EU "Europapolitik gehört ins Kanzleramt"

Andere EU-Staaten sind in der Europapolitik besser organisiert als Deutschland, beklagt EU-Kommissar Günter Verheugen. Ein Interview über die Aufgaben von Schwarz-Gelb, die Türkei und Tschechiens Präsident Vaclav Klaus.

Günter Verheugen ist seit 2004 Vizepräsident der EU-Kommission in Brüssel und dort für Industrie und Unternehmen zuständig. Zuvor war er Erweiterungskommissar.

Günter Verheugen ist seit 2004 Vizepräsident der EU-Kommission in Brüssel und dort für Industrie und Unternehmen zuständig. Zuvor war er Erweiterungskommissar.

Frage: Herr Verheugen, die Zeiten sind lange vorüber, da EU-Politik allein als Außenpolitik verstanden werden konnte. Was bedeutet das für die Organisation der Europapolitik innerhalb der künftigen schwarz-gelben Bundesregierung?

Günter Verheugen: Andere große EU-Mitgliedsländer sind in der Europapolitik besser organisiert als Deutschland. Es kommt sehr häufig vor, dass sich die Ressorts in Berlin in EU-Fragen untereinander nicht auf die deutsche Position einigen können. Dann wird der Streit im Kanzleramt geschlichtet. Diese Arbeit wird von tüchtigen, guten Beamten geleistet – ich habe nicht die geringste Kritik an ihnen, ganz im Gegenteil. Aber Entscheidungen von solcher Tragweite müssen von politisch Verantwortlichen getroffen werden. Deshalb gibt es nur eine Lösung des Problems: Die politische Koordinierung der Europapolitik gehört ins Kanzleramt. Ob man da nun einen Bundesminister oder eine parlamentarischen Staatsminister oder Staatssekretär ernennt – da will ich mich nicht einmischen.

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Frage: Die künftige schwarz-gelbe Bundesregierung wird möglicherweise im Verhältnis zur Türkei noch mehr auf eine privilegierte Partnerschaft zusteuern, als das schon bei der alten Bundesregierung der Fall war. Was bedeutet das für den EU-Beitrittsprozess der Türkei?

Verheugen: Ich betrachte das mit großer Sorge. Die privilegierte Partnerschaft ist eine Mogelpackung, denn die Türkei verfügt heute bereits über eine privilegierte Partnerschaft. Und genau das, was man Ankara darüber hinaus noch geben kann, wird von der CDU/CSU abgelehnt. Es gibt eine klare Vereinbarung innerhalb der EU, wonach die Türkei als Beitrittskandidat anerkannt ist. Die Verhandlungen sind bereits vor vier Jahren mit dem Ziel aufgenommen worden, einen Beitrittsvertrag abzuschließen. Bislang hat kein europäisches Land es für richtig gehalten, diesen Prozess zu stoppen. Ich glaube nicht, dass eine künftige Bundesregierung die Verantwortung dafür übernehmen will, dass die Türkei für den Westen verloren geht. Ich hoffe, dass die FDP mit ihrer stolzen außenpolitischen Tradition einen solchen Fehler verhindern wird.

Frage: In Prag fordert der tschechische Präsident Vaclav Klaus eine Aussetzung der EU- Grundrechtecharta für Tschechien mit der Begründung, möglichen Klagen von Vertriebenen auf Eigentumsrückgabe vorbeugen zu wollen. Was bedeutet diese neue Forderung von Klaus für den EU-Reformvertrag von Lissabon, der vor einer Woche in Irland per Referendum angenommen und zuletzt vom polnischen Staatschef Lech Kaczynski unterzeichnet wurde?

Verheugen: Gegner des Lissabon-Vertrags haben in Prag behauptet, dass sich aufgrund der EU-Grundrechtecharta Eigentumsansprüche ergeben könnten, weil die Benes- Dekrete nicht weiter gelten würden. Ich kenne keinen Experten, der diese Rechtsauffassung für richtig hält. Bereits vor dem EU-Beitritt Tschechiens ist festgestellt worden, dass die Benes-Dekrete kein Hindernis für die Aufnahme in die Gemeinschaft darstellen. Allerdings kann Präsident Klaus das Thema heute nur deshalb instrumentalisieren, weil es von deutscher Seite am Leben erhalten wurde. Wir können uns bei einer ganzen Reihe von bayerischen Ministerpräsidenten und bei der CSU bedanken, dass das Problem überhaupt noch existiert. Die CSU macht sich seit vielen Jahren zum Sprachrohr radikaler Positionen der sudetendeutschen Landsmannschaft. Jedes Jahr zu Pfingsten wird in Tschechien die Angst neu geweckt. Die Benes-Dekrete sind ein Thema von gestern. Im Europa von heute haben sie keine Bedeutung mehr.

Das Gespräch führte Albrecht Meier.

