Facebook Was eine Freundschaft im Netz wert ist

Soziale Netzwerke definieren den Wert der Freundschaft neu und machen sie zur Ware. Auf Facebook zum Beispiel kostet ein Freund 13,8 US-Cent

Freunde-Haende
Über Seiten wie Facebook kann man mit aller Welt befreundet sein, fragt sich nur, wie gut die Freundschaft wirklich ist

Über Seiten wie Facebook kann man mit aller Welt befreundet sein, fragt sich nur, wie gut die Freundschaft wirklich ist

Freundschaft kann man nicht kaufen. Hieß es früher einmal. Das australische Marketingunternehmen uSocial bietet 4.000 neue Facebookfreunde für 555 Dollar und 30 Cents an. Vorausgesetzt, man greift noch bis zum 16 September zu. Denn der Vorzugspreis gilt nur zur Einführung des neuen Dienstes.

Die "targeted friends", also zielgerichtet ausgewählten Freunde, haben zuvor auf ihren persönlichen Seiten angegeben, sich beispielsweise für Autos zu interessieren. uSocial schickt ihnen nun Freundschaftsanfragen, verschweigt dabei aber, im Auftrag eines Autoherstellers zu handeln. Der zuvor dafür bezahlt hat, neue Freunde zu bekommen. Die weiterverkauften Freunde bekommen dafür keine Belohnung, sie seien ja immerhin ehrlich an den Produkten interessiert, die ihnen empfohlen würden, sagt Leon Hill, der 24-jährige Gründer von uSite. Nach seiner Meinung verstößt die Geschäftsidee auch nicht gegen die Geschäftsbedingungen von Facebook.

uSocial will die Freunde an Geschäftsleute, Politiker und Prominente verkaufen, also alle, die es nötig haben, mit einer dicken Freundschaftsliste im Netz zu protzen. Am meisten wird der Dienst aber Unternehmen interessieren, die damit Fans für ihre Seiten erwerben können. Immer mehr Branchen entdecken die Möglichkeit, in sozialen Medien zu werben – das gilt inzwischen sogar als zielgerichteter und erfolgsversprechender als Online-Banner. Vorausgesetzt, es gibt keinen Ärger.

Vor einigen Monaten hat sich uSocial bereits mit dem Newsaggregator Digg angelegt. Auf Digg tragen Nutzer Artikel zusammen und bewerten sie. Die Artikel mit den meisten Stimmen landen ganz oben auf der Seite. Kunden, die eine bestimmte Geschichte prominent platziert sehen wollten, konnten bei uSocial für 700 Dollar 1000 dieser Votes kaufen und sich damit in der Liste nach oben schummeln.

uSocial hält sich bedeckt, was aktuelle Kunden angeht. Koreas Tourismusministerium und eine Organisationen der Mormonen sollen unter den Digg-Kunden gewesen sein. Hill entgegnet seinen Kritikern, die Unternehmen könnten das schließlich alles auch selbst machen, wenn sie die Zeit dazu hätten. Digg ist bereits gegen den Stimmenkauf vorgegangen. Auch Facebook ist über den Freundschaftskauf alles andere als begeistert.

Vielleicht nicht nur, weil Facebook um die Authentizität seiner Seiten bangt, sondern auch, weil man den wachsenden Umsatz mit Onlinewerbung dringend für sich selbst gebrauchen kann. Insgesamt gehören soziale Netzwerke nämlich zu den Gewinnern der aktuellen Verschiebungen auf dem Werbemarkt. Laut einer Studie von Advertising Age fahren bereits 83 der 100 größten US-Werbekunden Kampagnen bei Facebook. Die Marktforscher von comScore haben sogar herausgefunden, dass bereits 21,1 Prozent aller amerikanischen Internetwerbung auf Social Networking Seiten geschaltet wird. Größte Nutznießer sind mit 80 Prozent der geschalteten Werbung mySpace und Facebook.

