Merkels Regierungserklärung

Kanzlerin mit dunklem Grundton

Sie versprach eine schonungslose Analyse – doch in Merkels Regierungserklärung war wenig Erhellendes. Mit nur einer Botschaft kam die Kanzlerin aus.

Den großen Bogen geschlagen, wenig gesagt: Bundeskanzlerin Merkel im Parlament

Den großen Bogen geschlagen, wenig gesagt: Bundeskanzlerin Merkel im Parlament

Man hat sich in den vielen Jahren mit Angela Merkel auf ein paar Dinge fest verlassen können. Zum Beispiel darauf, dass die Frau an der Regierungsspitze alles Mögliche kann, nur Reden halten nicht. Doch auf nichts ist mehr Verlass in diesen Tagen. Außerdem, alles ist relativ. Eine glänzende Rhetorin gibt die Bundeskanzlerin immer noch nicht ab. Aber was der Bundestag zu hören und zu sehen bekam, ist doch eine sehr andere Angela Merkel als die, die oft hier am Rednerpult gestanden hat.

Die erste, die Regierungserklärung einer neuen Regierung ist einer dieser Termine, bei dem nur fehlt, wer gar nicht anders kann. Also zum Beispiel Wolfgang Schäuble. Der ist beim Euro-Finanzministerrat unabkömmlich. Als Merkel reinkommt, fällt sie im allgemeinen Gedränge erstmal gar nicht auf. Schwarzes Frackkostüm, schwarzer Pulli, eine Kette aus – soweit sich das von der Galerie aus erkennen lässt – sehr dunklem Bernstein. Sie marschiert gleich mal vor zum Sitzungspräsidium und lässt sich ein Glas Wasser geben. Der Bundestag ist eine Bühne, und die Hauptdarsteller wissen das sehr genau. Der erste Aufzug also trägt die unsichtbare Überschrift: Selbst ist die Frau für ernste Zeiten.

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Sie kommt denn auch sofort zu ihrer Sache. Keine lange Vorrede, nur ein, zwei Sätze als historischer Aufriss: Im 60. Jahr der Republik, 20 Jahre nach der deutschen Einheit – jetzt angetreten als christlich-liberale Koalition, die Weichen für das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhundert zu stellen. Erste Aufgabe dabei: eine "schonungslose Analyse". Bei dem Stichwort geht ein erstes Raunen und Grummeln durch die Reihen der Opposition, und beim nächsten Satz steigt sogar hier und da ein höhnisches Gelächter auf: "Wir dürfen die Augen nicht vor den Realitäten verschließen!" Das lässt schon ahnen, wo nachher die Gegenattacken ansetzen werden – bei dem Vorwurf nämlich, dass dieses schwarz-gelbe Bündnis die Realitäten, insbesondere die finanzpolitischen, eben gerade nicht zur Kenntnis nehme. Aber die Opposition muss erst noch eine gute Stunde zuhören, bevor sie an der Reihe ist. Außerdem, von ein paar Zwischenrufern ist die Frau am Pult eh nicht zu erschüttern. Sie will jetzt gleich am Anfang ihre zentrale Botschaft loswerden.

Diese Botschaft ist sehr einfach, und wie viele einfache Botschaften ist sie ziemlich raffiniert. "Die Probleme werden noch größer, bevor es wieder besser werden kann", ist ein zentraler Satz darin. "Ich will, dass wir jetzt ganz schnell die Voraussetzungen für neues Wachstum schaffen" ist der zweite. Der raffinierte ist der dritte. "Auch dieser Weg ist keine Garantie, dass wir es schaffen."

Bei der FDP rührt sich praktisch keine Hand, als Merkel versichert, an Mitbestimmung, Betriebsverfassungsgesetz und Kündigungsschutz werde nichts geändert.

