Tsunami 2004Die Flut und ihre Folgen

Der Tsunami am 26. Dezember 2004 tötete Hunderttausende. Ihre Angehörigen trauern bis heute. Doch es gibt auch Hoffnung. von Ingrid Müller

Khoa Lak in Thailand am 30. Dezember 2004: Die Zerstörungen durch die Flut waren enorm. 230.000 Menschen verloren insgesamt ihr Leben

Khoa Lak in Thailand am 30. Dezember 2004: Die Zerstörungen durch die Flut waren enorm. 230.000 Menschen verloren insgesamt ihr Leben  |  © STR/AFP/Getty Images

Die Palmen zeichnen lange Bilderbuchschatten in den Sand, leise rollen kleine Wellen mit weißen Kronen an den Strand, ein Fischerboot mit Baldachin zieht vorbei, cremefarbene Handtücher auf Designerliegen warten auf die Gäste, die noch beim Frühstück sitzen. Es sind schon fast 30 Grad. Ein paradiesisch anmutender Morgen. Khao Lak im Dezember 2009. So muss es auch vor fünf Jahren gewesen sein, als am 26. Dezember der Tsunami den thailändischen Urlaubsort verwüstete.

230.000 Menschenleben verschlang die Killerwelle am zweiten Weihnachtstag rund um den Indischen Ozean, eine der größten Naturkatastrophen, die es je gab. Allein an den Stränden im Süden Thailands zählten die UN 5395 Tote, davon fast zweieinhalbtausend Ausländer, Schätzungen sprachen sogar von rund 8000 Toten. Das Bundeskriminalamt startete seine größte und längste Identifizierungsaktion und zählte schließlich 552 deutsche Opfer. In Khao Lak fand das Wasser besonders viele Opfer.

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Dieser verdammte Stacheldraht. "Da habe ich sie nicht drübergekriegt, da habe ich sie nicht durchgekriegt. "Horst Stahl steht im Palmenmeer vor einem rostigen Zaun. Der tiefbraun gebrannte 63-Jährige will gelassen wirken. Aber er redet jetzt sehr schnell und wiederholt den Satz mehrmals. Sie, das ist seine Frau Gabriele. Mit ihr saß er damals in einem Bungalow des Lah-Own-Resorts, als seine Frau meinte, die Wände vibrierten. "Ich hab noch zu ihr gesagt, das sind die Laster oben auf der Straße. "Aber dann hat er aus dem Erkerfenster geguckt, "eine Riesenfontäne" kam angeschossen. Er hat Gabi rausgehetzt, die Wände der Zimmer flogen hinter ihnen her, Stacheldraht war im Weg. Er hetzt Gabi weiter, die Treppe am Nachbarbungalow hoch. "Dann brach das Geländer, ich sagte: spring." Sie sprang, riss sich ein Loch in den Fuß. "Ich hinterher, dann hab ich dreimal Wasser gezogen. Ich wusste, ich sterbe, hatte keine Luft mehr." Und dann sagt er so seltsame Sätze wie: "Es war ein absolut geiles Gefühl zu sterben." Was passiert in Ausnahmesituationen mit Menschen?

Irgendwie hat er dann eine Liane erwischt, sich daran geklammert. "Schlangen, Schildkröten, überall krabbelte es und wimmelte von Leichen. Ein blondes Kind schwamm vorbei mit großen Augen. Dann dreht es sich auf den Rücken, so einen Pflock hatte es im Bauch, das war ein schwedisches Mädchen aus dem Nachbarhotel." Er redet immer schneller. "Ich hab nix begriffen, aber ich hab gedacht, hier musste weg." Seiner Frau hat er zugebrüllt, sie solle hoch in einen Baum, "aber sie hatte kaum mehr Kraft". Sie hat dann eine Matratze erwischt, die angeschwommen kam. "Ich hab sie rauf zur Straße getragen, im Khao Lak Seafood hat uns der Besitzer geholfen. Danach waren wir vier Wochen im Krankenhaus in Phuket", seine Frau anschließend noch in Ludwigshafen in der Klinik. Aber die Wunde heilte nicht. "Wegen der Kloake", glaubt Horst Stahl und zeigt aufs Meer. Zehnmal sei seine Frau operiert worden, geholfen habe es am Ende nichts, sagt er. Die Wunde sei immer weiter gefault.