Firmen wie uSocial treiben dabei nur einen Trend voran, der auch ohne sie schon stattfindet: die Inflation und Entwertung des elektronischen Freundschaftsbegriffs. So manch einer mag bei den ersten Online-Freundschaften auf Facebook noch ein seltsames Gefühl beschlichen haben – zu einem "wir sind befreundet" gehörte doch einmal mehr, als nur auf drei Knöpfe gedrückt zu haben. Und mit den meisten Menschen würde man im wahren Leben noch nicht einmal einen Kaffee trinken gehen, zeigt ihnen aber plötzlich seine privaten Urlaubsfotos. Wie wenig die Menschen an ihren Facebook-Freunden wirklich hängen, hat schon die Guerilla-Marketingaktion der amerikanischen Fastfood-Kette Burger King bewiesen: "Tauscht eure Facebook-Freundschaften gegen einen Hamburger!", hieß das Angebot der Kette. Um einen "Angry Whopper" im Wert von 3,69 Dollar zu erhalten, mussten die Kunden zehn Facebook-Freundschaften kündigen. 185.000 Freunde gingen seit Jahresbeginn schon über den Jordan.

Das ruft sogar die Kirche auf den Plan. Vincent Nichols, Erzbischof von Westminster, fühlte sich bereits bemüßigt, Portale wie MySpace und Facebook für ihre "flüchtigen" Freundschaften zu verurteilen. Die Quantität sei dabei oft wichtiger als die Qualität. "Freundschaft ist keine Ware", sagte Nichols. "Freundschaft ist harte Arbeit und kann lange andauern, wenn sie richtig ist." Würde sie wie eine Ware gehandelt, könne sie leicht zerbrechen.

Noch kritischer sieht jugendschutz.net, die Jugendschutzeinrichtung der Bundesländer, die elektronischen Netzwerke. Belästigungen und Beleidigungen nähmen massiv zu und "werden multimedial gestaltet und öffentlich zelebriert". In den USA und Großbritannien kam es bereits zu ersten Verurteilungen von Online-Mobbern, die andere Nutzer mit ihren Attacken bis in den Selbstmord getrieben haben.

Dass die elektronischen Netzwerke tatsächlich nicht nur gute Charakterzüge zum Vorschein bringen, hat eine Studie der San Diego State University (SDSU) unter mehr als 1.000 College-Studenten belegt. 57 Prozent der Studenten sagten, sie glauben, dass in ihrer Altersgruppe Seiten wie Facebook, Twitter oder MySpace vorwiegend für die Selbstvermarktung, aus Narzissmus und zur Aufmerksamkeitssuche verwendet würden. "College-Studenten haben klar festgestellt, dass ihre gleichaltrigen Kollegen vermehrt selbstzentrierte Charaktereigenschaften an den Tag legen. Es ist faszinierend, welch ehrliche Diagnose sie über die Kehrseite ihrer Generation abgeben", sagte Jean Twenge, der an der Studie "The Narcissism Epidemic: Living in the Age of Entitlement" mitgearbeitet hat. 40 Prozent der Befragten sind allerdings auch der Meinung, dass solche Charaktereigenschaften hilfreich sind, um in einer konkurrenzbetonten Welt bestehen zu können. Sie würden ihre Freunde daher vielleicht auch im wahren Leben für einen Hamburger verkaufen.

 
Leser-Kommentare
  1. viel heiße Luft...

    dass diese Netzwerke kommerzialisiert werden und damit "Freundschftn" gehandelt werden, ist ja wohl nichts aussergewöhnliches. Wenn man mit etwas Geld verdienen kann, dann findet sich immer jemand der eben dieses Geld verdienen will.
    Die Tatsache, dass das Problem der Seitenbetreiber eher nicht die Moral der ganzen Sache ist, sondern dass sie das Geld leiber selbst verdienen wollen sagt 'eh alles...

    Das Geschwätz der Kirche hierzu zeigt einmal mehr die Weltferne dieser Institution. Aber was will man von einer Organisation schon erwarten, die selbst 2009 ganz offensichtlich noch im 18. Jhd. lebt...

    Den allermeisten Menschen ist der Unterschied zwischen einer realen Freundschaft und virtuellen "Netzfreunden" durchaus bewusst.

  2. Ich behaupte auch ganz dreist, dass die "Freundschaften" im Netz (bsp. Studivz) 2 Mögliche Ursachen haben:
    A) Es handelt sich um Freunde, die auch so ganz normal durch Schule, Beruf, Hobby Freunde sind
    B) Bekanntschaften, die man auch so ganz normal kennengelernt hat und man sich nicht aus den Augen verlieren möchte.
    Dass wirkliche Freund über solche Seiten gesucht werden, habe ich noch nie erlebt, ich wundere mich sowieso, wo die ganze Zeit, das Gerücht herkommt, dass Leute, da wohl tatsächlich auf Freundessuche gehen.
    Mit dem Freundschaften verkaufen...da frage ich mich, was ist denn eine Partnerbörse? Was völlig anderes? Bestimmt, sonst würde man sich darüner ja auch beklagen!

