"Wir sind zu Ihnen gekommen ..."
Auf dem Balkon konnte ich – geblendet von der Kameralampe – nur die vielen Menschen, die zwischen den Zelten standen, in Umrissen erkennen. Ich sprach ins Dunkle hinein. Schon der Beginn: "Liebe deutsche Landsleute" ging im Jubel unter. Dann die entscheidenden Worte: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise", der Rest "heute möglich geworden ist" ging im Jubel unter.
Großer Beifall, als ich sagte, der erste Zug werde noch am selben Abend fahren. Er sei für Familien mit Kleinstkindern vorgesehen. Und dann die Beschreibung der Reiseroute durch die DDR und der befürchtete Stimmungswandel. "Nein niemals." Es war die Angst, die DDR könnte die Züge anhalten und die Leute herausholen. Jetzt zeigte sich, wie richtig es war, dass ich nach Prag gekommen war. Ich fuhr fort: "Sie wissen, dass ich selbst einmal die DDR verlassen habe. Sind Hallenser hier?" Von überall her hörte man "Ja" und dann: "Ich kann Sie gut verstehen, aber ich übernehme die persönliche Bürgschaft, dass Ihnen nichts geschehen wird." Das war ein großes Wort, aber ich vertraute der DDR-Führung – wie sich zeigte, zu Recht.
Dennoch, als ich nach der Rückkehr die Mitteilung erhielt, der erste Zug sei in Hof angekommen, fiel mir doch ein Stein vom Herzen. Der Rückflug war problemlos, aber die tiefe innere Erregung, die mich seit Stunden bewegte, blieb. Auf dem Balkon war ich froh gewesen, vor mir die feste Steinmauer zu haben, denn schwere Herzrhythmusstörungen plagten mich. Kein Wunder nach dem Auf und Ab der letzten Tage, nach der Anspannung bei meinen Verhandlungen in New York, nach den Wechselbädern der Stimmung und natürlich auch den körperlichen Anstrengungen.
Ich bin nicht sicher, wie Professor Kessler und sein Oberarzt, die mich begleitet hatten, diese Nachinfarkttherapie beurteilten. Aber es musste sein. Wenn man ein öffentliches Amt von dieser Verantwortung hat, muss man es ganz und gar ausfüllen, oder man muss es aufgeben. Im Flugzeug von Prag nach Bonn empfand ich meine körperlichen Probleme zum ersten Mal, aber viel stärker waren unendliche Dankbarkeit, tiefe Freude und Demut. Ich fragte mich, was wird das, was heute geschieht, bedeuten? Es wird tiefe Wirkungen haben, es wird den Widersinn der Mauer noch stärker ins Bewusstsein der Menschen bringen. Das wird die Mauer nicht lange überleben lassen. Wie lange? Das konnte niemand sagen.
Ja, es war der entscheidende Schlag gegen die Mauer. Die Flüchtlinge, die nichts anderes wollten, als leben zu können, wie es ihren Vorstellungen entspricht, hatten es bewirkt. So, wie die Menschen am 9. Oktober 1989 in Leipzig und überall in der DDR. Die Mauer wurde vom Osten her zum Einsturz gebracht. Das war ein wirklicher Volksentscheid – das war Demokratie von unten.
- Datum 30.09.2009 - 18:05 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Guter Artikel, danke Herr Genscher.
20 Jahre - unglaublich wunderbar
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