Ein paar hundert Menschen starren in den nächtlichen Linzer Himmel. Ebenso wie eine japanische Fernsehmoderatorin, die vor ihrem Kamerateam auf und ab hüpft. Es ist kurz vor Mitternacht, kein einziger Stern ist zu sehen, noch nicht einmal der nahende Vollmond. Statt der angekündigten "Sternennacht" ist es nur eine Regennacht zur Eröffnung der diesjährigen Ars Electronica. Das Thema des Festivals lautet "Human Nature" – die menschliche Natur. Und dies ist durchaus im doppelten Sinne zu verstehen.

Im 30. Jahr seit Bestehen ist das Medienkunstfestival längst erwachsen geworden und hat sich trotzdem den experimentellen Charme der Anfangsjahre bewahrt. Der Kreis der akkreditierten Journalisten und Künstler ist beständig gewachsen, ebenso wie die Bedeutung des Festivals weit über Österreich hinaus. Seit Anfang des Jahres steht in Linz das Ars Electronica Center. So hat das Festival einen festen Ort in der Stadt, der den Laborcharakter der Ars Electronica in den Mittelpunkt stellt. Das neue Haus sei weniger ein Museum als eine Versuchsanordnung, heißt es von offizieller Seite. "Ausstellungsbetrieb, Forschungsaktivitäten und Vermittlungsprogramm laufen hier nicht länger parallel nebeneinander, sondern gehen ineinander über." Interaktion und Experiment erschlössen so neue Denk- und Bildwelten.

Wer in den vergangenen Wochen zufällig im Café des Ars Electronica Centers gesessen hat, mag einen merkwürdigen Gast bemerkt haben: einen "Geminoiden", einen Roboter, der ein technischer Klon seines Schöpfers ist. Der japanische Forscher Hiroshi Ishiguro hat ihn entworfen und nach seinem Abbild gefertigt. Tagsüber, erzählt Ishiguro, habe er an der Universität in Japan gearbeitet, nachts via Internet seinem Geminoiden seine Stimme geliehen und mit Besuchern in Linz interagiert. "Ich habe so neue Freunde gewonnen", sagt er.

Mustergültig greift Ishiguro das diesjährige Thema auf und hinterfragt das Menschliche in der Maschine und umgekehrt. Was macht einen Menschen aus in Zeiten von Gentechnologie, Robotik und Neurowissenschaften? Viele der Arbeiten in diesem Jahr kreisen um dieses Thema. Seien es die schräg-verspielten Heimroboter aus dem MIT-Media Lab oder sei es Eduardo Kacs mit einer goldenen Nica prämierte Arbeit Natural History Of The Enigma im Rahmen des Prix Ars Electronica.

Kac entnimmt seiner eigenen DNA ein Gen und setzt es der DNA einer Petunie ein. Das Ergebnis: eine neue Lebensform, eine "Edunia", ein Mischwesen aus Mensch und Pflanze. Neben dem Amerikaner Kac wird am Freitagabend auch der belgische Künstler Lawrence Malstaf eine goldene Nica überreicht bekommen, in der Unterdisziplin "Interactive Art". Die Preisverleihung ist ein erster Höhepunkt des diesjährigen Festivals.

Malstafs grandiose Installation Nemo Observatorium (Goldene Nica, Interactive Art) inszeniert einen lokal begrenzten Wirbelsturm in einem begehbaren Zylinder aus PVC. Mittels fünf Ventilatoren werden Styroporkügelchen durch die Luft geschleudert. Mitten drin – im Auge des Sturms – der Betrachter, der im Chaos so etwas wie Ruhe ausmacht. Ob man dies nun als Allegorie auf eine sich immer schneller wandelnde Welt und unseren Versuch, mitten im Sturm Ruhe zu bewahren, verstehen möchte, wie die Kuratoren, oder einfach als hypnotischen Sinneseindruck: Diese Kunst ist im besten Fall beides.