Scheiße sagt man nicht. Diese Lehre aus Kindertagen hatte Blogger Frank Baade wohl kurz vergessen, als er das unflätige Wörtchen im April mit dem neuen Firmenlogo des Sportartikelherstellers Jako in Verbindung brachte.

Der Ärger ließ nicht lange auf sich warten. Der Sportausrüster aus Mulfingen-Hollenbach ließ den Blogger wegen "unzulässiger Schmähkritik" und "Bedrohung der wirtschaftlichen Interessen" verklagen. Baade, der auch für ZEIT ONLINE schreibt, zeigte sich einsichtig: "Ich habe die Grenze der freien Meinungsäußerung überschritten."

Er löschte den Text aus seinem Blog und unterschrieb eine Unterlassungserklärung. Der Gegenstandswert der Auseinandersetzung wurde auf 25.000 Euro veranschlagt. Auch die angefallenen Kosten, die sich nach allerlei juristischen Hin und Her auf mehr als 1900 Euro beliefen, akzeptierte Baade, wenn auch um die Höhe noch diskutiert wurde.

Im August erhielt Baade erneut einen Brief von Jakos Anwältin. Jako forderte von ihm die Zahlung von 5100 Euro wegen einer angeblichen Verletzung der Unterlassungserklärung. Auf der Webseite des in Deutschland unbekannten tschechischen Nachrichten-Aggregator newstin.de hatte das Unternehmen Teile des ursprünglichen Textes wiedergefunden. Nachrichten-Aggregatoren sammeln via RSS-Feed Artikel auf Webseiten ein und veröffentlichen, ähnlich wie Google News, Anrisse davon auf dem eigenen Portal, meist ohne das Wissen; sicher aber ohne das Zutun des Verfassers.

Jakos Rechtsabteilung hielt Baade vor, er habe die Spuren seines Textes nicht komplett aus dem Internet gelöscht. Ein dubioser Vorwurf. Auch ein haltloser Vorwurf? Die Rechtslage ist in Deutschland uneindeutig, Stefan Niggemeier weiß davon zu erzählen. Und Baade fehlen die Mittel, sich auf einen teuren Rechtsstreit einzulassen.

Blogger Kai Pahl hat Baades Geschichte am Dienstag an die Öffentlichkeit gebracht. Am Freitag stehen unter seinem Eintrag rund 700 Kommentare und Verlinkungen. Über 100 Blogs berichteten über Jakos abstruse Forderung, in Tausenden Twitter-Beiträgen schimpften Internet-Nutzer auf den Sportartikelhersteller.

Mit einem Fan-Forum von Eintracht Frankfurt, einen der Fußball-Bundesligisten, den Jako in Deutschland ausstattet, erreichte der Fall die Zielgruppe, mit den ersten Artikeln auf Spiegel Online, handelsblatt.de und sueddeutsche.de die breite Öffentlichkeit. Wer nun nach "Jako" googelt, bekommt gleich nach der Webseite des Unternehmens allerhand negative Berichte als Suchergebnis angezeigt. Zum Vergleich: Baades gelöschten Blogeintrag hatten höchstens 400 Menschen gelesen.

In der PR nennt man das den "Streisand-Effekt". Im Jahr 2003 verklagte die amerikanische Sängerin und Schauspielerin Barbara Streisand den Fotografen Kenneth Adelman und die Website Pictopia.com auf eine Millionensumme, weil eine Luftaufnahme ihres Grundstücks zwischen 12.000 anderen Fotos von der Küste Kaliforniens im Internet zu finden war. Adelman gab an, er habe das Anwesen fotografiert, um Küstenerosionen für das California Coastal Records Project festzuhalten. Der Versuch, die Verbreitung des Fotos mit aller Kraft zu unterdrücken, führte dazu, dass in den Monaten nach der Klage über 400.000 Menschen auf das Foto klickten.