Im Oktober sind die beiden von Deutschland wieder nach Khao Lak gefahren, wie jedes Jahr über den Winter. Am 1. April flogen sie zurück. Drei Tage später brach seine Frau zusammen, Hirninfarkt. "Am 6. hab ich die Maschinen abstellen lassen. Zum Glück hatte sie eine Patientenverfügung." 56 ist sie geworden. Er ist überzeugt, schuld war der faulende Fuß.

Kann das alles wahr sein? Khao Lak zieht viele schillernde Menschen an. "Der Horst", wie er sich selbst nennt, gefällt sich in der Rolle des skurrilen Witwers mit nicht ganz eindeutiger Vergangenheit. Buchhalter habe er gelernt, sei aber mit 20 nach Australien ausgewandert. Jäger, Goldsucher, Opalminenbesitzer, Edelsteinhändler. Nicht zuletzt über Geschäfte mit Schmuck sei er zu Geld gekommen, zu genau will er darüber nicht reden. Später machte er in Häusern, eine Art Bauunternehmer. Seine Frau arbeitete bei einer großen Versicherung.

Doch ganz so lässig, wie er sich gibt, hat der gebürtige Koblenzer das Desaster nicht weggesteckt. Mit einem Psychologen wollte er nicht reden, das kam für den stolzen Kerl nicht infrage. "Das ist gut verschlossen, da drin", er deutet auf seinen Brustkorb. Inzwischen hat er eine 25-jährige Philippinin an seiner Seite ("Das habe ich in ihren letzten sechs Monaten auf langen Spaziergängen hier am Strand mit meiner Frau so besprochen"). Allein sein, das kann er nicht.

Über den Tsunami, sagt er, redet er eigentlich nicht mehr, nicht mit Freunden und nicht mit Melinda, der jungen Frau auf Probe. "Die kriegt dann nur Angst." Doch der Verschluss auf der Flasche der Erinnerungen hält nicht mehr. "Dieser Deckel geht immer öfter auf", sagt er mit einem Mal. "Ohne Tabletten geht nichts mehr. Da kann ich nachts nicht schlafen." Auch wenn er sich wieder in Khao Lak eingemietet hat und jeden Morgen seine Liege am Strand bezieht, dem Frieden am Wasser traut er nicht mehr. Immer wieder zieht es ihn an sein Notebook, dann checkt er den Global Seismic Monitor des deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam.

Auch für die Nächte hat er vorgesorgt. Er schläft nicht mehr in Bungalows am Strand. Diesmal logiert er im soeben eröffneten JW Marriott, Fünf-Sterne-Designerluxus am Khuk Khak Beach zum Einführungspreis ("Ich lebe hier eigentlich etwas über meine Verhältnisse") – in einem Zimmer im oberen Stock.

Leserkommentare
    • paya
    • 26. Dezember 2009 2:07 Uhr

    Heute jährt sich die schreckliche Katastrophe zum 5. Mal. Ich war selbst nicht dabei, kenne aber einige Angehörige persönlich, auch die der namentlich erwähnten Personen und kann nur sagen...es ist 5 Jahre her, aber für Betroffenen ist es, als wäre es gestern gewesen. Viele machen sich Vorwürfe, warum sie und nicht ihre lieben Angehörigen überlebt haben. Kinder unter 8 Jahren hatten fast gar keine Chance. Eltern wurden ihre Kinder aus den armen gerissen, eine Vorstellung die einem sogar als Außenstehendem die Tränen in die Augen treibt. Die Vernunft sagt zu unrecht, aber das Gefühl ist da. Dazu kommen die körperlichen Folgen, die manchen völlig aus seinem bisherigen Leben gerissen haben...und nicht alle haben es scheinbar so gut verdaut wie der Herr Stahl in dem Artikel hier.

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