen Diskurs eigentlich nicht fremd ist.

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  • Schlagworte Allah | Buddhismus | Flughafen | Hinduismus | Islam | Ramadan
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