  3. Ich kann meinen Zuvorgekommen nur Zustimmen. Allerdings bin ich nicht der Ansicht, dass die Kirche 18 Jhd. verweilt, sondern vielmehr gerade bemerkt, wie sehr sie in den Hintergrund gerückt ist, in einer moderner werdenden Gesellschaft. Ich denke, das dieser Kommentar beispielhaft als eine Art Zwischenruf nach Aufmerksamkeit und Mitspracherecht gewertet werden kann.

  4. Laut Wikipedia bedeutet Virtualität: "die Eigenschaft einer Sache, nicht in der Form zu existieren, in der sie zu existieren scheint, aber in ihrem Wesen oder ihrer Wirkung einer in dieser Form existierenden Sache zu gleichen."
    Ob jetzt virtuelle Freude im Wesen und ihrer Wirkung echten Freunden entsprechen, mag ich jetzt mal zu bezweifeln. Da ist definitiv ein erheblicher Unterschied und es tut mir leid für die Leute, die glauben, es sei das selbe.

  5. Ich kann das voerhergegangenen Kommentar nicht anzweifeln...
    aber ich bin der Meinung, dass dieser Aspekt nicht das wirkliche problem beinhaltet und somit auch keinen Raum für Lösung bietet.
    Und ich bin der Ansicht, der Verfasser des zweiten Kommentares schon den Nagel auf den Kopf getroffen hat.
    Ein mental gesunder Mensch wird den Unterschied zwischen virtuellen und einer realen Freundschaft erkennen. Und auch Kinder, die in der heutigen Gesellschaft aufwachsen werden, so hoffe ich, eine klare Trennlinie ziehen können.

    • Elwing
    • 08.09.2009 um 9:45 Uhr

    Ich gehe mal davon aus dass alle die vor mir über virtuelle Freundschaften geredet haben weder mit dem Internet aufgewachsen sind noch irgendeine positive Erfahrung auf Netzwerken oder in Foren gemacht haben?
    Ich gehöre schon zu den Menschen die in ihrer Teenagerzeit sehr viel im Internet sozialisiert haben und für die das Internet nichts böses oder fremdes ist.
    Meinen Freund habe ich im Internet auf einem Forum kennengelernt. Wir kannten uns ca. drei Jahre bevor wir zusammen gekommen sind. Und nein, wir hatten uns vorher noch nie im "wirklichen" Leben gesehen. Jetzt sind wir schon 5 einhalb Jahre glücklich zusammen. Mittlerweile leben wir natürlich auch zusammen, aber mir kann keiner erzählen dass man virtuell keine echten Freundschaften haben kann.
    Aber ich befürchte dass ältere Leute als ich das nie wirklich nachvollziehen werden können.

    Zum eigentlichen Thema kann ich nur sagen, mir als User is das ziemlich schnuppe. Wenn ich eine Freundschaftsanfrage kriege die ich nicht will lehne ich sie halt ab...

  6. ...aber ich bin durchaus mit dem Internet aufgewachsen und habe auch sehr viele gute erfahrungen mit dem internet gemacht.
    aber in dieser wir diskutieren darüber welche mängel und negative Auswirkungen das internet und Seiten wie facebook haben.
    Ich möchte nicht sagen, das z.b. facebook ein Problem ist, sondern nur, dass es dort Probleme gibt.
    Und ich denke das ein wenig Misstrauen in Sachen Internetfreunde durchaus angebracht ist.

  7. Ich sehe soziale Netzwerke als eine Gemeinschaft Gleichgesinnter oder Gleich-Interessierter Menschen. Nicht mehr und nicht weniger.

    Zur Zeit nutze ich häufig Kununu.com und kann es bedenkenlos empfehlen.
    Hier bewerten Arbeitnehmer anonym Arbeitgeber. Das Forum bietet Raum zur Diskussion von Arbeitslust und Arbeitsfrust. Sehr nützlich als zusätzliche Entscheidungshilfe bei Bewerbungen.

    Grüßt euch der Erdbeerschorsch

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service