GesundheitWie gefährlich ist die Nanotechnologie?

Das Umweltbundesamt weist auf die Risiken von Nanoteilchen etwa in Kleidung oder Kosmetika hin. Was wissen wir über die feinen Partikel, und reicht ein Melderegister aus? von Ralf Nestler und Juliane Schäuble

Mit bloßem Auge sind sie gar nicht auszumachen. Dabei können wir ihnen gar nicht mehr aus dem Weg gehen. Kleinste Nanoteilchen stecken in Sportfunktionskleidung, in Sonnencremes, Autoreifen und Wandfarbe. Künftig könnten sie auch in Lebensmittelverpackungen auftauchen und womöglich sogar in Nahrungsmitteln selbst.

Die Technologie gilt als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, oft wird sie mit der "New Economy" verglichen. Doch so beeindruckend die Möglichkeiten der Technologie auch sind – noch ist über ihre Risiken zu wenig bekannt. Dass es diese durchaus gibt, geht aus einem Bericht hervor, den das Umweltbundesamt (UBA) am Mittwoch veröffentlicht hat.

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Was ist Nanotechnologie?

Wörtlich genommen ist damit "Zwergentechnik" gemeint. Denn die Vorsilbe "nano" ist abgeleitet vom griechischen "nannos" (Zwerg). Tatsächlich bezieht sich der Begriff allgemein auf alle Verfahren, bei denen Substanzen oder winzige Strukturen genutzt werden, die kleiner sind als 100 Nanometer. Das ist etwa ein Fünfhundertstel vom Durchmesser eines Haares, also mit bloßem Auge nicht erkennbar. Die Nanopartikel können sehr unterschiedlich aussehen, von Stäbchen über Plättchen bis hin zu kleinen Kugeln.

Welche Vorteile haben diese Teilchen?

Aufgrund ihrer Oberflächen- und Materialeigenschaften laufen in der Zwergenwelt manche chemischen und physikalischen Vorgänge weitaus schneller und effektiver ab als in der Welt der Großen. Deshalb sind Nanoteilchen in der Chemieindustrie, der Elektronik und Medizin sehr gefragt. So verbessern winzige Titan- und Zinkpartikel die Wirksamkeit von Sonnenschutzcremes. Ebenso können kleinste Röhren aus Kohlenstoffatomen, die mit bestimmten Chemikalien "tapeziert" sind, Bakterien und Schadstoffe aus dem Wasser filtern – eine Technik, die vor allem der Milliarde Menschen helfen kann, die noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.

Weil Nanoteilchen effektiver arbeiten als große Strukturen, werden weniger Rohstoffe benötigt. Das spielt gerade bei teuren Stoffen eine Rolle, wie Silber, das keimtötend wirkt. Aber auch in der Chemieindustrie, wo neben dem Rohstoffeinkauf die Entsorgung von gefährlichen Abfallstoffen zu Buche schlägt, ist jede Produktionsverbesserung vorteilhaft, etwa in Gestalt von Nanokatalysatoren. Die Teilchen können auch indirekt Ressourcen schonen. In Autoreifen werden bereits Silizium- und Nanorußpartikel eingearbeitet. Sie stabilisieren das Gummi, so dass der Rollwiderstand sinkt und bis zu zehn Prozent Kraftstoff gespart werden.

Die kleinen Partikel können auch die Ernährung verbessern. In Australien etwa gibt es Brot mit winzigen Kapseln, die Fischöl enthalten. Diese lösen sich erst im Magen auf und versorgen so Menschen fernab der Küste mit wertvollen Omega-3-Fettsäuren. In Deutschland gebe es bislang aber noch keine "Nanolebensmittel", sagt Andrea Moritz vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde. Das liegt auch am mangelnden Wissen über die Wirkung auf Mensch und Umwelt.

Leserkommentare
    • Amreix
    • 22. Oktober 2009 11:31 Uhr

    Ich bin froh, dass dies Thema endlich auch in den "normalen" Medien angesprochen wird. Wie kann es eigentlich sein, dass wir laufend als Versuchskaninchen benutzt werden und nichtmal die Chance haben uns zu schützen. Und die Kosten für den Schaden dürfen wir dann selber tragen, in jeder Hinsicht.

  1. 2.

    Ich ahne schon, worauf das wieder hinausläuft. Man erforscht eine neue Technologie, mischt diese klammheimlich unters Volk, sprich in Produkte aller Art, das gemeine Volk merkt nichts davon bis aufmerksame Beobachter darauf hinweisen, dass die Folgen dieser Technologie für den Menschen noch gar nicht erforscht sind.

    Die Industrie hat bereits Fakten geschaffen, droht mit Abwanderung ins "liberalere" Ausland, während Mensch in einer weltweiten Feldstudie beweisen muss, dass es entweder zu seinem Schaden oder seinem Wohle ist. Wer dagegen ist, gilt als technikfeindlich, wer dafür, verdient wahrscheinlich daran. Same shit, different day.

  2. 3.

    Ach, und natürlich nicht zu vergessen, dass eine Kennzeichnungspflicht ja völlig induskutabel ist, weil der gemeine Bürger ja vorurteilsbeladen zum nanoteschnologiefreiem (oder gentechnikfreiem) Produkt greifen würde. Kommt mir alles so bekannt vor, noch ehe es begonnen hat.

  3. Wie so oft gibt es hier kein schwarz oder weiss. Nano ist so vielfältig, daß sich ganz sicher Partikel finden lassen, die auch gefählich sind.

