Afghanistan Jeder tote Zivilist stärkt die Taliban

Bei einem Nato-Luftangriff sind in Afghanistan Dutzende Zivilisten gestorben. Katastrophen dieser Art schüren den Hass der Bevölkerung auf das Bündnis. Kommentar

Afghanische Helfer retten die Opfer eines Nato-Luftangriffs auf zwei von den Taliban entführte Tanklaster. Bei dem Angriff in der Region Kundus sollen mehr als 50 Zivilisten gestorben sein.

Afghanische Helfer retten die Opfer eines Nato-Luftangriffs auf zwei von den Taliban entführte Tanklaster. Bei dem Angriff in der Region Kundus sollen mehr als 50 Zivilisten gestorben sein.

Im Krieg, so heißt es, stirbt die Wahrheit zuerst. Doch die Folgen des gestrigen Luftangriffs der Nato sind so verheerend, dass selbst die Militärs betroffen die Wahrheit einräumten: einen Angriff von Nato-Flugzeugen auf zwei Tanklaster in der Region Kundus im nördlichen Afghanistan. Ziel des Luftangriffs seien der hochrangige Taliban-Anführer Abdur Rahman und seine Kämpfer gewesen, teilte die Nato mit. Die Terroristen starben ebenfalls bei der Attacke. Und die Bundeswehr räumte nun ein, dass deutsche Soldaten den Angriff angefordert hatten. Nur bei der Zahl der zivilen Opfer weicht die Nato-Sicht der Dinge von afghanischen Angaben ab.

Die Behörden am Ort und die Taliban sagen, dass mindestens 90 Menschen bei der Explosion von zwei Tanklastern gestorben sind, die amerikanische oder britische Bomber in Brand schossen. Die meisten der Opfer seien Zivilisten. Die Bundeswehr hingegen spricht von mehr als 50 toten feindlichen Kämpfern.

Die Taliban hatten die mit Treibstoff beladenen Laster der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) überfallen und entführt. Die Nato, die hinter der Isaf steht, verhinderte auf ihre Art, dass der Feind die Fahrzeuge nutzen konnte. Im Irak verwenden Terroristen solche Laster als rollende Bomben – vielleicht befürchtete der Nato-Generalstab dies auch für Afghanistan. Doch als die Jets zum Angriff übergingen, da bastelten die Taliban nicht an Sprengsätzen, sie verschenkten das Benzin an die Bevölkerung eines Dorfes.

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Solche Angriffe sind verheerend für die Nato. Denn mit jeder Bombe, die Unschuldige trifft, mit jedem dieser grausamen Fehler der westlichen Kriegsmaschinerie laufen mehr Afghanen zu den Taliban über. Die ungewollte Botschaft dieser Tragödie an die Bevölkerung lautet: Ihr zählt nicht viel, für unsere militärischen Erfolge gehen wir über Leichen – eure Leichen.

Zu Recht hatte das amerikanische Militär unter US-Präsident Barack Obama angekündigt, ihre Strategie zu ändern: Die Opfer unter der Zivilbevölkerung müssten minimiert, die Luftschläge durch Bomber und Drohnen eingestellt werden, lautete die Devise. Sie wurde vom Nato-Oberkommandierenden für Afghanistan, Stanley McChrystal, vor zwei Monaten verkündet – seitdem scheint sich wenig in den Köpfen der Nato-Strategen geändert zu haben. Vor allem die Amerikaner standen immer wieder in der Kritik, weil die Airforce immer wieder hohe Kollateralschäden in Kauf genommen und sich zu sehr auf Angaben vom Boden verlassen hatte: Mehrfach wurden Hochzeitsfeste und andere Feiern bombardiert.

