EU-Chemikalienverordnung Wie viele Tierversuche werden wirklich nötig?
Forscher hatten in "Nature" von 54 Millionen Tierversuchen in Folge der neuen EU-Regelung gesprochen. Die europäische Chemikalienbehörde hält das für übertrieben
© China Photos/Getty Images

Ratten gehören zu den Tieren, die am häufigsten für Tierversuche genutzt werden
Es klang dramatisch: Für die Zulassung von Chemikalien nach der EU-Verordnung "Reach" (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) seien mindestens 54 Millionen Tierversuche nötig. Das berichteten die Toxikologen Thomas Hartung und Costanza Rovida in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins Nature.
Dem widerspricht nun die europäische Chemikalienbehörde "Echa". Die Autoren hätten die Anzahl der betroffenen Chemikalien – das sind alle Substanzen, von denen pro Jahr mehr als 1000 Kilogramm auf den europäischen Markt kommen – um mindestens das Doppelte überschätzt. Folglich sei die Zahl der damit verbundenen Tierexperimente zu hoch angesetzt. Es sei lediglich mit neun Millionen Tierversuchen zu rechnen.
"Hartung geht es vor allem darum, Werbung zu machen und Alternativmethoden für Tierversuche voranzutreiben", sagt Richard Vogel vom Bundesinstitut für Risikobewertung. "Ich bin auch entschieden dafür, solche Tests so weit wie möglich zu ersetzen und zu reduzieren, aber dazu muss man mit glaubhaften Zahlen argumentieren", sagt der Toxikologe. "Was Hartung tut, ist unseriös und dient nicht der Sache."
Hartung und Rovida hatten geschätzt, dass durch steigende Produktion und neu hinzugekommene EU-Staaten mindestens 68.000 Chemikalien, vielleicht sogar 100.000 unter die Reach-Regeln fallen. "Ich kann mir nicht erklären, wie er auf diese Zahlen kommt, und mir ist auch unklar, warum Nature die deutlich überhöhten Werte publiziert", sagt Vogel. Es gebe keine neuen Erhebungen, so dass die Schätzung von gut 30.000 primär zu testenden Substanzen weiterhin gelte.
In einer schriftlichen Stellungnahme zu den Vorwürfen der Echa meidet Hartung die strittige Zahl der betroffenen Chemikalien und erwähnt lediglich, dass es eine Steigerung geben wird. Eine Verdoppelung oder gar Verdreifachung nennt er nicht mehr explizit. Stattdessen macht er eine Rechnung mit offiziellen EU-Angaben auf: Etwa 3500 Chemikalien werden in Mengen von jeweils mehr als 1000 Tonnen pro Jahr erwartet und müssten daher in umfangreichen Tierversuchen auf mögliche Schäden an Fruchtbarkeit und Embryonen getestet werden. Allein diese Analysen würden rund 13 Millionen Tierversuche nötig machen, schreibt Hartung.
"Die übrigen Substanzen, die in geringeren Mengen hergestellt werden, erfordern aber meist weniger aufwendige Versuche, so dass für Reach insgesamt sicher weniger als 45 Millionen Tiere benötigt werden", sagt Vogt. Außerdem gebe es gerade für die massenhaft hergestellten Chemikalien wie Benzol bereits eine Reihe von Daten, die einen Teil der Versuche überflüssig machten. Da bislang aber niemand genau sagen kann, welche Resultate vorhanden sind, könne man auch die Anzahl der Tierversuche nicht seriös schätzen, sagt Vogt. Die von der Echa genannte Zahl von nur neun Millionen will er deshalb auch nicht kommentieren.
Der Toxikologe hat aber noch eine andere Hoffnung. Die aufwendigen Zwei-Generationen-Tests, bei denen im Schnitt 3200 Ratten pro Chemikalie erforderlich sind, könnten schon bald durch einen Ein-Generationen-Test mit halb so vielen Tieren ersetzt werden. Analysen hätten gezeigt, dass die Untersuchung bis zur Enkelgeneration bei Nagern keine wesentlichen neuen Informationen liefern und die Tests bereits nach der Tochtergeneration beendet werden können. Vogt: "Wenn alles planmäßig verläuft, wird die OECD diesen Test im nächsten Frühjahr als internationalen Standard zulassen."
- Datum 03.09.2009 - 14:09 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 3
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...in den letzten beiden Absätzen?
Ich glaube hier ist immer noch Herr Vogel gemeint, da noch von "der Toxikologe" gesprochen wird?!
Tierversuche sind widerlich, unmoralisch und unglaublich. Wie kann es sein, dass in einer hochentwickelten zivilisation immernoch Tiere gequält werden als wären es Maschinen? Übrigens wurden Tierversuche eingeführt, als noch frei nach Descartes been das galt: Das Tier ist eine Maschine ohne Verstand und Gefühl!
Das Bild, dass wir vom Tier haben hat sich seither enorm gewandelt. Wir wissen um seine Psyche, seinen intellekt, seiner Leidensfähikeit und doch: Wir missbrauchen es für vermeitlich höhere Ziele. Dabei sit nicht nur laut Kant die GEwalt an Tieren abzulehnen. Es gibt überhaupt keine Moral die Tierversuche gut heissen kann.
Wer für Tierversuche ist, ist grausam, wer ihre Existenz ignoriert und sich weigert über sie fundamental nachzudenken ist ebenso grausam, denn er trägt den Missbrauch der Tiere mit.
6000 Versuchstiere werden täglich in Deutschland zu Tode gequält. Zwei Drittel unserer Krankheiten sind nach 150 Jahren Tierversuchsmedizin weder heil- noch ausreichend behandelbar. Herz- und Gefäßkrankheiten verursachen fast 50 %, Krebs 25 % aller Todesfälle. Unzählige Menschen leiden an Rheuma, Arthrose, Allergien. Viele Wissenschaftler behaupten: »ohne Tierversuche müssen wir an schrecklichen Krankheiten sterben«. Doch sterben wir nicht vielleicht wegen der Tierversuche an schrecklichen Krankheiten?
Schon Gandhi sagte: "Tierversuche sind das schwärzeste Verbrechen der Menschheit"
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