Kanzlerin und Kanzlerkandidat verbindet an diesem Samstag eine außergewöhnliche Zurückhaltung. Zwei Wochen vor dem Wahltag haben Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier alle öffentlichen Auftritte aus ihren Terminkalendern gestrichen. Statt auf Parteikundgebungen um Stimmen zu werben, bereiten sich Amtsinhaberin und Herausforderer mit ihren jeweiligen Beratern auf eine Wahlkampfveranstaltung der besonderen Art vor: Im Studio B in Adlershof treten die Kontrahenten am Sonntagabend um 20.30 Uhr vor einem Millionenpublikum zum einzigen Fernsehduell in diesem Bundestagswahlkampf an. Die 90- minütige Diskussion wird von zwei Moderatorenpaaren geleitet und von ARD, ZDF, RTL und Sat 1 zeitgleich übertragen. Ein heftiger Schlagabtausch ist nicht zu erwarten – weder Merkel noch Steinmeier sind als Hitzköpfe bekannt.

Wie wichtig kann das Duell für die Entscheidung der Wähler werden?

Sehr wichtig oder eher unbedeutend – beides ist möglich. Relevant für den Wahlausgang wird die TV-Debatte der Großkoalitionäre Merkel und Steinmeier vor allem dann, wenn es einer von beiden schafft, ein Thema für die restlichen zwei Wahlkampfwochen zu setzen. Genau das gelang Gerhard Schröder vor vier Jahren. In der Fernsehdiskussion mit Merkel machte der damalige Bundeskanzler die Steuerkonzepte der Union und ihres Experten Paul Kirchhof vor knapp 21 Millionen Zuschauern zum beherrschenden Gegenstand der Auseinandersetzung und verschaffte sich so erheblichen Rückenwind für seine Aufholjagd. Indem Schröder die Pläne des "Professors aus Heidelberg" zum Anschlag auf die soziale Gerechtigkeit an sich stilisierte, konnte er die eigene Anhängerschaft mobilisieren und unentschlossene Wähler auf seine Seite ziehen, ohne im Lager der Union für eine große Gegenmobilisierung zu sorgen.

Nur geringe Auswirkungen haben TV- Duelle, wenn die Kontrahenten "lediglich die eigenen Anhänger in ihren Absichten bestätigen und die Unentschlossenen nicht erreichen", sagt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, der sich seit Mitte der 80er Jahre mit der Materie beschäftigt. Die TV-Diskussion zwischen Steinmeier und Merkel werde wahrscheinlich keinen großen Einfluss auf die Entscheidung der Wähler haben, sagt Brettschneider voraus. "Bei diesem Duell führt die Regierung im Prinzip ein Selbstgespräch."

Was kann Steinmeier tun, um gegen Favoritin Merkel zu punkten?

Bis zum Ende der Woche war kein Thema erkennbar, mit dem der Herausforderer nach schröderschem Vorbild zur Aufholjagd blasen könnte. Amtsinhaberin Merkel hat vorsichtshalber jeden Reformeifer abgelegt und bietet deshalb wenig Angriffsfläche. Als Regierungschefin kann sie die Erfolge der großen Koalition außerdem weitgehend für sich verbuchen. Denkbare Versuche Steinmeiers, die Urheberschaft von Projekten wie der Abwrackprämie getreu dem Motto des Ricola-Männchens aus der Bonbon- Werbung –"Wer hat’s erfunden?" –, offen für sich zu reklamieren, bergen für die SPD die Gefahr der Selbstverzwergung. Riskant sind auch direkte Attacken auf die populäre Kanzlerin. Sie können bumerangartig auf den Angreifer zurückfallen, wie SPD-Chef Franz Müntefering erlebt hat.

Steinmeier dürfte sich deshalb die FDP und deren Programmatik vornehmen. Merkels Wunschkoalitionspartner ist aus Sicht der Genossen der ideale Prügelknabe, weil er aus seinen Reformplänen – Privatisierung der Krankenversicherung, Einschränkung des Kündigungsschutzes – keinen Hehl macht. Für Steinmeier wird es vor allem darum gehen, Merkel als heimliche Komplizin von FDP-Chef Guido Westerwelle beim Abbau des Sozialstaats dastehen zu lassen. Zudem könnte er versuchen, Merkel in der Frage des Atomausstiegs in die Defensive zu drängen. Ob das aber ausreichen kann, um aus der großen Gruppe der Unentschlossenen – Umfragen zufolge haben sich bis zu 40 Prozent noch nicht entschieden – SPD-Wähler in nennenswerter Zahl zu gewinnen, ist nach Einschätzung Brettschneiders fraglich.