Solche und ähnliche Sätze werden noch öfter fallen. Sie sind eine innovative Variante eines Satzes, den alle Bundeskanzler vor ihr und auch die großkoalitionäre Kanzlerin selbst häufig benutzt haben: der Satz, dass es keine Alternative gebe. Doch, sagt Merkel, gibt es – nur taugen die alle nichts. Soll die Regierung mitten in der Krise etwa die größte Kürzungs- und Streichungsaktion aller Zeiten veranstalten? "Offensichtlich keine Lösung". Sollen die Beiträge zu den Sozialkassen steigen und steigen, um die Löcher dort zu stopfen? "Lohnt keine weitere Diskussion." Also: Wachstum anheizen oder, wie das am Vortag auf den Weg gebrachte erste schwarz-gelbe Vorhaben übertitelt ist: "Wachstumsbeschleunigungsgesetz".

 

George Orwell, wird später der Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin schimpfen, hätte seine Freude gehabt an derlei Wortgeklingel, und was denn, zum Beispiel, die Vergünstigungen für fernere Verwandte bei der Erbschaftsteuer mit Wachstumsförderung zu tun hätten: "Schneller sterben für das Wachstum?!"

Merkel hat mit dem Gesetz andere, profanere Sorgen. "Ich weiß, dass die Beratungszeit knapp ist", sagt sie. Das gilt dem Mann am Pult über ihr. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat am Vortag in der Unionsfraktion einen längeren Vortrag über die Achtung des Parlaments gehalten und ihn mit der Warnung beschlossen, dass so was wie mit diesem Gesetz bitte nicht wieder vorkommt: In fünf Wochen vom Entwurf zur Verabschiedung! Lammert hat großen Beifall dafür bekommen. Man merkt Merkel anderntags immer noch Ärger über diese Intervention an, als sie fortfährt: "Entschlossenheit ist jetzt gefragt."

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Leser-Kommentare

  1. Die Kanzlerin versucht, dem Land ihren eigenen griesgrämigen Charakter zu verpassen.
    Trittin hat schon recht, wenn er meint, daß sie keine Ahnung von den Realitäten der Menschen hierzulande hat.
    Sie denkt nur in Kategorien von Machtbesessenheit und Dominanz - und wenn das nicht befríedigt wird, zitiert sie ernste Zeiten herbei.
    Nicht die Zeiten sind zum Grausen - denn was ist eigentlich schlimm daran, wenn das Wachstum einmal rückläufig ist? So etwas ist ganz normal. Sondern dieser Grundton.
    Der klingt nicht begnadet - sondern gnadenlos schlecht.

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    ...ordentlich. Nachdenklich muss aber stimmen, dass sie eine zunehmende Tendenz der Politiker aufnimmt und von einer so sichtbar staatlicher Plattform eine einzelne (juristische) Person und in diesem Fall einen Ausländer herauspickt und droht. Das scheint mir sehr gefährlich, zumal sie es tat, nachdem internationale Organisationen ihr bereits gesagt hatten, dass sie die Grundlage der Rechtsstaatlichkeit verletzt, weil das Vorgehen ihrer Regierung das Allgemeinheitsgebot staatlicher Handlung bei den Verhandlungen mit GM verletzt hatte.

    ...ordentlich. Nachdenklich muss aber stimmen, dass sie eine zunehmende Tendenz der Politiker aufnimmt und von einer so sichtbar staatlicher Plattform eine einzelne (juristische) Person und in diesem Fall einen Ausländer herauspickt und droht. Das scheint mir sehr gefährlich, zumal sie es tat, nachdem internationale Organisationen ihr bereits gesagt hatten, dass sie die Grundlage der Rechtsstaatlichkeit verletzt, weil das Vorgehen ihrer Regierung das Allgemeinheitsgebot staatlicher Handlung bei den Verhandlungen mit GM verletzt hatte.

    • 10.11.2009 um 21:33 Uhr
    • sudek

    obwohl ich Steinmeier nicht ausstehen kann, aber seine Rede war doch sagenhaft gegenüber der von Merkel. Und seine Strategie, entlang des Koalitionsvertrages die geplante Spaltung der Gesellschaft zu thematisieren und aufzulisten hervorragend. Aber das alles kann man nur beurteilen, wenn man es gesehen und gehört hat. Merkel hat noch nicht einmal 1/10 so viel Beifall erhalten wie Steinmeier.

