Robert Menasse Durch Mutters JalousienbrilleSeite 2/2

So wie der Buchhändler sich eine Gesamtausgabe zusammensucht, so verfährt Robert Menasse mit den Lebensläufen seiner Protagonisten: Er erzählt sie nicht geradeaus, sondern in suchenden, manchmal auch kalkuliert quälenden, stockenden Sätzen, in Ausweich- und Kreisbewegungen. "Eigentümlicherweise", so heißt es einmal, "war mein erster Gedanke, alle Autobiographien in meiner Buchhandlung zu entfernen. Ich musste meinen Laden säubern. Alles Lüge! Ich konnte mich nicht einmal an einen dramatischen Vorfall erinnern, der kurze Zeit zurücklag, wie sollte es da möglich sein, sich an sein ganzes Leben zu erinnern? Lügen! Vielleicht ist das die Definition von Autobiographie: Dialektische Lebenslüge. Die Lüge, die zur Gewissheit wird. Die Genauigkeit, die am Ende als Unwahrheit erscheint."

Gegen autobiografische Erinnerung, die sich rückwirkend zu einer vermeintlich sicheren, also: bequemen, Gewissheit verdichtet, setzt Menasse sein Zeitmikroskop. Kein planvoller Verlauf im Großen und Ganzen, sondern kontingente Einzelmomente, in denen sich jeweils eine historische Wahrheit auftut. Das ist nicht immer nostalgiefrei, aber im Fall dieser Erzählungen auch immer wieder erhellend.

 
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