Kopenhagen-Konferenz Klimaschutz und Wohlstand sind vereinbar
Die Klimabremser China und USA begehen einen strategischen Fehler. Statt in Lippenbekenntnisse sollten sie lieber in Klimaschutz investieren – es lohnt sich.
Das Signal aus Fernost erscheint verheerend. Die Regierung des Landes mit dem höchsten Ausstoß an Treibhausgasen möchte zwar das Klima schützen, aber bitte ohne vertragliche Bindung, wann und wie schnell sie die Emissionen senken muss. Die Regierung jenes Landes wiederum, dessen Bewohner wie kein anderes Öl, Gas oder Kohle für ihren verschwenderischen Lebensstil verbrennen, möchte auch gern das drohende Chaos im Treibhaus Erde abwenden.
Aber leider, leider kann sie sich nicht durchsetzen. Und so vereinbarten nun die Präsidenten von China und den USA, jenen Staaten also, die gemeinsam mehr als ein Drittel aller klimaschädlichen Emissionen produzieren, dass es "unrealistisch" sei, in den drei Wochen bis zum UN-Klimagipfel in Kopenhagen ein völkerrechtlich bindendes Abkommen auszuhandeln.
Zwar war genau das eigentlich seit zwei Jahren vereinbart, aber Barack Obama und sein chinesischer Partner Hu Jintao ziehen es vor, den Klimaschutz an tagespolitischen Erfordernissen auszurichten anstatt an den physikalischen Gesetzen der Atmosphäre. Ist der Klimaschutz damit gescheitert? Müssen unsere Kinder und Enkel nun die Küstenstädte räumen und mit großen Flüchtlingsströmen rechnen?
Zum Glück nicht, noch nicht. Denn das Ringen um einen neuen Klimaschutzvertrag verläuft nur deshalb so fruchtlos, weil die Beteiligten noch immer meinen, es ginge um die Verteilung von wirtschaftlichen Lasten. Die Besitzstandswahrer in der Energie-, Auto-, Zement- und Metallindustrie haben ihnen erfolgreich die Mär verkauft, der klimagerechte Umbau würde Arbeitsplätze kosten. Tatsächlich aber ist das Gegenteil richtig, wie zahlreiche Studien inzwischen belegen.
Staaten und Unternehmen, die jetzt im großen Stil in die nötigen Technologien investieren, um die Menschheit aus der Abhängigkeit von fossilen Kohlenstoffressourcen zu befreien, werden in diesen Bereichen mehr neue Jobs schaffen, als in den alten verloren gehen. Die Umstellung auf regenerative Energien, die Optimierung der Herstellungsprozesse und die Sanierung des Gebäudebestandes zählen schon bisher zu den wichtigsten Stützen des Arbeitsmarktes. Hinzu kommt, dass der Preis für Erdöl und Erdgas drastisch ansteigen wird. Der Preissturz nach der Finanzkrise hat da ein irreführendes Signal gesendet. Selbst die notorisch optimistische Internationale Energieagentur rechnet damit, dass schon im nächsten Jahr die Nachfrage das Angebot wieder überschreiten und den Preis treiben wird.
Insofern begehen Klimaschutzbremser in Washington und Peking einen strategischen Fehler. Je länger sie das Unvermeidbare aufschieben, umso weiter fallen sie zurück. Darum sollten die EU-Regierungen dies nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance nutzen. Jetzt gilt es demonstrativ die Emissionslizenzen zu verknappen und so die Nutzung der Abgasdeponie Atmosphäre zumindest auf dem weltgrößten Binnenmarkt zu verteuern. Damit und ergänzt durch harte Vorgaben für die Senkung des Energieverbrauchs könnte Europa einen unschätzbaren Wettbewerbsvorteil erringen, selbst wenn die Stahl- oder Autoindustrie vorübergehend ein paar Prozente am Weltmarkt verlieren.
Würde so bewiesen, dass Klimaschutz zwar den Lebensstil verändert, aber gleichwohl mit Wohlstand vereinbar ist, würde der Weltklimavertrag zur Nebensache. Denn nichts ist überzeugender als ein erfolgreiches Modell.
Quelle: Der Tagesspiegel
- Datum 01.02.2010 - 10:55 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 22
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hoffentlich sieht das die Eu auch so^^
Ein interessanter, wenn auch kein neuer Ansatz! Leider ist der "Alleingang der EU" ein Modell, das zu kurz greift. Ein hartes Klimaschutzregime der Europäischen Staaten würde dazu führen, dass emissionsintensive Produktionsprozesse örtlich in andere Länder (ohne vergleichbare Klimaschutz-Standards) verlagert werden. Dieser effekt würde die Emissionen nicht reduzieren. Im Gegenteil: es enstünden vermehrt transportbedingte CO2-Emissionen.
