Gesundheit Wie gefährlich ist die Nanotechnologie?

Das Umweltbundesamt weist auf die Risiken von Nanoteilchen etwa in Kleidung oder Kosmetika hin. Was wissen wir über die feinen Partikel, und reicht ein Melderegister aus?

Mit bloßem Auge sind sie gar nicht auszumachen. Dabei können wir ihnen gar nicht mehr aus dem Weg gehen. Kleinste Nanoteilchen stecken in Sportfunktionskleidung, in Sonnencremes, Autoreifen und Wandfarbe. Künftig könnten sie auch in Lebensmittelverpackungen auftauchen und womöglich sogar in Nahrungsmitteln selbst.

Die Technologie gilt als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, oft wird sie mit der "New Economy" verglichen. Doch so beeindruckend die Möglichkeiten der Technologie auch sind – noch ist über ihre Risiken zu wenig bekannt. Dass es diese durchaus gibt, geht aus einem Bericht hervor, den das Umweltbundesamt (UBA) am Mittwoch veröffentlicht hat.

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Was ist Nanotechnologie?

Wörtlich genommen ist damit "Zwergentechnik" gemeint. Denn die Vorsilbe "nano" ist abgeleitet vom griechischen "nannos" (Zwerg). Tatsächlich bezieht sich der Begriff allgemein auf alle Verfahren, bei denen Substanzen oder winzige Strukturen genutzt werden, die kleiner sind als 100 Nanometer. Das ist etwa ein Fünfhundertstel vom Durchmesser eines Haares, also mit bloßem Auge nicht erkennbar. Die Nanopartikel können sehr unterschiedlich aussehen, von Stäbchen über Plättchen bis hin zu kleinen Kugeln.

Welche Vorteile haben diese Teilchen?

Aufgrund ihrer Oberflächen- und Materialeigenschaften laufen in der Zwergenwelt manche chemischen und physikalischen Vorgänge weitaus schneller und effektiver ab als in der Welt der Großen. Deshalb sind Nanoteilchen in der Chemieindustrie, der Elektronik und Medizin sehr gefragt. So verbessern winzige Titan- und Zinkpartikel die Wirksamkeit von Sonnenschutzcremes. Ebenso können kleinste Röhren aus Kohlenstoffatomen, die mit bestimmten Chemikalien "tapeziert" sind, Bakterien und Schadstoffe aus dem Wasser filtern – eine Technik, die vor allem der Milliarde Menschen helfen kann, die noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.

Weil Nanoteilchen effektiver arbeiten als große Strukturen, werden weniger Rohstoffe benötigt. Das spielt gerade bei teuren Stoffen eine Rolle, wie Silber, das keimtötend wirkt. Aber auch in der Chemieindustrie, wo neben dem Rohstoffeinkauf die Entsorgung von gefährlichen Abfallstoffen zu Buche schlägt, ist jede Produktionsverbesserung vorteilhaft, etwa in Gestalt von Nanokatalysatoren. Die Teilchen können auch indirekt Ressourcen schonen. In Autoreifen werden bereits Silizium- und Nanorußpartikel eingearbeitet. Sie stabilisieren das Gummi, so dass der Rollwiderstand sinkt und bis zu zehn Prozent Kraftstoff gespart werden.

Die kleinen Partikel können auch die Ernährung verbessern. In Australien etwa gibt es Brot mit winzigen Kapseln, die Fischöl enthalten. Diese lösen sich erst im Magen auf und versorgen so Menschen fernab der Küste mit wertvollen Omega-3-Fettsäuren. In Deutschland gebe es bislang aber noch keine "Nanolebensmittel", sagt Andrea Moritz vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde. Das liegt auch am mangelnden Wissen über die Wirkung auf Mensch und Umwelt.

Welche Risiken gibt es dabei?

Durch den zunehmenden Einsatz der winzigen Helfer in den verschiedensten Produkten werden sie gehäuft in die Umwelt freigesetzt, wo sie mittelbar auch in den menschlichen Körper gelangen können. Das dürfte nach Expertenmeinung vor allem über die Atemwege geschehen, denn Nanoteilchen sind noch kleiner als Feinstaub und können sich extrem lange in der Luft halten.

Welche Auswirkungen die Teilchen im menschlichen Körper haben, sei nur wenig erforscht, schreiben die Autoren der UBA-Studie. Das liegt auch daran, dass nicht einmal klar ist, welche Firma welche Nanosubstanzen verwendet. "Deshalb fordern wir ein zentrales Melderegister, in dem diese Stoffe erfasst werden", sagt Heidi Becker, eine der Autorinnen des UBA-Papiers. So könne deren Wirkung auf Mensch und Umwelt gezielter untersucht werden. "Das muss für jede Substanz individuell gemacht werden, Silberpartikel zum Beispiel haben ganz andere Eigenschaften als Titanoxide." Letztere werden in Sonnencremes verwandt – und dringen nicht in den Körper ein, wie Studien zeigten.