 
Leser-Kommentare
    • th
    • 13.10.2009 um 19:07 Uhr

    gäbe er zu, dass die Frage der Entschädigung für die Opfer der Benesch-Dekrete von allen Bundesregierungen, egal welcher Partei, niemals beantwortet, sondern einfach ausgeklammert wurde, mit Phrasen wie "Thema von gestern". Tatsächlich, wenn es vors Bundesverfassungsgericht ging, haben alle Parteien immer nur verkündet, die Frage privater Entschädigungen bleibe offen, und werde von den geschlossenen Verträgen nicht berührt.

    Der Grund ist einfach: ein förmlicher Verzicht der deutschen Regierung im Namen der Betroffenen hätte letzteren den Weg geöffnet, die Bundesregierung auf Entschädigung zu verklagen, so wie es polnische Vertriebene mit der polnischen Regierung gemacht haben - und das wäre teuer geworden.

    Da man aber keine deutschen Gesetze machen will, die solches ausschliessen, um allgemeine Empörung zu vermeiden, faselt man lieber von "Ewiggestrigen", macht diejenigen unter den Geschädigten, die anderer Meinung sind, schlecht, usw. Und drückt damit aus, dass man im Zweifelsfall auch Aussagen vor dem BVerfG und dessen Urteile nicht ernst nimmt, wenn es nicht opportun ist.

    Übrigens - ich habe keinerlei Entschädigungsansprüche an irgendwen, mich nervt bloss die Chutzpe unserer Politiker, ganz egal welcher Fraktion.

    • keox
    • 13.10.2009 um 19:15 Uhr

    ohne daß seine antidemokratischen Strukturen auch nur ansatzweise erwähnt werden, ist Propaganda, Betrug am Leser.

    Weder wird INDECT erwähnt, noch FP7, noch die Verpflichtung zur Aufrüstung, noch die Wiedereinführung der Todesstrafe durch die Hintertür.

    Das Vorrecht wirtschaftlicher Interessen vor allen anderen ist dabei genauso selbstverständlich wie die fehlende demokratische Legitimation durch die europäischen Völker.

    Die nationalen €liten, die schon in 'ihren' Heimatländern sich hinlänglich als 'Führerdemokratien' erwiesen haben - exemplarisch hier: Deutschland, Italien - schließen sich zu einem Gewalt- und Machtmonopol zusammen.

    Um es kurz zu machen: Es geht um mehr als den Krümmungsgrad der gemeinen Gurke.

    PS: Es spricht Alles für ein Europa der Völker, und es spricht Alles gegen ein €uropa der 'Eliten'.

  1. Die Benesdekrete bestehen in Tschechien de facto sehr wohl weiter. Verheugen, der mangelnde Mut und das fehlende Wissen der rot-grünen Regierung haben die EU in diese miesliche Lage gebracht. Tschechien hätte niemals mit diesen völkerrechtswidrigen Dekreten in die EU aufgenommen werden dürfen. Auch von der ostdeutschen Kanzlerin ist nichts zu erwarten. Wichtig ist ein europäischer Zusammenschluss aller europäischer Vertriebener. Das Ausland ist sich dieser "ethnischen Säuberung" sehr wohl bewusst - im Gegensatz zu Verheugen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • th
    • 13.10.2009 um 20:58 Uhr

    sondern alle deutschen Regierungen, z.B. auch Helmut Kohls Regierung und die Angela Merkels.

    • th
    • 13.10.2009 um 20:58 Uhr

    sondern alle deutschen Regierungen, z.B. auch Helmut Kohls Regierung und die Angela Merkels.

    • th
    • 13.10.2009 um 20:58 Uhr

    sondern alle deutschen Regierungen, z.B. auch Helmut Kohls Regierung und die Angela Merkels.

    • th
    • 13.10.2009 um 21:01 Uhr

    was der jetzige tschechische Präsident tatsächlich ist:
    ein nationalistischer Populist.

    • TDU
    • 13.10.2009 um 21:43 Uhr

    Auch ein Altkanzler, nicht von CDSU, ist meines Wissens der Auffassung dass die Aufnahme der Türkei in die EU diese finanziell und wegen der grossen Bevölkerung überfordern würde. Warum stellen Sie diese Frage nicht mal dem Herrn Verheugen. Es würde mich interessieren, was er denkt darüber und wie er es ggfls. entkräften würde. Dass die CDU und die CSU an allem schuld sind, kann ich jetzt im Schlaf aufsagen, da Herr Verheugen das auch immer wieder betonen darf.

    Die Haltung von Klaus finde gestrig, provinziell und vorgeschoben. Ich würde ihn bezüglich dieser Frage als einen "Wicht" bezeichnen.

    Die Auffassung, die EU gehöre ins Kanzleramt teile ich völlig.

  2. Hr. Verheugen hat der EU so viel Schaden zugefügt, dass er endlich nach Hause gehen sollte.
    Die Erweiterung auf 27 Staaten ohne eine neue Verfassung war fast ein Verbrechen. Aufnahmeantragstellern wurden Vorgaben nicht abverlangt, in der Hoffnung, sie würden die Vorgaben eines Tages erreichen.
    Hr. Verheugen hat die EU viel zu schnell erweitert.

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