Jede Geste wird registriert werden und jeder Versprecher. Auf die Kleidung werden die Zuschauer achten und auch auf die Körperhaltung. Auf die Argumente hingegen wird es erst in zweiter Linie ankommen, wenn sich am Sonntagabend Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier (SPD) zum Fernsehduell treffen. 90 Minuten wird der Schlagabtausch dauern, die Redezeit der beiden Duellanten wird dabei exakt gemessen werden. Angela Merkel wird die erste Frage gestellt bekommen, Frank-Walter Steinmeier die letzte. Hinterher, da darf man sicher sein, werden sich sowohl die Kanzlerin als auch der Kanzlerkandidat von ihren PR-Beratern und politischen Freunden jeweils zum Sieger ausrufen lassen.

Gleich vier Fernsehsender werden das Rededuell aus einem Fernsehstudio in Berlin-Adlershof live ab 20.30 Uhr übertragen, 20 Millionen Deutsche könnten vor den Bildschirmen dabei zuschauen. Wie wird das Duell ausgehen? Kann Merkel ihren Amtsbonus ausspielen? Kann Steinmeier das Duell nutzen, um den Abstand der SPD gegenüber der Union zu verkürzen? Wird der Wahlkampf nach diesem Sonntag doch noch richtig spannend?

Das Interesse an TV-Duellen ist gewaltig, es ist aus dem Wahlkampf nicht mehr wegzudenken. Dabei hat das Rededuell im Fernsehen anders als zum Beispiel in den USA in Deutschland noch keine lange Tradition. Vier Jahrzehnte lang weigerten sich die jeweiligen Bundeskanzler, ihrem Herausforderer zur besten Sendezeit die Chance zur Profilierung gegen den Amtsinhaber einzuräumen. Für die Christdemokraten Kiesinger und Kohl war dies genauso unvorstellbar wie für die Sozialdemokraten Brandt und Schmidt. Erst Schröder willigte 2002 in zwei Duelle mit Edmund Stoiber, dem damaligen Kanzlerkandidaten der Union und bayerischen CSU-Ministerpräsidenten ein. Und er tat dies nur aus der Not heraus. Denn der selbsternannte ”Medienkanzler“ stand damals am Rande einer Niederlage.

Das Risiko zahlte sich aus, Schröder ging als Sieger aus den Duellen hervor, Rot-Grün errang noch einmal die Mehrheit. Auch vier Jahre später hinterließ nach Ansicht der Fernsehzuschauer der Amtsinhaber Schröder gegen die Herausforderin Merkel den besseren Eindruck. Bei Schröders legendärer Aufholjagd im Bundestagswahlkampf 2005, bei der die SPD noch bis auf einen Prozentpunkt an die Union herankam, war dieses Aufeinandertreffen ein wichtiger Meilenstein.

Die Ausgangslage in diesem Jahr ist eine andere, und dies liegt vor allem daran, dass sich bei dem Fernsehduell nicht Regierung und Opposition gegenüberstehen, sondern angesichts der Großen Koalition zwei Regierungsvertreter, die gemeinsam die Politik der letzten vier Jahre zu verantworten haben. Die Oppositionsparteien FDP, Linke und Grüne hingegen sind von Union und SPD sowie den TV-Stationen zum Zuschauen verdammt worden.

Trotzdem ist das Duell nicht ohne Reiz, schließlich will keiner der beiden Matadore die Große Koalition fortsetzen. Auch die unterschiedlichen demoskopischen Daten, mit denen Merkel und Steinmeier in das Duell gehen, machen das Duell spannend. Die Christdemokratin liegt bei den Sympathiewerten deutlich vorne, auch wenn der Sozialdemokrat den Abstand zuletzt verkürzen könnte. Bei der Wahlabsicht liegen bei allen Meinungsforschungsinstituten im Schnitt rund 12 Prozentpunkte zwischen den Parteien noch hat Schwarz-Gelb in allen Umfragen eine knappe Mehrheit.

Das bedeutet: Merkel kann bei dem Duell nur verlieren, Steinmeier dagegen hat nichts zu verlieren. Vor allem dem Sozialdemokraten bietet das TV-Duell die letzte Gelegenheit, im Wahlkampf im der direkten Auseinandersetzung gegen Merkel zu punkten, sich und seine Partei noch aus dem Stimmungstief herauszukämpfen.