    Nanotechnologie ist nicht wie "Asbestbau", er ist ist eher wie "Metalltechnologie". Wasser aus Bleirohre ist gefährlich, aus Edelstahlrohren nicht. Messer sind gefährlich, Löffel nicht, selbst wenn sie aus dem gleichen Material bestehen.

    So ist das auch bei den Nanoteilchen: Eine pauschale Bewertung der Technologie als Ganzes ist nicht möglich. Man muss sich eben jedes Produkt einzeln ansehen.

    Beste Grüße,

    Sphinxfutter

    • silente
    • 22. Oktober 2009 14:26 Uhr

    Ich will aber nicht, dass man mir oder einem Mitglied meiner Familie etwas spritzt, unters Essen mischt oder in die Sonnencreme tut, wenn dessen Langzeitwirkungen auf den Organismus nicht ausreichend erforscht sind. Wenn Sie damit kein Problem haben, stört mich das auch nicht weiter. Was spräche denn gegen eine allgemeine Kennzeichnungspflicht??

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich bin kein Gegner einer Kennzeichnungspflicht. Ich finde ohnehin, daß nicht nur bei Lebensmitteln Inhalststoffe ausgewiesen sein sollten. Bei Nanopartikeln müsste man dann neben dem Stoff z.B. noch die tyipsche Partikelgröße angeben.

    Etwa so: Titanoxid, 50nm, supendiert,
    oder Kohlenstoffnanoröhren, feststoffgebunden.

    Dann müsste es Kataloge geben, wie http://www.zusatzstoffe-o... in denen man sich bei Bedenken informieren kann.

    Mir ist folgendes wichtig:
    Nanopartikel sind eine eigene Stoffklasse. Ihre Eigenschaften weichen von den Eigenschaften größerer Partikel quantitativ und qualitativ ab.
    Sie sind deswegen weder harmlos noch gefährlich.

    Sie sollten aber deswegen als neue Produkte behandelt und gesondert zugelassen bzw. geprüft werden.

    Beste Grüße,

    Sphinxfutter

  4. Ich bin kein Gegner einer Kennzeichnungspflicht. Ich finde ohnehin, daß nicht nur bei Lebensmitteln Inhalststoffe ausgewiesen sein sollten. Bei Nanopartikeln müsste man dann neben dem Stoff z.B. noch die tyipsche Partikelgröße angeben.

    Etwa so: Titanoxid, 50nm, supendiert,
    oder Kohlenstoffnanoröhren, feststoffgebunden.

    Dann müsste es Kataloge geben, wie http://www.zusatzstoffe-o... in denen man sich bei Bedenken informieren kann.

    Mir ist folgendes wichtig:
    Nanopartikel sind eine eigene Stoffklasse. Ihre Eigenschaften weichen von den Eigenschaften größerer Partikel quantitativ und qualitativ ab.
    Sie sind deswegen weder harmlos noch gefährlich.

    Sie sollten aber deswegen als neue Produkte behandelt und gesondert zugelassen bzw. geprüft werden.

    Beste Grüße,

    Sphinxfutter

    Antwort auf "@Sphinxfutter:"
    • OIKOS
    • 22. Oktober 2009 23:09 Uhr

    In einer Zeitung habe ich gelesen, daß Nanopartikel auch in menschliche Zellkerne eindringen und dort möglicherweise biochemische Vorgänge beeinflussen können. Weiß jemand etwas genaueres?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe mich mit Nanopartikeln ein wenig befasst und kann sagen: Es kann sein, daß es Nanopartikel gibt, auf die das zutrifft. Prinzipiell ist es auf jeden Fall möglich.

    Ich kann aber nur wiederholen, was ich bereits sagte: Dies ist eine vielfältige Welt. Das ist so, wie wenn man sagt: "Ich habe gehört, daß es Pflanzen gibt, die bei Verzehr tödlich sind." Dieses Gerücht ist sicher wahr. Ich würde dennoch nicht vom Verzehr von Pflanzen im Allgemeinen abraten.

    Man muß sich eben immer angucken, WAS zu einem Produkt verarbeitet.

    Viele Grüße,

    Sphinxfutter

  5. Ich habe mich mit Nanopartikeln ein wenig befasst und kann sagen: Es kann sein, daß es Nanopartikel gibt, auf die das zutrifft. Prinzipiell ist es auf jeden Fall möglich.

    Ich kann aber nur wiederholen, was ich bereits sagte: Dies ist eine vielfältige Welt. Das ist so, wie wenn man sagt: "Ich habe gehört, daß es Pflanzen gibt, die bei Verzehr tödlich sind." Dieses Gerücht ist sicher wahr. Ich würde dennoch nicht vom Verzehr von Pflanzen im Allgemeinen abraten.

    Man muß sich eben immer angucken, WAS zu einem Produkt verarbeitet.

    Viele Grüße,

    Sphinxfutter

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    • OIKOS
    • 23. Oktober 2009 23:07 Uhr

    Wenn Nanotechnik im Zellkern prinzipiell möglich ist, sehe ich den Staat nach dem Vorsorgeprinzip in der Pflicht, gezielte Forschung zu betreiben und ggf. bedenkliche oder schädliche Nanopartikel zu verbieten. Solange keine klaren Ergebnisse vorliegen, darf die Anwendung von Nanopartikeln nicht freigegeben werden. Wir Bürger sind keine Versuchskaninchen!

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