    • 10.11.2009 um 21:45 Uhr
    • Slink

    dass Fr. Merkel schlechte Laune hat, denn sie weiss ganz genau, dass die FDP Trumpfkarte Wirtschaftswachstum eine zu schwache Strategie ist, um das Spiel sicher zu gewinnen und somit wird ihr politisches Glück voll von der Erholung der Weltwirtschaft abhängen.
    Das eigentliche Problem ist der ausbleibende inländische Konsumschub, er wird keine großen Sprünge machen, denn selbst bei stetigem Wachstum gilt inzwischen: den Bürgern nützt das nur bedingt, es kommt immer weniger in der Lohntüte an.

  2. Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, daß wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen. George B: Shaw

    Angela Merkel ist der Kompromiss, auf den die (Nicht-)Wähler sich geeinigt haben.

    Da hilft nur auf die Finger gucken und aufklären. Nach der Wahl ist vor der Wahl. Und auch Wähler lernen wieder mehr auf Inhalte als auf Verpackung zu schauen.

    • 10.11.2009 um 22:01 Uhr
    • havit

    in den USA halten. Dort ist sie besser angesehen wie in Deutschland. Würde sie dass, was sie in Amerika vor dem US-Kongress dem Deutschen Volke erzählen, dann gäbe es keine Opposition mehr. Dann würden alle in die CDU eintreten und Merkel müsste nach 20 Jahren als Bundeskanzlerin aller Deutschen diesen klar machen, dass sie nun wirklich nicht noch einmal gewählt werden möchte. Sie habe schliesslich auch Anspruch auf ihre Rente. Frau Merkel, leider ist dies nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. Die Politik muss nun mal etwas positives hervorzaubern, was Deutschland weiterbringt. Nur wieder mit Wörtern wie Erhöhung einer Steuer oder Einführung der Maut, wenn es anders nicht geht, ist Deutschland nicht geholfen. Einen Entwicklungsminister brauchen wir nicht mehr, da wir die Sozialschmarotzer schon im eigenen Land haben. Bittsteller aller Nationen, die zu uns kommen wollen, dürfen mit leeren Händen wieder nach Hause gehen. Gorbatschow hat Honecker kurz vor der Wende auch nach Hause geschickt, mit leeren Taschen. Kohl hat genauso Schalk- Golodkowski mit leeren Händen auflaufen lassen. Deutschland braucht sich von niemanden, weder von den USA, Israelis oder anderen Staaten wegen der verlorenen Kriege erpressen lassen. Deutschland ist genauso pleite wie jeder andere Staat. Nur als Kuscheltier brauchen wir keine Bundeskanzlerin.

  3. Es ist fasziniert - laut Merkels Rede sind WIR wieder Deutschland und WIR müssen, WIR müssen uns auf schere Zeiten einstellen. Dabei sollte Frau Merkel zuerst die Frage beantworten, WARUM wir das müssen.
    Warum müssen WIR für die Bankenkrise aufkommen?
    Warum müssen WIR gesetzlich Versicherte für die stetig steigenden Kosten des Gesundheitssystems aufkommen, die Arbeitgeberseite - auch die der Banken und der Pharmaindustrie - jedoch nicht ... während WIR auch noch all jene mitfinanzieren, die zu arm sind, um selbst in die Krankenversicherung einzuzahlen während sich privat Versicherte - also Spitzenverdiener und Beamte - sich ins Fäustchen lachen?
    Warum müssen WIR Durchschnittsverdiener jene Steuerlöcher stopfen, die Merkels Steuergeschenke an reiche Erben und Unternehmen ins Staatsäckel reissen?
    Warum müssen WIR dafür bezahlen, dass gutverdienende Eltern steuerlich entlastet werden, während schlechter Verdienende leer ausgehen?
    Warum müssen WIR dafür auskommen, dass Sozialstarke bei der Krankenversicherung entlastet werden und Sozialschwächere draufzahlen und am Gängelband der Sozialämter hängen?
    Mit anderen Worten: Warum müssen WIR, die wir die Krise nicht verusacht haben, jene Umverteilung von unten nach oben bezahlen, die genau die begünstigt, die eine Mitschuld an der Krise haben?