"Es gibt allerdings Tierversuche, die für andere Substanzen besorgniserregende Resultate lieferten", sagt Becker. Bestimmte Kohlenstoffnanoröhren hätten in Ratten zum Wachstum von Tumoren geführt. "Die Röhren wurden den Tieren aber direkt gespritzt, ihre Konzentration lag somit weit über den Werten, die in den Herstellerbetrieben gemessen werden", fügt sie hinzu. Dort würden die Mitarbeiter durch entsprechende Absaugvorrichtungen gut geschützt. Das habe die "Nanocare"-Studie des Bundesforschungsministeriums gezeigt.

Für die normale Bevölkerung geht von den Röhren kaum ein Risiko aus, sie sind – beispielsweise bei Filteranlagen – fest in Kunststoff eingebunden. "Problematisch ist eher die Entsorgung", sagt Becker. Wie beim natürlichen Pendant Asbest, der seit Jahrzehnten die Sanierungskosten in die Höhe treibt.

Größere Bedenken hat die Toxikologin bei Stoffen, die solche Partikel freisetzen können. "Derzeit untersuchen wir beispielsweise, ob Textilien bestimmte Nanoteilchen freisetzen, die gesundheitsschädlich sind." Bereits bekannt ist, dass von Silberpartikeln, die in Socken eingewebt werden, schon bei der ersten Wäsche die Hälfte gelöst und in die Kanalisation gespült wird. Das Edelmetall soll eigentlich Bakterien töten, die Fußgeruch befördern. "Nun wird erforscht, ob die Partikel in der Umwelt Schäden hervorrufen, etwa an den Bakterien, die in Kläranlagen das Wasser reinigen", sagt Becker.

Der Eintrag von Nanopartikeln in die Umwelt sollte minimiert werden, fasst sie zusammen. "Deshalb empfehlen wir, prinzipiell auf Produkte zu verzichten, wenn diese Nanopartikel freisetzen können." Und das bezieht sich nicht nur auf den Augenblick. Keiner wisse, welche Folgen die Substanzen über einen Zeitraum von 50 Jahren haben, sagt Becker.

Reicht ein Melderegister aus?

Vor allem die Vorstellung, dass Nanoteilchen künftig unser Essen begleiten, beunruhigt viele. Daher fordern Verbraucherschützer neben einem Melderegister eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für alle Produkte, in denen solche Partikel vorkommen können. So soll jeder selbst entscheiden können, ob er ein solches Produkt kaufen möchten.

"Solange die Risiken nicht besser erforscht sind, sollten solche Produkte außerdem wie neue Stoffe behandelt und zugelassen werden", fordert Christoph Römer von der Verbraucherzentrale Berlin. "Es sind einfach noch so viele Fragen offen, zum Beispiel auch, was passiert, wenn die Sachen einfach in der Umwelt vergammeln."

Auffallend ist, dass die Nanotechnologie anders als die grüne Gentechnik in Deutschland kaum umstritten ist und überwiegend positiv beurteilt wird – so weit sie überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Das wissen auch Unternehmen wie der Kosmetikkonzern L’Oréal oder die Textilfirma Falke, die mit Nanomaterialien in ihren Produkten werben.

Auch die Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind, rechnen weiterhin mit einer guten Geschäftsentwicklung. Allein in Deutschland arbeiten nach Angaben des Umweltbundesamtes rund 800 Firmen auf diesem Gebiet. Im Jahr 2007 wurden hierzulande rund 33 Milliarden Euro Umsatz mit entsprechenden Produkten gemacht. 2015 könnte das Weltmarktvolumen bereits bei drei Billionen Euro liegen, schätzen Experten.

Sollte sich allerdings herausstellen, dass Gesundheitsschäden nachweislich durch Nanomaterial ausgelöst wurden, droht ein massiver Imageverlust der "Zwergenwelt". Viele in diesem Bereich tätige Unternehmen sind aus Universitäten hervorgegangene Start-ups, nicht wenige von ihnen finden sich in Berlin. Die kleinen Firmen suchen sich ihre Nische – und sind auf Investoren und damit auf Vertrauen angewiesen.

