20 Jahre Mauerfall Bühne der Freiheit am Berliner Alex

Die Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz in Berlin war die Generalprobe zur Wende – auch für die Mitarbeiter des Deutschen Theaters.

Am 04.11.1989 kam es zu einer Massenkundgebung auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin

Am 04.11.1989 kam es zu einer Massenkundgebung auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin

Hans Rübesame arbeitet überm letzten Treppenabsatz, unterm Dach. Das passt. Er ist ganz oben. Wo der Kopf sitzt. Wo die Erinnerung im Standby-Modus verharrt.

Das ist nicht Vergangenheit. Wir leben doch noch mittendrin

Hans Rübesame, Archivar

Wenn man ihn in Betrieb setzt, eine Frage stellt oder einen Auftrag erteilt, verschwindet er im Halbdunkel zwischen Regalen voller Schätze. Zwischen 150 Jahre alten Textbüchern, Bühnenmanuskripten, Rollen-, Souffleur- und Inspizierbüchern, Proben- und Vorstellungsprotokollen, Programmheften, Plakaten, Bildern. Rübesame ist Archivar des Deutschen Theaters in Berlin. Er ist dunkel gekleidet wie vor Jahrzehnten, als er Bibliotheks- und Musikwissenschaftler wurde. In seinem krausen Kopfhaar ringen graue Härchen um Aufmerksamkeit. Er trägt einen Vollbart. Er ist irgendwie zeitlos.

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Den Auftrag, den er jetzt erledigt, hat er sich gewünscht. Er muss nicht tief ins Halbdunkel, um die Pappmappen zu holen, in denen der Herbst 1989 steckt und alles, was dazugehört. Der 4. November, jener Samstag, als das Deutsche Theater nicht an der Reinhardtstraße Theater spielte, sondern auf dem Alexanderplatz seine Vorstellungen wahr machte. Weil das genau 20 Jahre her ist, soll Rübesame einen Schaukasten zusammenstellen.

"Das ist nicht Vergangenheit", sagt er. "Wir leben doch noch mittendrin."

Einst hing im Deutschen Theater eine Wandzeitung, dort ging’s geregelt zu, wie bei allen Wandzeitungen der DDR. Es gab Platz für Betriebliches, die Gewerkschaft, die Partei. Für niemanden sonst. Im Juni 1989 nagelte der Schauspieler Thomas Neumann, einer der drei Vertrauensleute des Ensembles, ein Brett an die Wand im Flur. Jedermann im Haus sollte sich äußern können. Das Brett war eine mutige Offerte, zugleich eine Kapitulation.

Denn draußen vorm Theater, wo das Publikum wohnte, war das Leben längst in Unordnung. Auf einer Demonstration waren Bürgerrechtler verhaftet worden. Berliner Schüler, die an der Wandzeitung ihre Meinung hinterlassen hatten, waren von der Schule geflogen. In einer Kirche hatte die Polizei zugeschaut, als Rechtsradikale die Gäste eines Punk-Konzerts verprügelten. Eine Zeitschrift, sowjetische Filme waren verboten worden. Man hatte das Volk bei den Kommunalwahlen betrogen. Es formierte sich Widerstand, vor der Leipziger Nikolaikirche bahnten sich Montagsdemonstrationen an. Thomas Neumann sagt: "Die Realität rückte uns auf den Leib."

Fortan hinterließen seine Kollegen an der Wandzeitung Meinungen, Aufrufe, fieberhaft auf Zettel geworfen. Pamphlete, aus klapprigen Schreibmaschinen herausgeprügelt, Zeitungsartikel, Briefe. Du hast keine Ahnung, was im Land los ist, hatte der Bruder, der bei den Wasserwerken arbeitete, stets zu Neumann gesagt. Jetzt merkte der Schauspieler das selber.

Die Vorstellungen am Deutschen Theater waren ausverkauft, man fuhr auf Tourneen in den Westen. Doch es gab auch Leute am Haus, die normal lebten. Die jetzt so wütend und verzweifelt waren wie die Mimen in Sternstunden auf der Bühne. "Es ist ja auch ein Privileg, mit Texten und Interpretationen zu arbeiten", erkannte die Schauspielerin Simone von Zglinicki. Ihre Kollegin Johanna Schall machte sich an der Wandzeitung mit Filzstiftbuchstaben unübersehbar. In dem Gefühl, zu lange geschwiegen zu haben, preschte sie mit Schwung und bunten Farben voran.

Leser-Kommentare
  1. spielt gerade dieser Tag und dieses Ereignis im medialen Erinnerungsbrei eine so kleine, ja dürftige Rolle? Kann es an den Losungen und Träumen liegen, die damals so selbstbewußt und freimütig vorgezeigt und vorgetragen wurden? Da waren wir noch ganz wir.

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