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    Frau Merkel ist nicht Deutschland, Frau Merkel ist die Bundeskanzlerin aller Deutschen, von denen sie auch mal etwas abverlangen kann, was sie selbst verbockt hat. Frau Merkel wird schon wissen, warum sie immer " Wir " sagt. Fragen WIR sie mal, wie sie sich alles vorstellt. Wie lange sie braucht, um Deutschland aus dem Jammertal zu bringen. WIR müssen der Regierung sagen, was zu tun ist und was nicht. Merkel probiert schon seit 4 Jahren, bisher ging nur alles in die verkehrte Richtung. WIr müssen handeln, bevor WIR weiter gehandelt werden.

    dass WIR diese Regierung gewählt haben ( mit Ausnahme von mir ) und dass WIR einfach zu satt sind, um uns in die politischen Entscheidungsprozesse einzuklinken.
    Zu dem bitte die Beamten aus dieser Diskussion rauslassen.., diese Berufsgruppe ist doch das politische Kanonenfutter um von den wirklichen Kanonenfutter abzulenken. Es gibt zudem viele Beamte die zu gerne in die gesetzliche Krankenversicherung gehen würden! Da fehlt offensichtlich ein wenig Hintergrund!

    Also nicht rumjammern, einmischen !

  4. einfach wunderbar geschrieben. Sowas lese ich gerne, Sie gleichen Merkels rhetorische Unvollkommenheit durch eine wunderbare Situationsbeschreibung aus. Gerne mehr davon, danke!!

    • 10.11.2009 um 23:25 Uhr
    • FA39MD

    "...Schwarzes Frackkostüm, schwarzer Pulli, eine Kette aus – (?) sehr dunklem Bernstein...."
    Nun, es ist die passende Bekleidung wenn man schon weis, wer "hier" bald gruselige Taten auf nebulöse Reden folgen lässt - der smarte Gute heißt Nick Reilly! - der schwarze Mann mit dem Beil... Und... ich bin ja kein Prophet, aber Frau Merkels Rede ist wohl eher eine Sondierung auf eine Trauerrede, die sie bald halten muss...

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    dokumentiert eines inzwischen ganz offen und unüberhörbar:

    Deutschland wird zu einem neuen Feudalstaat gemacht.

    Die "Herrschaft" wird von jener Klientel gebildet, die, l.t. Stat. Bundesamt im Jahre 2007 ca. 15% aller Privathaushalte ausmachte, der mehr als 85% aller Privatvermögen besaß. Nach der erfolgreichen Umsetzung des großen Clous, den alle Welt Wirtschaftkrise oder Bankenkrise nennt, der aber nicht anderes war ein globales Finanzspekulations- und -anlagenbetrugsspiel nach Casinoart, hat sich der Anteil der Privathaushalte etwas verringert, die Vermögensbesitzrate allerding ist weiter gestieten.

    Regierungspolitik, erklärtermassen, ist die weitere Steigerung dieser Privilegierung und die weitere Verarmung und Verelendung der restlichen 85-90% aller Privathaushalte.

    So gesehen ist die Parole aus den 1920er Jahren wieder aktuell, denn "die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber." Wir sind offenbar nicht das Volk der Dichter und Denker, sondern das Volk der Rindviecher und der Schlächter.

    Angela Merkel erinnert an die Zeilen von Heinrich Heine,
    ".........
    Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
    Den unser Elend nicht konnte erweichen,
    Der den letzten Groschen von uns erpreßt
    Und uns wie Hunde erschießen läßt -
    Wir weben, wir weben!
    ......"

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