Afghanistan Jungs Kommunikationsdesaster

Nach dem katastrophalen Luftangriff in Afghanistan prüfen Nato, UN und Staatsanwälte den Fall. Doch Verteidigungsminister Jung spricht immer noch von einem Erfolg.

Die Gewalt im Norden Afghanistans nimmt kein Ende. Nachdem Dutzende Zivilisten und Taliban-Kämpfer bei einem Luftangriff der Nato in der Nacht zu Freitag starben, verübte nun ein Selbstmordattentäter einen Anschlag auf eine Bundeswehrpatrouille. Vier deutsche Soldaten wurden dabei verletzt. Zudem entführten die Taliban in der Region Kundus einen britischen Journalisten und seinen Dolmetscher. Beide sollen für die New York Times arbeiten. Dass die Vorfälle zusammenhängen, ist nicht bewiesen, lässt sich aber vermuten.

Denn die Taliban bomben stets aus mehreren Gründen: Sie wollen die ausländischen Truppen vertreiben, in den Entsendestaaten Kriegsmüdigkeit erzeugen und der afghanischen Bevölkerung ihre Stärke demonstrieren. Da die Menschen in der Region Kundus, im Norden des Landes, um die Opfer eines Nato-Luftangriffs trauern, scheinen die Taliban die Stimmung für sich nutzen zu wollen. Da auch ein hochrangiger Taliban-Anführer bei dem Luftschlag ums Leben kam, muss mit weiteren Racheakten gerechnet werden.

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Erstmals scheint nun auch die Bundeswehr für einen gravierenden Kolateralschaden verantwortlich zu sein. Ein deutscher Spähtrupp der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) hatte in der Nacht zu Freitag eine Luftunterstützung angefordert. Die Nato, welche die Isaf führt, schickte Kampfflugzeuge zu den von den Deutschen angegebenen Zielkoordinaten.

Ein amerikanischer Jagdbomber warf zwei jeweils 225 Kilogramm schwere Bomben ab – ein gezielter, ein "chirurgischer" Angriff, wie Soldaten gerne sagen, sieht anders aus. Die Bundeswehr gab am Freitag an, dass sie tief in Nacht an einer Flussfurt nicht mit Zivilisten gerechnet habe. Die Strategen gingen deswegen auf Nummer sicher und verwandelten das Zielgebiet in eine Flammenhölle.

Nun prüft die Staatsanwaltschaft Potsdam nach Angaben der Bild am Sonntag, ob sie strafrechtliche Ermittlungen gegen den deutschen Offizier einleitet, der den Feuerbewehl gab. Die Behörde in Brandenburg ist zuständig, weil in Potsdam das Einsatzführungszentrum der Bundeswehr heimisch ist. Auch für die Staatsanwälte scheint es festzustehen, dass es zivile Opfer gab. "Wir prüfen einen Anfangsverdacht wegen eines eventuellen Tötungsdelikts", sagte der leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Junker.

Die Verantwortlichen der Bundeswehr sehen das allerdings anders. Der Luftschlag gegen die Taliban sei ein voller Erfolg gewesen, teilten Sprecher des Verteidigungsministers noch am Freitagnachmittag mit. Und mit dieser Stellungnahme ging die politische und militärische Führung der Bundeswehr ins Wochenende. Auf der Homepage der Bundeswehr stand am Samstag immer noch: "Nach derzeitigen Erkenntnissen wurden über 50 Aufständische getötet, Unbeteiligte kamen vermutlich nicht zu Schaden."

Weltweit hagelt es für den Luftschlag heftige Kritik. Noch härter jedoch wird die deutsche Kommunikationspolitik getadelt. Und vor allem der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung macht keine gute Figur. Mit seinem Lob des Einsatzes reizt er die Verbündeten und provoziert die Afghanen.

