20 Jahre Mauerfall
Es ist noch viel zu tun
Eine Mehrheit der Deutschen sagt, die Gesellschaft sei seit der Wiedervereinigung ungerechter geworden. Politik und Parteien müssen darauf reagieren.
© Sean Gallup/ Getty Images

Das gigantische Mauer-Domino aus Styropor, das zum Jahrestag des 9. November 1989 in Berlin aufgestellt wurde und bald wieder fallen soll
Die Mauer ist zeitlich so weit weg, dass viele Berliner nicht mehr wissen, wo sie stand. Längst ist eine Generation erwachsen, die keine eigene Erinnerung daran hat. Jetzt bestaunen wir ein gigantisches Puzzle zwischen Potsdamer Platz und Reichstag, mit dem am Montag, dem 20. Jahrestag des Mauerfalls, symbolisch nachgespielt werden soll, wie sich der Schrecken der Teilung in grenzenlosem Jubel auflöste.
Gerade weil inzwischen, um eine Formulierung Willy Brandts zu zitieren, vieles zusammenwuchs, was zusammengehört, fällt in all den positiven Wertungen zur Einheit eine Aussage aus dem Rahmen: In beiden Teilen Deutschlands, quer durch alle parteipolitischen Orientierungen, meint eine klare Mehrheit der Menschen, unsere Gesellschaft sei seit der Wiedervereinigung ungerechter geworden. Bei den 35- bis 44-Jährigen glauben das sogar zwei Drittel. Dabei wird die frühere DDR nicht etwa glorifiziert. Im Osten wie im Westen sagen klare Mehrheiten, dieser Staat sei ein Unrechtsstaat gewesen. Die Bürger sind da weiter als Politiker, die weich zeichnen, was jede Erinnerung anders benennen kann.
Einzig die Linke greift das Unbehagen auf, aber die Rezepte, mit denen sie Gerechtigkeit schaffen will, sind jenen ähnlich, deren Scheitern 1989 so offenkundig wurde. Nun ist es leicht, die Ungerechtigkeit der Welt zu beklagen, weil man sich dem Kampf um die vorhandenen Möglichkeiten nicht stellen will, sondern darauf wartet, dass der Staat sie einem zuteilt. Eine solche Anspruchshaltung gibt es, und sie wurzelt beileibe nicht nur in ostdeutscher Sozialisation, sondern war auch in West-Berlin höchst lebendig. Aber als Erklärung des Phänomens greift das zu kurz. Die Zahl der Enttäuschten ist, bis weit in den gerade wieder von Angela Merkel umworbenen Mittelstand hinein, weit größer und alle Parteien überwölbend, als dass man sie so einfach abtun könnte.
In der DDR war der Mangel gleichmäßig – wer möchte, kann sagen: gerecht – verteilt. Chancen hingen vielleicht vom SED-Parteibuch ab, aber auf einem bescheidenen Niveau konnte jeder sein Leben weitgehend frei von Risiken westlicher Gesellschaften gestalten. In der alten Bundesrepublik schuf der kurzzeitig verteufelte und längst wieder zurückgesehnte rheinische Kapitalismus Wohlstand für breite Schichten ohne viele Ausreißer nach unten oder oben. Die meisten Menschen fanden diese Republik im Großen und Ganzen gerecht. Dass sich dieses Empfinden aus objektiv nachvollziehbaren Gründen geändert hat, hängt weniger mit der Wiedervereinigung als mit der Globalisierung zusammen. Unter deren Folgen leiden geringer Qualifizierte mehr als die gut Ausgebildeten. Von den Auswirkungen der jüngsten Krise getroffen werden aber diese wie jene, und die Zahl der Menschen wächst, die sich sicher sind, trotz allen Bemühens um wirtschaftliche Sicherheit einfach keine Chance mehr zu haben.
Bis auf die Linke sind alle Parteien gegenüber diesem Gerechtigkeitsdefizit blind oder hilflos. Eine Gesellschaft jedoch, die von einer wachsenden Zahl ihrer Bürger als ungerecht empfunden wird, hat keine Zukunft. Politik und Parteien müssen sich dazu verhalten. So hilflos allen Einflüssen ausgeliefert, wie viele Akteure uns glauben machen wollen, sind wir nicht. Als es ums Große ging, hat dieser Staat doch gerade bewiesen, dass er handlungsfähig ist.
Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.November 2009
- Datum 8.11.2009 - 16:56 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 42
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...schwer zu definieren und sieht von unterschiedlichem Standpunkt jeweils anders aus. Sie wird mehr gefühlt als Tatsache zu sein. Ungerechtigkeit zwischen hier und Angola oder Polen wird anders wahrgenommen als wäre die Entfernung nur nach Hasenbergl.
Oft wird Gerechtigkeit verwechselt mit Rechtssicherheit und das ist vermutlich der Kern des Missvergnügens. Wenn man Jahrzehnte einzahlt ob Steuern oder Abgaben und sieht sich selbst von Armut bedroht, weil der Staat empfundene Verträge nachträglich abändert, das ist nicht ungerecht, es ist fehlende Rechtssicherheit.