Leser-Kommentare
    • Atan
    • 04.09.2009 um 15:23 Uhr

    Absurd ist nur die deutsche Propaganda, dass, nur weil die Bundeswehr, diese vorbildliche Staatsbürgerorganisation in Uniform, geläutert durch die Erfahrungen des Weltkrieges und die Schrecken des Völkermordes, an einem Krieg teilnimmt dieser plötzlich zu einem hollywoodartigen Spektakel wird, wo man permanent glücklichliche Kinder auf ihrem Schulweg begleitet und die Bösewichter durch ein strenges "Halt, stehenbleiben!" festgesetzt werden.
    Beim Einsatz militärischer Gewalt in einem Guerillakrieg wurden bisher immer und überall unbewaffnete und unbeteiligte Zivilisten in größerer Anzahl getötet. Wenn man so etwas tut, sollte man eben sehr gewichtige Gründe haben, ein mit diesen Mitteln realistischerweise erreichbares Ziel und vor allem diese Zwecke nicht mit anderen Mitteln erreichen können.
    Krieg ist grausam und nur als ultima ratio zur Abwehr etwas viel Schlimmerem moralisch halbwegs zu rechtfertigen, aus bloßer Opportunität, bloß weil man unangenehme Diskussionen mit seinen mächtigsten Verbündeten scheut, wird es unvermeidlich über kurz oder lang zu einer ziemlich schmutzigen und traurigen Veranstaltung.

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    ...nur wenn er von unverantwortlichen Schwachköpfen geführt wird.

    Wenn ich mir über das Ziel keine Klarheit verschaffen kann, fordere ich eben keine "Luftunterstützung" an, sonder kläre die Situation auf, und entscheide dann über die Vorgehensweise.

    Im Übrigen gebe ich Ihnen Recht, was den Spektakelcharakter und die Opportunität dieser Veranstaltung anlangt.

    ...nur wenn er von unverantwortlichen Schwachköpfen geführt wird.

    Wenn ich mir über das Ziel keine Klarheit verschaffen kann, fordere ich eben keine "Luftunterstützung" an, sonder kläre die Situation auf, und entscheide dann über die Vorgehensweise.

    Im Übrigen gebe ich Ihnen Recht, was den Spektakelcharakter und die Opportunität dieser Veranstaltung anlangt.

  1. Bei der Bundestagswahl wird auch darüber abgestimmt:
    Weiter an der Eskalationsspirale des Krieges drehen -- und dabei nebenbei die Taliban stärken -- oder Bundeswehr raus aus Afghanistan?

    Schwarz-Rot-Gelb-Grün steht für den Krieg, die Linke dagegen.
    Man möge sich in der Wahlkabine daran erinnern.

  2. davon aus, daß die Taliban die richtigen Angaben zur Art der Opfer machen und nicht die Bundeswehr? Man muß ja nicht unkritisch jede amtliche Verlautbarung übernehmen, aber die Verlautbarungen unsere Feinde sollten nun wirklich mit Vorsicht genossen werden.

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    ...keine Ahnung hat, auf wen sie schießt. Sie fordert ja eben mal "Luftunterstützung" an, um bloß nicht in Berührung mit betroffenen Menschen (Freund oder Feind) zu geraten.

    ...keine Ahnung hat, auf wen sie schießt. Sie fordert ja eben mal "Luftunterstützung" an, um bloß nicht in Berührung mit betroffenen Menschen (Freund oder Feind) zu geraten.

  3. Der Tod der 90 Zivilisten ist ein gewaltiger Rückschritt, er erinnert an den Vietnam-Krieg. Die Nato will den Fall nun untersuchen – das ist allerdings viel zu wenig.

    Auch Aljazeera spricht von "mind. 60"
    At least 60 people are thought to have been killed in northern Afghanistan after a Nato raid hit two hijacked petrol lorries.

    Mohammad Omar, the Kunduz governor, said that many of the dead were Taliban, and at least one senior Taliban commander was killed in the attack.

    Omar added that four Chechens were found among the dead.

