Frage: Frau Käßmann, seit Oktober stehen Sie an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Welche Schwerpunkte wollen Sie in den nächsten sechs Jahren setzen?

Margot Käßmann: Zum einen den innerkirchlichen Reformprozess stärker in den Gemeinden verankern und die Pfarrerschaft mehr dafür gewinnen. Auch halte ich die Ökumene in der säkularisierten Gesellschaft für ein wichtiges Thema, trotz der Spannungen der letzten Zeit. Außerdem müssen wir uns mit den sozialen Fragen beschäftigen.

Frage: Wo muss dringend gehandelt werden?
 

Käßmann: Am bedrückendsten ist die wachsende Kinderarmut und dass viele Kinder und Jugendliche selbst nicht mehr daran glauben, aus der Armut herauszukommen. Daher ist die Ganztagsschule wichtig, viel wichtiger als ein Betreuungsgeld. Das könnte eher ein Anreiz für manche Eltern sein, Kinder gerade nicht einer Bildungseinrichtung anzuvertrauen. In Deutschland ist immer noch die Fehleinschätzung verbreitet: Erst mit der Schule beginnt der Ernst des Leben. Das ist falsch, gerade für die Drei- bis Sechsjährigen ist Bildung enorm wichtig.

Frage: Was sind die Gründe für diese Fehleinschätzung?

Käßmann: Immer noch ist unser Betreuungs- und Bildungssystem darauf eingestellt, dass ein Kind um 13.30 Uhr nach Hause kommt, dass jemand gekocht hat und mit ihm Hausaufgaben macht. Dieses Familienbild entspricht nicht mehr der Realität.

Frage:Was kann die Kirche tun?

Käßmann: Die Kirchen als größter privater Träger von Kitas und Krippen werden in ihren Einrichtungen noch mehr Wert auf die Bildung legen. Aber wir erleben jetzt zum ersten Mal, dass uns Kommunen die Verträge kündigen, weil andere Anbieter uns bei der Bezahlung des Personals unterbieten. Ich finde es schwierig, wenn in einem so wichtigen Bereich der billigste Anbieter zum Maßstab wird.

Frage:In der Pflege ist das schon Realität.

Käßmann: Ja, leider. Ich wünsche mir, dass die abgeschlossenen Tarifverträge gezahlt werden. Aber immer mehr Heime sagen, dass sie das nicht können. Das ist dramatisch. Deshalb sollte es einen bundeseinheitlichen Tarif geben. Pflegekräfte müssen so bezahlt werden, dass sie ihre Arbeit mit Lust und Liebe machen können.

Frage: Wie weit wollen Sie den Unterbietungswettbewerb als Kirche mitgehen?

Käßmann: Wir sollten da nicht grenzenlos mitmachen und die Mitarbeiter dort so gut bezahlen, dass erfahrbar ist: In einem evangelischen Heim ist eine andere Zuwendung zu den Menschen spürbar. Zum Beispiel müssen für die „große Morgenwäsche mit Toilettengang“ mehr als die jetzt von der Pflegekasse vorgesehenen 23 Minuten zur Verfügung stehen.

Frage: Was kann die Kirche noch tun?

Käßmann: Wir sollten die Diakonie mehr an die Kirchengemeinden andocken. Wenn die Diakonieschwester einem Patienten nicht genügend Zeit widmen kann, kann das vielleicht ein Ehrenamtlicher in der Gemeinde übernehmen. Das heißt aber nicht, dass sich der Staat aus dem Pflegebereich herausziehen darf.

Frage: Aber dem wird das Geld immer knapper.

Käßmann: Deshalb verstehe ich nicht, warum jetzt Steuern gesenkt werden sollen. Hierzulande ist das Verhältnis zum Steuerzahlen extrem negativ, jeder Euro scheint zu viel. In den nordischen Ländern sind die Menschen eher stolz, so viel zu verdienen, dass sie das Gemeinwesen mitfinanzieren können.

Frage: Sind wir zu egoistisch?