Was soll diese Glorifizierung der Linken? Es sind Populisten, nichts anderes - Reichtum für alle!
Und genau diese Linken sind es doch, die für die Gräuel in der DDR verantwortlich waren aber nicht nur das, die auch dafür gesorgt haben, dass mit ihrer Vorstellung von "Gerechtigkeit" lediglich der Mangel verwaltet wurde, die Städte verkamen immer mehr, es gab nichts zu kaufen, keine Reisefreiheit - ganz zu schweigen von Ausreisefreiheit - Kinder wurden von ihren Familien getrennt, undsoweiter, undsoweiter.
Und das sollen jetzt die Heilsbringer sein?
Die Antworten der Linken auf die Probleme von heute benötigen wir nun wahrhaft nicht.
[Anm.: Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. /Die Redaktion pt.]
Nein, ich glaube nicht, daß noch heute, ca. 20Jahre nach Veränderung der SED, noch die "alten Karder" wirklich an der Macht sind. Auch "DIE LINKEN" haben sich m.E. (zwangsläufig) verändert. Laß hier und da noch "einen Alten" oder einen ehemaligen "i.m." (ein Blauäugiger, der denkt, "i.m.'s wären nicht in dieser Partei, wie auch sonstwo) sein: eine STABILE DEMOKRATIE muß das aushalten! Und ich glaube an eben DIESE STABILITÄT!!
Was die Aussagen und das Programm dieser Partei wert sind, mag jeder für sich selber beurteilen. Meine Ansicht ist, daß es für "DIE LINKE" zwei Entwicklungsmöglichkeiten gibt: entweder gehen sie (in nicht allzu ferner Zukunft) unter, oder aber sie werden ein Gedanken-Motor, der sich aufspaltet in "Realos" und "Fundis". Mir sind ein wenig "DIE GRÜNEN" im Hinterkopf: haben mit "Superidealen" begonnen, haben währenddessen im Bürger nachhaltig(!) den "UMWELT"-Gedanken eingepflanzt und sind schließlich bei einer realistischen, machbaren Politik angekommen. In vergleichbarer Situation sehe ich "DL" auch.
Eine wichtige Funktion könnten "DL" wahrnehmen, wenn ich mich an "meinen Kommentar Nr.34" erinnere: DIE kennen die Probleme insbesondere im Osten doch am besten, oder?
die Glorifizierung?
Wenn die Aussage "Bis auf die Linke sind alle Parteien gegenüber diesem Gerechtigkeitsdefizit blind oder hilflos." schon eine Glorifizierung der Linken beinhaltet, dann ist ein paar Absätze weiter oben ("Einzig die Linke greift das Unbehagen auf, aber die Rezepte, mit denen sie Gerechtigkeit schaffen will, sind jenen ähnlich, deren Scheitern 1989 so offenkundig wurde.") wiederum pure Hetze gegen Links heraus zu lesen?
Wenn auch eher oberflächlich bleibend, ist dieser Beitrag lediglich ein Statement zu der Stimmung im Lande und keine Werbung für irgendwen.
"Einzig die Linke greift das Unbehagen auf, aber die Rezepte, mit denen sie Gerechtigkeit schaffen will, sind jenen ähnlich, deren Scheitern 1989 so offenkundig wurde."
Welche mysteriösen Rezepte sollen das denn sein? Ich habe zufällig das Wahlprogramm der Linken noch gut genug im Kopf um eine solche Äußerung als billigste Polemik zu erkennen. Schade! Damit disqualifiziert sich der Artikel von vornherein.
"Bis auf die Linke sind alle Parteien gegenüber diesem Gerechtigkeitsdefizit blind oder hilflos."
Aha, die PDS ist nach Ihrer Metamorphose die Gerechtigkeitspartei Deutschlands. Mauertote, Freiheitsberaubung und Zwangsadoption wurden durch westdeutsche Revachisten provoziert.
Damit kommen Sie nicht durch, Herr Gysi!
Und Deinen Hass auf die SPD, Oskar, kann ich mir heute nur noch so erklären, dass Gerd die damals die Frau ausgespannt hat (ins Beuteschema passt sie ja).
Die Linke ist eine der wenigen Parteien, die die Realität für die meisten Deutschen erkennt und daraus richtige Schlüsse zieht (nämlich Ungerechtigkeiten abzubauen).
Das ist auch der Grund, warum echte SPD Wähler nun links wählen. Nur diejenigen, die immer "Hurra" schreien unterstützen noch die SPD.
Linke != SED
Mag sein, dass sich da noch Alt-Genossen tummeln aber angesichts mangelnder Alternativen für linke Politik muss man hier wohl genauso pragmatisch sein, wie die CDU nach dem Krieg, als sie mit offenen Armen all die Alt-Nazis aufgenommen hat. Leider wird das heute allzugerne vergessen, gerade von der koservativ-rechten Ecke. Die hat lieber panische Angst vor innergesellschaftlicher Solidarität, da damit auch Einschnitte in deren Pfründe einhergehen könnten.