    Zabihullah Mujahid, a Taliban spokesman, said that as many as 90 civilians, who had come out to take the fuel from the lorries, had been killed in the attack.

    Übernehmen Sie also die Zahlen des Taliban-Sprechers, der selbstverständlich ein Interesse an hohen zivilen Opferzahlen hat oder woher kommt ihre Zahl?

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    Zum Mord an Zivilisten.

    Hier:

    http://www.sehepunkte.de/...

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    www.nachdenkseiten.de

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    Hier:

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  4. Je schneller, desto besser!

    Wir hier, fernab von jeglichem Schuss, haben wunderbar eitel intellektuell zu diskutieren. Auch dazu: Nein, danke.

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    Das behagt mir genauso wenig wie "weiter so - aber ohne diskussion"

    Das behagt mir genauso wenig wie "weiter so - aber ohne diskussion"

  5. Dieser Guerillakrieg erinnert langsam doch an Vietnam. Die ISAF Truppen gehen rein & schnell wieder raus. Ein paar Strassensperren, Nadelstichtaktik, und Luftschläge bei Feindberührung. Charlie kommt diesmal nicht nur mit ein paar Schüsseln Reis sondern Hirse klar, während unsere BW tiefgekühlten Bierschinken durch die Gegend fährt.
    Und: Charlie ist mal wieder kaum von der Zivilbevölkerung zu unterscheiden.
    Dieses Ding war wohl das erste My Lai für die Bundeswehr.
    Anders kann ich es mir nämlich nicht erklären, einen Luftschlag auf ein Ziel anzuordnen, welches von Nicht! waffenführenden Zivilisten umringt ist.
    Fragt sich, was hierzu die Taschenkarte der ISAF Truppen sagt.
    Die Genfer Konvention sagt hierzu folgendes:

    http://www.law.umkc.edu/f...
    Article 3: In the case of armed conflict not of an international character occurring in the territory of one of the High Contracting Parties, each Party to the conflict shall be bound to apply, as a minimum, the following provisions:

    (1) Persons taking no active part in the hostilities, including members of armed forces who have laid down their arms and those placed hors de combat by sickness, wounds, detention, or any other cause, shall in all circumstances be treated humanely, without any adverse distinction founded on race, color, religion, or faith, sex, birth, or wealth, or any other similar criteria.

    To this end, the following acts are and shall remain prohibited at any time and in any place whatsoever with respect to the above-mentioned persons:

    (a) violence to life and person, in particular murder of all kinds, mutilation, cruel treatment, and torture;

    Soweit zur humanen Kriegsführung.

    ...

    Passend zum Tagesgeschehen feiert die BRD und die ganze Welt den 60ten Jahrestag der Currywurst.

    :I

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    nec fasces, nec opes, sola artis sceptra perennant.

  6. Das behagt mir genauso wenig wie "weiter so - aber ohne diskussion"

    Antwort auf "Raus aus Afghanistan!"
  7. 8. Vom

    Zitat:
    Übernehmen Sie also die Zahlen des Taliban-Sprechers, der selbstverständlich ein Interesse an hohen zivilen Opferzahlen hat oder woher kommt ihre Zahl?

    Das sind nicht die Zahlen des Taliban-Sprechers. Derzeit gibt es folgende "Versionen":

    -> Die Taliban reden laut Spiegel-Quelle von 150 Toten, unter denen kein einziger Taliban sein soll.
    -> Die Polizei bzw. der Gouverneur von Kundus sprach ursprünglich von bis zu 90 Toten, darunter 40 Zivilisten. Man hat die Zahl mittlerweile auf 50 bis 60 präzisiert.
    -> Die Bundeswehr sprach ursprünglich von 56 getöteten Taliban, räumt aber inzwischen die Möglichkeit ein, dass sich daunter auch Zivilisten befinden.

    Wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass es statt 40 "nur" 20 getötete Zivilisten sind, macht es die Sache im übrigen keineswegs besser.

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