Dieses Phänomen nennt man in der klimapolitischen Fachdiskussion "Carbon leakage". Der Effekt ist für unterschiedliche Industriezweige unterschiedlich relevant. Ob innerhalb des Europäischen Emissionshandelssystems ab 2013 Zertifikate wie bisher umsonst zugeteilt oder versteigert werden, wird deshalb danach differenziert, ob ein Industriesektor "trade exposed" ist. Eine Diskussion, die nicht immer zu sachgerechten Ergebnissen füht, sondern stark von der Lobbyarbeit bestimmter Industrieverbände abhängt...
Die Komplexität dieser Diskussion zeigt, dass ein regional isoliertes Klimaschutzregime seine Tücken hat. Vielleicht wird die EU die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrie auch durch die Erhebung von Einfuhrzöllen für Importe aus Ländern ohne adäquaten Klimaschutzstandard schützen wollen. Das wäre effektiver, als lediglich die kostenlose Zertifikatsausgabe beizubehalten.
Aber solche Importbeschränkungen zögen wahrscheinlich einen interkontinentalen Handelskrieg nach sich. Und daran kann aus volkswirtschaftlicher Sicht niemandem gelegen sein...
"Staaten und Unternehmen, die jetzt im großen Stil in die nötigen Technologien investieren, um die Menschheit aus der Abhängigkeit von fossilen Kohlenstoffressourcen zu befreien, werden in diesen Bereichen mehr neue Jobs schaffen, als in den alten verloren gehen."
Das stimmt bestimmt, aber dadurch werden auch die Produkte dieser Firmen entsprechend teurer, da pro Einheit mehr Arbeitskräfte benötigt werden als in Staaten, die sich diesen Aufwand sparen - mal ganz abgesehen von den ohnehin höheren Lohnstückkosten schon heute. Ohne Klimaprotektionismus auf dem Import-Markt der im Klimaschutz vereinten Staaten wird da nichts gehen, aber auch das wird der exportorientierten Wirtschaft in Deutschland wenig helfen, zeigt sich doch der Binnenmarkt schon seit Jahren schwach und viele Exporte gehen nunmal auch in Staaten, die sich - siehe China - nur bedingt um den Klimawandel scheren.
Die EU muss dieses mal Vorreiter spielen, um das Mikado-Spiel der Staaten zu unterbrechen!
Ähnlich wie bei der nachhaltigen Holzwirtschaft oder bei der Kinderarbeit brauchen wir Zertifikate, die eine CO2-arme Produktion bestätigen.
Dazu müssen klare Herkunfts- und Herstellerangaben kommen.
Sind diese Umweltsiegel erst einmal eingeführt, werden die ander Staaten aufgrund des Verbraucherdrucks folgen.
Hinzu kommt, dass die EU wie bei der Energiesparlampe auch Vorschriften erlassen kann.
Wir dürfen und jetzt nicht von den Bedenkenträgern Bange machen lassen, sondern müssen die historische Chance am Schopf packen!
Daß es funktionierende Auswege aus der Klimamisere gibt, bei denen wir nicht auf unseren Wohlstand zu verzichten müssen, ist keine Neuigkeit. Es ist zwar schön, daß es mal wieder in den Medien ist. Eine Lösung des eigentlichen Problems wird aber nicht aufgezeigt. Denn so lange wir Regierungen haben, denen die Lobbyisten der Besitzstandswahrer näher sind als das Gemeinwohl und wissentschaftliche Erkenntnisse, wird sich nichts wesentliches ändern.
Denn klar ist auch: Ein klimagerechter Umbau unserer Gesellschaft bedeutet auch eine gewaltige Neuverteilung.
China beteiligt sich nicht am Abkommen, pumpt aber trotzdem um ein vielfaches mehr Geld in klimafreundliche Technologien. USA nicht ganz so, aber immer noch mehr als Europa.
Es ist Augenwischerei zu glauben, dass wir hier Vorreiter bleiben. In 10 Jahren sind wir abgehangen. Dann wird die Technik in China produziert und aufgebaut. Mal sehen, ob es ein Exportmarkt für Europa bleibt.
Aber wir jammern ja nur rum, dass die nicht bei unserem Abkommen mitmachen wollen. Und wenn die nicht unterschreiben, dann machen wir eben auch nichts.
Es wird nur vergesen, dass die trotzdem was tun. Die brauchen dafür aber kein internationales Abkommen. China hat aus gutem Grund bei vielen internationalen Aktivitäten auf Unterschriften verzichtet. Weil es immer so war, dass die, die sich an die Spielregeln des Westens (oder Nordens) per Unterschrift verkaufen einen komperativen Nachteil davon tragen.
Wie kleine Kinder sind wir Europäer. Wenn die nicht verspricht ihr Zimmer aufzuräumt, dann mach ich das auch nicht.
Ätzend
So ist das
So ist das
Entschuldigung.
Ernst u. von Weizsäcker verööfentlichte 1996 in Zusammenarbeit mit amerkanischen Wissenschaftlern den Bericht an den Club of Rome unter dem Titel "Faktor 4 - Doppelter Wohlstand mit halben Naturressourcen".
Einfach mal lesen. Man glaubt gar nicht, was alles nicht gemacht wird, von der Industrie ignoriert wird.
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