Auf den Ratschlag, sich die Welt von oben, also aus weiter Ferne vorzustellen, um die eigenen Problemchen und Sorgen zu relativieren, weil alles so hübsch klein und übersichtlich, womöglich friedlich wirke, kann man heute ganz gut verzichten. Bei Google Earth nämlich sieht man die Welt von oben, ohne sie sich erst vorstellen zu müssen, und was man da sieht, ist alles andere als beruhigend: Ein pralles Industriegemälde über den Eingriff des Menschen in die Natur. Der Fotograf Christoph Engel widmet sich in einer Ausstellung im C/O Berlin genau diesen Bildern unter dem Titel „Ungefähre Landschaften“.

Dafür nahm er sich das Programm Google Earth vor, zoomte einzelne Ausschnitte ganz nah heran, schnitt sie aus, wiederholte dies Zentimeter für Zentimeter und fügte die Einzelbilder wieder zu einem großen Bild zusammen. Heraus kommen Satellitenaufnahmen, die einerseits – hochaufgelöst – kleinste Landschaftsdetails zeigen, andererseits trotzdem noch „ungefähr“ bleiben. Über 100 Einzelbilder sind zum Teil in den Fotografien zusammengesetzt. Christoph Engel erklärt das so, dass jedes Bild der Google-Maschine wie auch seine Mosaikbilder immer ein Konstrukt einer Landschaft seien, da die Bilder nie alle zur selben Zeit aufgenommen wurden, also innerhalb der Bilder verschiedene Landschaftszustände (durch unterschiedliche Zeitpunkte der Aufnahmen) entstehen. Das heißt, auf einem Fleck eines Fotos kann Frühling sein, während der Acker daneben ziemlich herbstlich wirkt. Das erklärt schonmal den Titel der Ausstellung: So ungefähr müsste es von oben betrachtet aussehen. Ganz sicher ist man sich aber nicht.

So viel zum Technischen.

Seit 2006 fördert das C/O in der Oranienburgerstraße in Berlin junge Talente wie den 1975 in Karlsruhe geborenen und heute dort als freier Fotograf und Buchgestalter lebenden Christoph Engel. Seine Bilder kommen natürlich zunächst ganz harmlos und durch die Wucht des Abgebildeten ebenso eindrucksvoll daher: Sie zeigen Aufnahmen von Landebahnen mit Flugzeugen, die wie Modelle wirken, Bergregionen, die entfernt an einen Ameisenhafen erinnern, Vorstädte, die sich um einen einzigen großen Parkplatz wie eine Lakritzschnecke winden oder jene seltsame Landwirtschaft in der Wüste, deren Felder wie mit einem Zirkel gezogene grüne Kreise ergeben – ein riesiger Flickenteppich, den der Mensch über die Erde verlegt hat. Besonders verwirrend ist dann auch der Golfplatz mitten in der Wüste, der mit einem befremdlich hohen Wasserverbrauch betrieben werden muss. Formal ästhetisch, zeigen die Aufnahmen jedoch eine trügerische Schönheit. Sie weckt im Betrachter vielmehr Zweifel. Zweifel am Lauf der Welt, Zweifel an der Notwendigkeit und der Logik dieser Dinge wie jener Golfplatz in der Wüste oder beliebige, einförmige Vorstädte. Zweifel vor allem an diesem massiven Eingriff in die Natur.

Ein bisschen ergriffen schaut man in die Bilder hinein wie jemand, der von einem imaginären Himmel herunter auf die Erde blickt, und wird beinahe sentimental oder nostalgisch. Denn das was man sieht, kann längst nicht mehr sein. Es sind Bilder, aus denen eine fragile Beständigkeit spricht, und Zustände, die heute vermutlich schon wieder ganz andere sind. Vielleicht ließ Christoph Engel deshalb die großformatigen Bilder mit einfachen Klammern an die Wände heften. Jederzeit austauschbar und vor allem nur vorübergehend.

Letztlich zeigt Christoph Engels, was wir wissen, aber in den meisten Momenten vergessen haben: dass gerade von oben betrachtet nichts seine Gültigkeit hat. Er liegt ungefähr richtig.