Robert Menasse Durch Mutters Jalousienbrille

Wenige können so unterhaltsame philosophische Geschichten schreiben wie Robert Menasse. Sein neuer Erzählband stellt die Frage: Wo war ich, als etwas Bedeutsames geschah?

Jeder, der zu Zeiten des Kalten Krieges eine Briefmarkensammlung besaß, weiß, welche Schwierigkeiten die beiden deutschen Staaten einem Philatelisten bereiten konnten: Wohin mit der DDR? Sollte man die Teilung einfach  akzeptieren oder aus Trotz ignorieren und eine gesamtdeutsche Abteilung anlegen? Dieses Problem stellte sich auch einst jenem Mann, der sich in einer der neuen Erzählungen Robert Menasses an den geschichtsträchtigen 9. November 1989 erinnert. Und so ist es nicht skurril, sondern folgerichtig, wenn er in seinem Tagebuch notiert: "Als ich im Fernsehen die Bilder der Maueröffnung sah, sprang ich auf und suchte mein Briefmarkenalbum."

Das Verfahren, das Menasses Texten zugrunde liegt, offenbart sich in solchen Szenen: Geschichte und Persönliches spiegeln sich ineinander; die Einzelbiografie wird zum Paradigma für das Weltgeschehen. "Erzählungen vom Ende der Nachkriegsordnung" – so hat Menasse sein neues Buch untertitelt, und nicht zum ersten Mal bei diesem Autor denkt man, ob es nicht auch eine Nummer kleiner gegangen wäre, um gleich darauf die Antwort selbst zu geben: Nein. Und man muss festhalten, dass es wenige Schriftsteller gibt, die auf so unterhaltsame Weise Philosophisches und Welthaltiges in eine funktionierende Prosa gießen können. Die Frage, die über fast jedem der Texte stehen könnte, lautet: "Wo war ich, als etwas Bedeutsames geschah?" Derartige Erinnerungsmomente dürften sich zuletzt festgesetzt haben, als Michael Jackson starb. So profan geht es in Menasses Erzählungen allerdings nicht zu.

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Seine Erzähler ähneln sich auf erstaunliche Weise: Wie der Autor selbst sind es zumeist Mittfünfziger aus einem akademisch gebildeten Milieu und links sozialisiert. Da ist der Mann, der am 11. September 1973, dem Tag des Putsches in Chile, vor der Botschaft der USA demonstriert, woraufhin sein Vater, der ihn für einen Maoisten hält, den Geldhahn zudreht. Jahrzehnte später sitzt er nun seinem eigenen Sohn gegenüber und versteht ihn und das, was ihn antreibt, ebenfalls nicht.

Ein anderer verbindet mit dem 22. November 1963, jenem Tag, an dem John F. Kennedy in Dallas ermordet wurde, die Erinnerung an die Sonnenbrille seiner Mutter: "Statt Gläsern hatte sie Jalousien! Eine moderne Brille aus Amerika! Mit dieser Brille sah man die Welt mit anderen Augen, und man wurde auch anders angesehen." Während er das erzählt, bemerkt er, dass er sich von seiner amerikanischen Frau trennen muss. Das Umschlagfoto von Ich kann jeder sagen zeigt im Übrigen die Mutter Robert Menasses im Jahr 1963. Sie trägt eine Jalousien-Sonnenbrille.

Und in der vielleicht besten Erzählung des Buches erinnert sich ein desillusionierter Buchhändler an den 9. November 1977 als der österreichische Textilindustrielle Walter Palmers entführt wurde. Im Zuge der Ermittlungen warfen nicht Wenige aus dem Umfeld der vermeintlichen Entführer (ein österreichischer RAF-Ableger, wie vermutet wurde) ihre blauen Marx-Engels-Ausgaben in den Müll, aus vorauseilendem ideologischen Gehorsam. Der Ich-Erzähler sammelt sie ein, und sie stehen bis jetzt als zusammen geklaubte Gesamtausgabe in seiner Buchhandlung – als unverkäufliche Reminiszenz an eine verlorene Zeit der Utopien.

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