 
Leser-Kommentare
    • Amreix
    • 22.10.2009 um 11:31 Uhr

    Ich bin froh, dass dies Thema endlich auch in den "normalen" Medien angesprochen wird. Wie kann es eigentlich sein, dass wir laufend als Versuchskaninchen benutzt werden und nichtmal die Chance haben uns zu schützen. Und die Kosten für den Schaden dürfen wir dann selber tragen, in jeder Hinsicht.

  1. 2.

    Ich ahne schon, worauf das wieder hinausläuft. Man erforscht eine neue Technologie, mischt diese klammheimlich unters Volk, sprich in Produkte aller Art, das gemeine Volk merkt nichts davon bis aufmerksame Beobachter darauf hinweisen, dass die Folgen dieser Technologie für den Menschen noch gar nicht erforscht sind.

    Die Industrie hat bereits Fakten geschaffen, droht mit Abwanderung ins "liberalere" Ausland, während Mensch in einer weltweiten Feldstudie beweisen muss, dass es entweder zu seinem Schaden oder seinem Wohle ist. Wer dagegen ist, gilt als technikfeindlich, wer dafür, verdient wahrscheinlich daran. Same shit, different day.

  2. 3.

    Ach, und natürlich nicht zu vergessen, dass eine Kennzeichnungspflicht ja völlig induskutabel ist, weil der gemeine Bürger ja vorurteilsbeladen zum nanoteschnologiefreiem (oder gentechnikfreiem) Produkt greifen würde. Kommt mir alles so bekannt vor, noch ehe es begonnen hat.

  3. Wie so oft gibt es hier kein schwarz oder weiss. Nano ist so vielfältig, daß sich ganz sicher Partikel finden lassen, die auch gefählich sind.

    Nanotechnologie ist nicht wie "Asbestbau", er ist ist eher wie "Metalltechnologie". Wasser aus Bleirohre ist gefährlich, aus Edelstahlrohren nicht. Messer sind gefährlich, Löffel nicht, selbst wenn sie aus dem gleichen Material bestehen.

    So ist das auch bei den Nanoteilchen: Eine pauschale Bewertung der Technologie als Ganzes ist nicht möglich. Man muss sich eben jedes Produkt einzeln ansehen.

    Beste Grüße,

    Sphinxfutter

  4. Ich will aber nicht, dass man mir oder einem Mitglied meiner Familie etwas spritzt, unters Essen mischt oder in die Sonnencreme tut, wenn dessen Langzeitwirkungen auf den Organismus nicht ausreichend erforscht sind. Wenn Sie damit kein Problem haben, stört mich das auch nicht weiter. Was spräche denn gegen eine allgemeine Kennzeichnungspflicht??

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich bin kein Gegner einer Kennzeichnungspflicht. Ich finde ohnehin, daß nicht nur bei Lebensmitteln Inhalststoffe ausgewiesen sein sollten. Bei Nanopartikeln müsste man dann neben dem Stoff z.B. noch die tyipsche Partikelgröße angeben.

    Etwa so: Titanoxid, 50nm, supendiert,
    oder Kohlenstoffnanoröhren, feststoffgebunden.

    Dann müsste es Kataloge geben, wie http://www.zusatzstoffe-o... in denen man sich bei Bedenken informieren kann.

    Mir ist folgendes wichtig:
    Nanopartikel sind eine eigene Stoffklasse. Ihre Eigenschaften weichen von den Eigenschaften größerer Partikel quantitativ und qualitativ ab.
    Sie sind deswegen weder harmlos noch gefährlich.

    Sie sollten aber deswegen als neue Produkte behandelt und gesondert zugelassen bzw. geprüft werden.

    Beste Grüße,

    Sphinxfutter

    Ich bin kein Gegner einer Kennzeichnungspflicht. Ich finde ohnehin, daß nicht nur bei Lebensmitteln Inhalststoffe ausgewiesen sein sollten. Bei Nanopartikeln müsste man dann neben dem Stoff z.B. noch die tyipsche Partikelgröße angeben.

    Etwa so: Titanoxid, 50nm, supendiert,
    oder Kohlenstoffnanoröhren, feststoffgebunden.

    Dann müsste es Kataloge geben, wie http://www.zusatzstoffe-o... in denen man sich bei Bedenken informieren kann.

    Mir ist folgendes wichtig:
    Nanopartikel sind eine eigene Stoffklasse. Ihre Eigenschaften weichen von den Eigenschaften größerer Partikel quantitativ und qualitativ ab.
    Sie sind deswegen weder harmlos noch gefährlich.

    Sie sollten aber deswegen als neue Produkte behandelt und gesondert zugelassen bzw. geprüft werden.