Die Taliban hätten vor der Bundestagswahl mit Anschlägen gedroht, sagte der Verteidigungsminister in der ARD. "Deshalb war es eine sehr konkrete Gefahrenlage, wenn die Taliban in den Besitz von zwei Tanklastwagen gekommen sind, die eine erhebliche Gefahr für unsere Soldaten bedeutet haben." Der Einsatz sei ein Erfolg, betonte er in Interviews. "Nach allen mir zur Zeit vorliegenden Informationen sind bei dem durch ein US-Flugzeug durchgeführten Einsatz ausschließlich terroristische Taliban getötet worden", bekräftige der Minister in einem Gespräch mit der Bild am Sonntag.

Mittlerweile haben Sonderermittler der Nato mit ihrer Arbeit begonnen. Sie sollen herausfinden, was wirklich passiert ist. Auch die Vereinten Nationen werden den Vorfall überprüfen. Sie schauten sich den Ort des Angriffs an und trafen Überlebende in einem Krankenhaus in Kundus. Zwei verwundete Dorfbewohner berichteten den Rechercheuren, dass sie nicht direkt bei den Tanklastern standen, sondern aus einiger Entfernung alles beobachteten, als die Bomben fielen. Beide wurden durch Splitter verwundet.

Die Nato wisse noch nicht, wie viele Zivilisten bei der Explosion vor Ort gewesen seien, sagte ein Nato-Sprecher. "Unglücklicherweise können wir nicht in alle Dörfer der Umgebung gehen." Die Organisation zweifelt aber nicht daran, dass Zivilisten starben. Fraglich bleibt, ob die Angaben afghanischer Quellen, die von bis zu 100 toten Zivilisten sprechen, übertrieben sind. Eine genaue Opferzahl wird es wohl nie geben, da viele der Tote durch die Wucht der Detonation und den brennenden Treibstoff völlig entstellt wurden. Viele Toten sollen bereits in einem Massengrab bestattet worden sein. Ein Mitarbeiter der Deutschen Presse-Agentur dpa, der am Samstag zwei der Dörfer in Char Darah besuchte, hatte dort 60 frische Gräber gezählt.

Noch am Freitag ließ General Stanley McChrystal in einer Videobotschaft an die Afghanen in den Landessprachen Dari und Paschtu verbreiten, dass die Isaf stets versuche, das Leid der Zivilbevölkerung gering zu halten. "Als Kommandeur der Isaf ist mir nichts wichtiger als die Sicherheit und der Schutz der Afghanen", sagte der General. Er nehme diesen Fall sehr ernst. Am Samstag besuchte der höchste Nato-General in Afghanistan persönlich die Region Kundus. Dort sagte er, dass es ganz klar zivile Opfer gegeben habe. McChrystal hatte vor zwei Monaten Luftangriffe untersagt, bei denen Unbeteiligte verletzt werden könnten.

Eine Entschuldigung von deutschen Offizieren oder Politikern gab es nicht. Auch wurde bislang keine Überprüfung durch die Bundeswehr angekündigt. Das deutsche Verteidigungsministerium gleicht einer Wagenburg.

Bei den Partnern in der Nato sorgt die deutsche Haltung für Ärger. Deutsche Politiker zeigen sonst häufig mit dem Zeigefinger auf die US-Streitkräfte und kritisieren deren Rambo-haftes Vorgehen gegen Zivilisten. Sie lehnen die Luftschläge der USA mit Drohnen, Kampfhubschraubern und Jets gegen die Taliban in Pakistan und Afghanistan ab, weil es zu viele unschuldige Opfer gebe. Dass nun die Bundeswehr selber an solchen Aktionen beteiligt ist, sollte im Bundestag nach der Wahl am 27. September thematisiert werden. Das Parlament lehnte in der Vergangenheit sogar die Aufrüstung der Armee mit schweren Drohnen ab, weil von diesen Raketen abgefeuert werden könnten. Solche Angriffe müsste jedoch das Parlament  absegnen, verlangten einige Abgeordnete.

