Mediensatire Eine Rampensau möchte mit Josef F. schockieren
In Wien hatte am Montag ein Stück über den Amstettener Inzest-Fall Premiere. Doch was als Medienschelte gedacht war, enttäuscht
Es ist Rosenmontag, in Wien ist das Wetter mies, wenige Menschen bevölkern die nassen Straßen, der Karneval ist hier ohnehin kaum verankert. Lediglich in einer stillen Vorstadtgasse in einer abgelegenen Off-Bühne tanzen wunderlich kostümierte Wesen durch die Räume. Männer tragen Frauenkleider zu wuchtigen Tretern, einer kommt als Wetterfrosch, ein anderer als Wiesengnom. Es gibt eine Combo mit einer Femme fatale und einen Transvestiten mit Stilettos. Geschmack ist was Spaß macht an diesem Premierenabend, in dem in jeder Hinsicht alternativen 3raum-anatomietheater, das in aufgelassenen Räumlichkeiten der Veterinärmedizinischen Hochschule untergebracht ist.
Vor dem Eingang wacht eine Polizeipatrouille. Im Foyer sorgt eine auf Sicherheitsdienst getrimmte Charge mit dickem Gummiknüppel für Ordnung. Es hat den Anschein, als sei die halbe Weltpresse eingefallen. So viel Medieninteresse erregen gewöhnlich weder Burgtheater noch Staatsoper, die millionenschweren Großtanker des Wiener Kulturbetriebes. Der improvisierte Zuschauerraum bietet gerade mal 100 Leuten Platz und 100 Medienvertreter stürzen sich auf die Plastikstühle. Die BBC ist da, sogar al-Jazeera, RTL in großer Besetzung, sämtliche elektronischen Medien aus Österreich, gleichgültig ob privat oder öffentlich. Vergeblich forschen am Theatereingang TV-Leute aus Norwegen nach "normal people" . Sie finden keinen geeigneten Interviewpartner. Gut zwei Dutzend Mikrofone von Funk und Fernsehen harren der Dinge. Es sollen bedeutsame sein. Nichts weniger als einen Eklat erwartet sich die Reporterschar, schließlich hatte der ambitionierte Clown Hubsi Kramar, der hier der Prinzipal ist, angekündigt, er werde die journalistischen Übergriffe rund um den mittlerweile weltbekannten Inzesttäter von Amstetten , Josef F., zu einer galligen, gleichviel munteren Mediensatire verarbeiten.
Alle erwarten, dass der Hausherr seinem Ruf gerecht wird, kompromisslos geschmacklos zu sein. Er gilt als Actionperformer und unkontrollierbare Rampensau, einer der mit theatralischem Instrumentarium wild und ungestüm seine anarchische Agitation den mitunter auch unfreiwilligen Zuschauern vor Augen führt. Schon die Ankündigung des Projekts sorgte zu Jahresbeginn für große Aufregung in den österreichischen Boulevardmedien. Scheinheilig empörten sie sich über das Vorhaben, das grausige Verbrechen – F. hatte bekanntlich seine Tochter jahrelang in einem Kellerverlies eingesperrt, sie dort immer wieder vergewaltigt und dabei mehrere Kinder gezeugt – in eine unterhaltsame Revue zu verwandeln. Dass allerdings tatsächlich der satirische Stachel auf die Entgleisungen ihrer Sensationsberichterstattung zielen sollte, verschwiegen sie vollständig. Einige Wochen währte die erbitterte Medienkampagne, ultimativ forderten die selbsternannten Moralapostel, dass der Subventionsgeber des Theaters, die Stadt Wien, entweder das Skandalprojekt untersagen oder seine Unterstützung (jährlich 150.000 Euro) sofort einstellen müsse. "Wir werden offen darüber reden, dass ganz Österreich doch Fritzl-Land ist. Die Medien liefern die Handlung“, beharrte hingegen der Provokateur, der zumindest den Titel entschärfte: Pension Fritzl hieß jetzt lediglich Pension F..
So viel Aufregung macht sich erwartungsgemäß bezahlt. Die fünf vorgesehenen Vorstellungen sind seit Tagen ausverkauft, Zusatzaufführungen wurden eingeschoben. Allein dass sich die Medienmeute am Premierenabend vollzählig in dem Theaterraum drängte, dass Kulturradio und Fernsehen ausführlich berichteten, ließ die satirische Intention gelingen. Hier führten sich die Berichterstatter selbst an der Nase in eine wenig aberwitzige, aber umso langatmigere Darbietung und versuchten verzweifelt, dem dilettantischen Abend noch irgendein Aufregungspotenzial abzugewinnen. Es mag den Sensationshunger verstärkt haben, dass in knapp einen Monat der Prozess gegen den leibhaftigen Inzesttäter eröffnet wird. Längst ist die Anklageschrift in allen Details in den einschlägigen Zeitungen breit ausgewalzt worden, längst sind alle Plätze im Gerichtssaal in St. Pölten reserviert. Ein Eklat zum Auftakt, das wäre es, was der Sensationsjournalismus jetzt dringend bräuchte.
- Datum 14.03.2009 - 15:33 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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leider habe ich das stueck, die inszenierung nicht gesehen, doch die idee finde ich sehr gut. ob die umsetzung gelungen ist, vermag ich also nicht zu sagen. bloss bin ich der meinung, dass wir viel mehr anarchistische rampensaeue braeuchten. glatte, geschniegelte anzug- und fracktraeger und theater fuer die gehobene gesellschafft haben wir reichlich.
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