    Beste Grüße,

    Sphinxfutter

  5. Ich bin kein Gegner einer Kennzeichnungspflicht. Ich finde ohnehin, daß nicht nur bei Lebensmitteln Inhalststoffe ausgewiesen sein sollten. Bei Nanopartikeln müsste man dann neben dem Stoff z.B. noch die tyipsche Partikelgröße angeben.

    Etwa so: Titanoxid, 50nm, supendiert,
    oder Kohlenstoffnanoröhren, feststoffgebunden.

    Dann müsste es Kataloge geben, wie http://www.zusatzstoffe-o... in denen man sich bei Bedenken informieren kann.

    Mir ist folgendes wichtig:
    Nanopartikel sind eine eigene Stoffklasse. Ihre Eigenschaften weichen von den Eigenschaften größerer Partikel quantitativ und qualitativ ab.
    Sie sind deswegen weder harmlos noch gefährlich.

    Sie sollten aber deswegen als neue Produkte behandelt und gesondert zugelassen bzw. geprüft werden.

    Beste Grüße,

    Sphinxfutter

    Antwort auf "@Sphinxfutter:"
    • OIKOS
    • 22.10.2009 um 23:09 Uhr

    In einer Zeitung habe ich gelesen, daß Nanopartikel auch in menschliche Zellkerne eindringen und dort möglicherweise biochemische Vorgänge beeinflussen können. Weiß jemand etwas genaueres?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe mich mit Nanopartikeln ein wenig befasst und kann sagen: Es kann sein, daß es Nanopartikel gibt, auf die das zutrifft. Prinzipiell ist es auf jeden Fall möglich.

    Ich kann aber nur wiederholen, was ich bereits sagte: Dies ist eine vielfältige Welt. Das ist so, wie wenn man sagt: "Ich habe gehört, daß es Pflanzen gibt, die bei Verzehr tödlich sind." Dieses Gerücht ist sicher wahr. Ich würde dennoch nicht vom Verzehr von Pflanzen im Allgemeinen abraten.

    Man muß sich eben immer angucken, WAS zu einem Produkt verarbeitet.

    Viele Grüße,

    Sphinxfutter

    Ich habe mich mit Nanopartikeln ein wenig befasst und kann sagen: Es kann sein, daß es Nanopartikel gibt, auf die das zutrifft. Prinzipiell ist es auf jeden Fall möglich.

    Ich kann aber nur wiederholen, was ich bereits sagte: Dies ist eine vielfältige Welt. Das ist so, wie wenn man sagt: "Ich habe gehört, daß es Pflanzen gibt, die bei Verzehr tödlich sind." Dieses Gerücht ist sicher wahr. Ich würde dennoch nicht vom Verzehr von Pflanzen im Allgemeinen abraten.

    Man muß sich eben immer angucken, WAS zu einem Produkt verarbeitet.

    Viele Grüße,

    Sphinxfutter

  6. Ich habe mich mit Nanopartikeln ein wenig befasst und kann sagen: Es kann sein, daß es Nanopartikel gibt, auf die das zutrifft. Prinzipiell ist es auf jeden Fall möglich.

    Ich kann aber nur wiederholen, was ich bereits sagte: Dies ist eine vielfältige Welt. Das ist so, wie wenn man sagt: "Ich habe gehört, daß es Pflanzen gibt, die bei Verzehr tödlich sind." Dieses Gerücht ist sicher wahr. Ich würde dennoch nicht vom Verzehr von Pflanzen im Allgemeinen abraten.

    Man muß sich eben immer angucken, WAS zu einem Produkt verarbeitet.

    Viele Grüße,

    Sphinxfutter

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    • OIKOS
    • 23.10.2009 um 23:07 Uhr

    Wenn Nanotechnik im Zellkern prinzipiell möglich ist, sehe ich den Staat nach dem Vorsorgeprinzip in der Pflicht, gezielte Forschung zu betreiben und ggf. bedenkliche oder schädliche Nanopartikel zu verbieten. Solange keine klaren Ergebnisse vorliegen, darf die Anwendung von Nanopartikeln nicht freigegeben werden. Wir Bürger sind keine Versuchskaninchen!

    • OIKOS
    • 23.10.2009 um 23:07 Uhr

    Wenn Nanotechnik im Zellkern prinzipiell möglich ist, sehe ich den Staat nach dem Vorsorgeprinzip in der Pflicht, gezielte Forschung zu betreiben und ggf. bedenkliche oder schädliche Nanopartikel zu verbieten. Solange keine klaren Ergebnisse vorliegen, darf die Anwendung von Nanopartikeln nicht freigegeben werden. Wir Bürger sind keine Versuchskaninchen!

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