"Aha, die PDS ist nach Ihrer Metamorphose die Gerechtigkeitspartei Deutschlands. Mauertote, Freiheitsberaubung und Zwangsadoption wurden durch westdeutsche Revachisten provoziert.
Damit kommen Sie nicht durch, Herr Gysi!"
Ich glaube nicht, dass Gysi jemals von westdeutschen Revachisten gesprochen hat.
Ihr Beitrag ist, [...]
[Gekuerzt, bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und konstruktiv. Danke. /Die Redaktion pt.]
Deutschland wird insgesamt auf jeden Fall ungerechter - das hat jedoch nichts mit der Wende zu tun.
So gibt es de facto z.B. keinen wirklichen Datenschutz mehr. So wird es langsam Trend, dass große Firmen von Bewerbern erstmal Bluttests machen, damit sichergestellt wird, dass keine kranken Menschen Arbeit finden. Darüber hinaus finden wöchentlich riesige Datenskandale statt, die ohne Folge bleiben.
Während der einfache Angestellte wegen Handystromdiebstahl gekündigt werden, wird den reichen noch eine Millionenabfindung gezahlt, obwohl sie Geld von Steuerzahlern in Milliardenhöhe "verbrannt" haben.
SO ETWAS gab es früher nicht. Es war früher wirklich gerechter.
Auch in Hinblick auf die Vorratsdatenspeicherung (ALLE Kommunikationsvorgänge werden von jedem Bürger 6 Monate lang gespeichert) ist die Überwachung nicht mehr als gering anzusehen. Das ist so lange kein Problem, wie sich jemand gesellschaftskonform verhält. Wenn aber jemand in irgendeiner Hinsicht zum "Störer" wird, dann kann er - wie in der DDR - schnell mit "fortgeschrittenen Stasimethoden" unschädlich gemacht werden.
Freiheit und Gerechtigkeit werden mehr und mehr abgeschafft.
Die Linke ist eine der wenigen Parteien, die die Realität für die meisten Deutschen erkennt und daraus richtige Schlüsse zieht (nämlich Ungerechtigkeiten abzubauen).
Das ist auch der Grund, warum echte SPD Wähler nun links wählen. Nur diejenigen, die immer "Hurra" schreien unterstützen noch die SPD.
Die Linke ist eine Seifenblase der Geschichte, die - wie einst die USPD -an den Realitäten von Wirtschaft und Politik zerplatzen wird.
In wenigen Jahren, wenn die Gaukler Gysi und Lafontaine die Bühne verlassen haben, die Milliarden aus dem Schalk-Golokowski-Erbe verschwunden und die Ostalgie ausgeträumt ist, diffundiert diese Partei, deren Wirtschaftstheorie auf dem Schlaraffenland aufbaut.
Linke != SED
Mag sein, dass sich da noch Alt-Genossen tummeln aber angesichts mangelnder Alternativen für linke Politik muss man hier wohl genauso pragmatisch sein, wie die CDU nach dem Krieg, als sie mit offenen Armen all die Alt-Nazis aufgenommen hat. Leider wird das heute allzugerne vergessen, gerade von der koservativ-rechten Ecke. Die hat lieber panische Angst vor innergesellschaftlicher Solidarität, da damit auch Einschnitte in deren Pfründe einhergehen könnten.
Jetzt haben Sie immerhin zwischen den Zeilen die Botschaft untergebracht, daß alle Nicht-Linken potentiell rechts-konservative Altnazis sind.
Bravo.
Die Linke ist eine Seifenblase der Geschichte, die - wie einst die USPD -an den Realitäten von Wirtschaft und Politik zerplatzen wird.
In wenigen Jahren, wenn die Gaukler Gysi und Lafontaine die Bühne verlassen haben, die Milliarden aus dem Schalk-Golokowski-Erbe verschwunden und die Ostalgie ausgeträumt ist, diffundiert diese Partei, deren Wirtschaftstheorie auf dem Schlaraffenland aufbaut.
"an den Realitäten von Wirtschaft und Politik zerplatzen wird"
...sollte sie an den "Realitäten" zerplatzen? Welche davon widersprechen denn linker Politik?
Die Linken propagieren das Schlaraffenland?
Es ist sehr viel Raum zwischen einer korrupten "Bananenrepublik Deutschland"(eine Titelzeile der Zeit aus der KOhl Ära)und einem sozialistischen Schlaraffenland.
Es gilt, diesen Raum zu besetzen mit einer Politik für die Mehrheit der kleinen Leute. Die Reichen brauchen keine Advokaten. Die haben weiß Gott genug davon.
Die haben auch genug Schreiber, um Leuten wie Ihnen weiszumachen, wir hätten eine soziale Marktwirtschaft.
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