Nur noch 56,8 Prozent der Wähler bringen die beiden noch immer so genannten Volksparteien hinter sich. 37,2 Prozent entfielen bei der Bundestagswahl 2009 auf die drei kleinen, die allesamt zweistellig wurden. Neben dem historischen Debakel der SPD prägt diese Diversifizierung der Wahlbevölkerung die Bundestagswahl. Nach Ansicht der Wahlforscher wird sich mit der stärkeren Ausdifferenzierung der Parteienwettbewerb auf nationaler Ebene neu justieren – und damit nachvollziehen, was in den Bundesländern längst Realität ist.

SPD-Debakel

An der Bewertung durch die Wähler allein kann es nicht gelegen haben: Im Kabinett wie als Partei schnitten die Sozialdemokraten in der Sicht der Befragten besser ab als noch bei der Bundestagswahl 2005, wie die Forschungsgruppe Wahlen in der Nachwahlanalyse schreibt. Dennoch verliert die SPD in alle Richtungen Wähler. Vor allem an die, die gar nicht wählten: 1.640.000 bisherige Anhänger verlor die SPD an dieses Lager. In einem themenarmen, nicht polarisierenden Wahlkampf sank die Wahlbeteiligung um 6,8 Prozent auf 70,8 Prozent. Insbesondere potenzielle SPD-Wähler blieben offenbar den Urnen fern. Nur 60 Prozent der Wähler von 2005 wählten „ihre“ SPD wieder, wie es das Meinungsforschungsinstitut Emnid formuliert. Laut Emnid fehlte es der SPD an klaren Positionen, einem markanten Kandidaten und an Glaubwürdigkeit. Zudem glaubten selbst SPD-Anhänger nicht an eine reale Machtperspektive.

Wählerwanderung

Nicht nur die SPD musste an die Nichtwähler abgeben. Der drittgrößte Treck wanderte laut Infratest dimap von den Unionsparteien in dieses Lager: insgesamt 920.000 bisherige Unionswähler. Noch mehr verlor die Union mit 1.111.000 bisherigen Wählern an die FDP. Allerdings sind es einzig die Sozialdemokraten, die nur Abgänge und keine Zuwanderungen von anderen Parteien verbuchen konnten. Die SPD legte damit einen Grundstein für den Erfolg der Linken. Allein von der SPD wanderten 780.000 zur Linken ab. Deren Zuwächse durch bisherige Unterstützer anderer Parteien sind ansonsten nicht weiter relevant, etwa 110.000 Wähler der Grünen und 70.000 Unterstützer aus dem Unionslager. Neben Nichtwählern und Linken gibt die SPD außerdem 710.000 Wähler an die Grünen ab, 620.000 an die Union und 430.000 an die FDP.

Der Erfolg der Linken

Erfolg der Linken

Im Gegensatz zur Sozialdemokratie schöpfte die Linke nach den Erkenntnissen von Emnid ihr Wählerreservoir besser aus: Etwa 80 Prozent der theoretisch für die Linke Erreichbaren wählten die Partei auch. Fast 90 Prozent derjenigen, die schon 2005 ihr Kreuz bei der Linken gemacht hatten, wählten sie wieder. Sie zieht vor allem linke SPD-Wähler ab, die mit der Regierungs-SPD nicht viel anfangen konnten. Potenzielle SPD-Wähler gehören nach Erkenntnissen von Emnid inzwischen zu 60 Prozent zum linken Flügel. Ein relevanter Anteil dieser Gruppe fand sich offenbar bei der Linken besser aufgehoben. Stark ist die Linke insbesondere bei arbeitslosen Wählern mit 31 Prozent und mit 14 Prozent in der Altersgruppe der 45- bis 59-Jährigen.

 

Regionale Aspekte

Die Wahlgeografie hat sich am Sonntag erheblich verändert. Nicht zuletzt der Verlust vieler SPD-Direktwahlkreise gegenüber 2005 ist signifikant. Aber die Übermacht von CDU und CSU, welche die Karte der Wahlkreisgewinner zeigt, täuscht natürlich: Gerade in ihren Hochburgen im Süden hat die Union massiv verloren. Die Einbrüche in Bayern und Baden-Württemberg werden durch die paradoxerweise damit verbundenen Überhangmandate nur zum Teil ausgeglichen. Die Ursache liegt auf der Hand und zeigt sich im deutlichen Zuwachs der FDP: Die in der großen Koalition durch Kompromisse und Angela Merkels Präsidialtaktik weicher gezeichnete Union verliert Wähler, die wirtschaftspolitische Nüchternheit vermissen und mit der sozialpolitischen Aufwärmung der Partei wenig anfangen können. Bemerkenswert ist, dass die Freidemokraten im Westen (außer Hamburg und Bremen) unangefochten den dritten Platz einnehmen und in Baden-Württemberg, Bayern und auch Sachsen der SPD jetzt schon recht nahe kommt.

Dass angesichts der Verluste im Süden die Wahl für die CDU nicht ebenfalls zum Debakel wurde, hat Angela Merkel dem Osten zu verdanken: Dort legte die Partei zu, der Kanzlerinnenbonus für die ostdeutsche Regierungschefin wirkte, dazu wohl auch die „sozialere“ Tonart, die die Kanzlerin anschlug. Diese Erkenntnis dürfte in der schwarz-gelben Koalition nachwirken. Vom Einbruch der Ost-SPD profitierte auch die Linke, die erheblich mehr Direktmandate holte, als vorausgesagt worden war. Die Sozialdemokraten liegen im Osten inklusive Berlin insgesamt nur auf dem dritten Platz.