In Deutschland streiten sich momentan Experten, Bundeswehrvertreter und Journalisten vor allem darum, ob Zivilisten bei der Bombardierung starben und wenn, wie viele. Diese Debatte nutzt jedoch keinem, denn in Afghanistan zweifelt niemand daran, dass Unschuldige ums Leben kamen. Verwandte von Opfern geben Interviews, Präsident Hamid Karsai verurteilt den Anschlag und ausländische Reporter berichten über zivile Opfer.

Spätestens nach diesen Zeugenaussagen kann die Bundeswehr ihre Angabe, dass kein Zivilist zu Schaden kam, nicht mehr aufrecht erhalten. Am Montag wird das Verteidigungsministerium einräumen müssen, dass der Einsatz doch kein voller Erfolg gewesen ist. Zu harsch fällt selbst die Kritik bei den Verbündeten aus. Wenn der Verteidigungsminister dann weiterhin von einem erfolgreichen Einsatz spricht, wäre das ein Skandal. Ein schwerer Imageschaden für die Bundeswehr und die deutsche Außenpolitik lässt sich nur noch mit Offenheit abwehren.

Selbst in der EU gerät Deutschland mittlerweile unter Druck. Frankreichs Außenminister Kouchner kritisierte am Samstag den Luftangriff auf die Afghanen. "Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten, statt sie zu bombardieren", sagte er am Samstag beim EU-Außenministertreffen in Stockholm. "Es war ein großer Fehler." Auch andere EU-Außenminister sprachen von einer Katastrophe und einer Tragödie. Ein Bundeswehrsprecher teilte am Sonnabend hingegen auf Anfrage von ZEIT ONLINE mit, es gebe keinen neuen Stand. Die Bundeswehr bleibe bei ihrer Bewertung des Einsatzes.

 
Leser-Kommentare
  1. Es klingt zwar zynisch aber jeder weis ein bischen Schwanger gibt es nicht. Entweder ist die Bundeswehr in einem lebensgefährlichen Einsat

  2. (entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Die Redaktion/jk) Was bracuht man hier die Luftwaffe? Wenn man rechtzeitig seine Kräfte hier in die Kampfhandlungen eingebunden hätt

    • lef
    • 05.09.2009 um 23:24 Uhr

    Laut \"Zeit\"-Artikel (gestern) waren die Tanker (von den Taliban geraubt) in einem Fluss festgefahre

  3. es gäbe einen Krieg ohne zivile Opfer. Den gibt es nicht (man nenne mir wenigstens einen aus der Geschichte). \n\nDeshalb ist es bei einem Kriegseinsatz unbedingt notwendi

  4. Es erinnert mich an Berichte aus einem anderen Deutschlan

  5. 6. Habe

    die Taliban jetzt auch schon hier bei allen Kommentaren den letzten Buchstaben geklaut? Oder ist das 'n Fehler meines Browsers?

    • lispm
    • 06.09.2009 um 0:23 Uhr

    Das Problem ist ja wohl ehe

  6. Wenn sich die Bewohner Afghanistans ein Tankfahrzeug aneignen wollen ist das Ihr gutes Recht, immerhin hat die USA/NATO ihnen den Zapfhahn abgedreht.

    Aber diese Vorgehensweise kennen wir, von der CIA organisiert, von der NATO ausgeführt. Die Tragödie der Zivilen Opfer durfte bis neulich die USA mit Drohnenangriffen übernehmen. Bei dieser Tragödie und hohen Opferzahl des NATO Luftangriffs ist es für mich unbegreiflich wie Politiker und Militärs davon sprechen dürfen, nur bedingt Kolateralschäden verursacht zu haben, geschweige den soeine Aktion gutzuheißen. Im Umkehrschluss kann das nicht stimmen, denn nach Schätzungen der Opposition v. Pakistan kommen bei Drohnenangriffen auf 14 Tote Taliban, 700 tote Zivilisten.

    Die Vasallen der US Regierung werden bei der Bundestagswahl ihr blaues Wunder erleben.

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