Das große Ganze ist noch nicht erkennbar. Doch erste Konturen des Sanierungskonzepts, mit dem General Motors (GM) sein Europageschäft neu starten will, geben einen ersten Eindruck. Jetzt ist klar: In Deutschland wird "New Opel" seine vier Werke behalten können – allerdings nur mit erheblich weniger Personal.

Welche Pläne hat GM?

Knapp 9000 Stellen sollen nach Angaben von Nick Reilly, GMs Europachef auf Zeit, an allen Opel-Standorten in ganz Europa mit insgesamt rund 50.000 Arbeitsplätzen abgebaut werden. Der Großteil davon wird auf Deutschland und Belgien entfallen. In beiden Ländern will GM dem Vernehmen nach insgesamt 7300 Stellen streichen. Im belgischen Werk in Antwerpen montieren rund 2580 Beschäftigte den Opel Astra. Die beiden Werke in Großbritannien, die Reilly in der Vergangenheit schon einmal saniert hatte, kommen glimpflicher davon.

Der US-Konzern will seine Organisation in Europa insgesamt straffer und schlanker machen. Das heißt unter anderem: Die regionale Konzernzentrale wird von Zürich ins deutsche Stammwerk Rüsselsheim verlegt. Statt derzeit zwei Managementebenen soll es hier in Zukunft nur noch eine geben. Die Produktionskapazität soll europaweit um etwa 20 bis 25 Prozent reduziert werden, die Kosten um 30 Prozent.

Werden die Pläne so umgesetzt?

"Die Pläne von GM sind an öffentliche Hilfen gekoppelt", sagte Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD). Will sagen: Springen Bund und Länder dem US-Konzern nicht mit Steuergeldern bei, wird in Detroit noch einmal anders entschieden. GM selbst erklärt zwar feinsinnig, Opel habe nicht um staatliche Zuwendungen, sondern "um Kredite beziehungsweise Kreditbürgschaften" gebeten. So oder so steckt dahinter aber cleveres Kalkül. Weil der frühere Übernahmekandidat Magna und seine russischen Partner zu offen um Steuergelder pokerten, gibt sich GM nun generöser.

Man brauche eigentlich kein Staatsgeld, heißt es, man nehme es aber gerne, wenn es angeboten werde. Einige europäische Regierungen – etwa in Belgien und Großbritannien – sollen schon schwach geworden sein. Ob GM seine Pläne wie vorgesehen umsetzen kann, wird vor allem von der Kooperation der Arbeitnehmer abhängen. Die Belegschaft hatte Magna zugesagt, jährlich auf 265 Millionen Euro an Sonderzahlungen und Tariferhöhungen zu verzichten. Gelingt es GM nicht, einen ähnlich hohen Sanierungsbeitrag mit dem Gesamtbetriebsrat und den Gewerkschaften auszuhandeln, dürften noch mehr Stellen gefährdet sein.

Welche Hilfen könnte GM nun von Deutschland bekommen?

Der Erhalt der deutschen Werke war immer eine Voraussetzung der deutschen Politik für mögliche Staatshilfen. Allerdings ist strittig, ob GM überhaupt Hilfe braucht. 3,3 Milliarden Euro soll die Sanierung von Opel und der britischen Schwester Vauxhall kosten, zwei Milliarden Euro kann GM selbst finanzieren. Nach Angaben von Nick Reilly verfügt GM in Europa über eine Liquidität von zwei Milliarden Euro. Bleibt eine Lücke von 1,3 Milliarden Euro. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen lehnt Staatshilfe ab: "In Westeuropa bestehen Überkapazitäten für über drei Millionen Pkw. Staatshilfen für Opel sind gleichbedeutend damit, dass Opel mit aggressiven Preisen seine Überkapazität in den Markt wirft und damit die Gewinne von VW, Ford Europa, BMW und Daimler gefährdet."

Die Ministerpräsidenten der vier "Opel-Länder" NRW, Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen haben trotzdem grundsätzlich ihre Bereitschaft zu einem öffentlichen Engagement erkennen lassen. Es soll aber keinen Subventionswettlauf geben. Anders Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Er lehnte Staatshilfe rundweg ab, freilich schon zu einem Zeitpunkt, als das GM- Konzept nicht mal in Umrissen zu erkennen war.

Absehbar scheint, dass GM deutlich weniger Hilfe beansprucht als das Magna-Konsortium. Magna sah in Deutschland den Abbau von rund 4000 Arbeitsplätzen vor, europaweit von etwa 10.500. Für die Sanierung von Opel hatte Magna insgesamt 4,5 Milliarden Euro an Staatshilfen gefordert. GM hat den im Frühjahr gewährten Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro plus Zinsen inzwischen fristgerecht an die Bundesregierung zurückgezahlt.

Die EU-Kommission bewertet Staatshilfen für Opel kritisch. Der scheidende Industriekommissar Günter Verheugen hatte in der vergangenen Woche aber deutlich gemacht, dass Mittel aus dem "Deutschlandfonds" für Opel verwendet werden könnten, sofern dessen strenge Bedingungen eingehalten würden.

Hat Opel jetzt bessere Chancen, auf dem Automarkt zu überleben?

Nach Ansicht von Willi Diez, Experte am Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen, reicht der Stellenabbau nicht aus. "General Motors müsste ein Werk schließen", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. "Jobs nach dem Rasenmäherprinzip zu streichen, ist der falsche Weg." Mit dieser defensiven Strategie verschlechtere der US-Mutterkonzern die Auslastung und den Ausstoß der Werke, während die Kosten hoch blieben. Bislang werden viele Opel-Modelle in mehreren Werken in Europa gebaut. "Die Produktion müsste an einem Standort konzentriert werden", sagte Diez. Das beträfe zum Beispiel die Werke in Eisenach und im spanischen Saragossa, die beide den Kleinwagen Corsa herstellen. Eisenach muss aber Bleche in Spanien kaufen, was zu hohen Kosten führt. "GM denkt hier über Alternativen nach", sagte Thüringens Wirtschaftsminister Machnig.

Erschienen im Tagesspiegel