Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdoğan macht es seinen Kritikern und Anhängern nicht leicht. Immer wenn sie glauben, sie haben ihn in der Ecke oder auf dem Podest, dann entwischt er wieder.

So überraschte er alle Welt dieser Tage mit der neuerlichen Öffnung der Türkei zum ungeliebten Nachbarn Armenien. Beide Staaten veröffentlichten Anfang der Woche eine gemeinsame Erklärung, welche die Öffnung der Grenze und die Entwicklung der Beziehungen nach einem klaren Zeitplan vorsieht. Gelingen die Verhandlungen im geplanten Zeitraum, wäre das nicht weniger als eine Revolution am südlichen Kaukasus. Zwei historisch verfeindete Staaten, bis heute belastet durch die Vernichtung der anatolischen Armenier 1915, würden endlich aufeinander zugehen.

Nun aber noch mal kurz die Augen reiben: Es war doch Erdoğan, der noch vor vier Monaten verkündete, jede Bewegung auf Armenien zu, jede Öffnung der Grenze, jede Aufnahme der Beziehungen hinge davon ab, ob sich Armenien endlich aus Berg-Karabach und den besetzten Grenzgebieten zurückziehe. Das ist jener Streifen Land, den Armenien Anfang der neunziger Jahre in einem Krieg von Aserbajdschan abgetrennt hat. Seit 1993 stellte sich die Türkei auf den Standpunkt, mit Armenien laufe gar nichts, solange es sich nicht vom Territorium der aserischen Brüder zurückziehe. Erdoğan bekräftigte diese Position im April, bevor er sie nun scheinbar räumt. Was ist passiert?

Erdoğan steht in der Armenienfrage von drei Seiten unter Zugzwang. Der stärkste Druck kommt aus Amerika. Als US-Präsident Barack Obama die Türkei Anfang April besuchte, versprach ihm Erdoğan greifbare Fortschritte im Verhältnis zu Jerewan. So konnte Obama sein Wahlkampfversprechen, den Genozid an den Armeniern auch so zu nennen, neu interpretieren. Er benutzte in seiner Rede am 24. April das Wort „Große Katastrophe“, das radikale Diaspora-Armenier schwer enttäuschte. Erdoğan muss Obama nun etwas liefern, spätestens bis zum nächsten Jahrestag des Völkermords im kommenden Jahr.

Zugleich drängt die EU die Türkei, die Beziehungen zu Armenien aufzupolieren. In der Union, wo Länder wie Frankreich eine größere armenische Diaspora beherbergen, würde die Grenzöffnung vielen Türkeigegnern ein wichtiges Argument gegen die EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara nehmen. Die Türkei bewiese sich als flexibler, kompromissbereiter, friedfertiger Kandidat, der die Kraft zu wichtigen inneren und äußeren Reformen hat.

Drittens würde die Aussöhnung mit Armenien bestens in das türkische Konzept „Null-Probleme mit allen Nachbarn“ passen. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu wirbt mit dieser Devise in der ganzen Welt für die Türkei, konnte aber ob des Streits mit Armenien nie hundertprozentig überzeugen.

Taayip Erdoğan wird nun in der kurzen Zeitspanne zwischen der Erklärung von dieser Woche und der Verabschiedung zweier Protokolle über die Grenzöffnung und die Entwicklung der Beziehungen harte Überzeugungsarbeit leisten müssen. Denn in der Türkei sind die Freunde Aserbajdschans so zahlreich wie die Gegner einer Annäherung an Armenien. Aus Baku kommt schon das erste Sperrfeuer, die Rede vom Verrat unter Brüdern greift um sich, die türkische nationalistische Opposition kreischt auf, die Aserbajdschan-Lobbys wetzen die Dolche. Was ist, wenn der Lärm für Erdoğan innenpolitisch unerträglich wird?