Anhörung Europarat rügt Panikmache bei Schweinegrippe

Experten haben der Weltgesundheitsorganisation vorgeworfen, unnötig zur Aufregung um die Amerikagrippe beigetragen zu haben. Milliardenkosten waren die Folge.

"Es werden unglaubliche Mengen an Geld verschwendet in Pandemien, die eigentlich gar keine sind", lautet das nüchterne Urteil, das Keil bei der Anhörung des Europarates abgibt. Auf dem Prüfstand steht dort die WHO, die im vergangenen Jahr die höchste Pandemiestufe für die Schweinegrippe ausgerufen und damit eine weltweite Impfaktion ausgelöst hatte. Sie wurde für die Pharmaindustrie zum Milliardengeschäft.

Der Münsteraner Medizinprofessor Keil berät die WHO seit 1973 – was ihn am Dienstag aber nicht daran hindert, bei der Anhörung in Straßburg wenig schmeichelhaft über die Genfer UN-Organisation zu reden. Der Gesundheitsausschuss der parlamentarischen Versammlung des Europarates will wissen, ob die WHO beim Umgang mit dem H1N1-Virus, das für die Schweinegrippe verantwortlich ist, auch wirklich ausreichend Transparenz an den Tag gelegt hat. Besonders umstritten ist die Entscheidung der WHO-Generaldirektorin Margaret Chan, die Schweinegrippe im vergangenen Juni zur Pandemie zu erklären. Weltweit traten anschließend die nationalen Pandemiepläne in Kraft, in Deutschland wurden 50 Millionen Impfdosen bestellt. Keil sagt im Rückblick: "Interessanterweise gab es da schon verbindliche Verträge mit Glaxo Smith Kline", einem der Impfstoffhersteller. Bereits in den Jahren 2006 und 2007, sagt auch der Flensburger Arzt und Epidemiologe Wolfgang Wodarg, hätten die Staaten und die Pharmaindustrie vertragliche Festlegungen getroffen, "die Firmen warteten praktisch nur auf dieses Geschäft".

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Inzwischen hat sich das H1N1-Virus als relativ harmlos erwiesen, zumindest im Vergleich zu den üblichen saisonalen Grippeerkrankungen. Dennoch verteidigt WHO-Vizegeneraldirektor Keiji Fukuda die Vorsichtsmaßnahmen: Das Virus, sagt der WHO-Grippeexperte, habe besonders bei jungen Menschen zu schweren Erkrankungen und Todesfällen geführt – ein Muster, das bei der üblichen saisonalen Grippe nicht auftrete. "Die Pandemie ist nicht vorbei", sagt Fukuda.

In den Augen von Wolfgang Wodarg, der bislang den Gesundheitsausschuss der Parlamentsversammlung des Europarates geleitet und der die Anhörung vor den Parlamentariern initiiert hat, stellen sich trotzdem schwerwiegende Fragen zum WHO-Pandemiealarm. Während eine Pandemie nach der ursprünglichen WHO-Definition durch überdurchschnittlich hohe Erkrankungs- und Sterberaten gekennzeichnet gewesen sei, habe die Weltgesundheitsorganisation die Kriterien im Mai vergangenen Jahres geändert, sagt er. Erst damit sei es möglich geworden, eine "stinknormale Grippe zu einer Pandemie hochzustilisieren". In der Folge seien "Millionen von Menschen unnötigerweise geimpft worden".

Der SPD-Politiker Wodarg kritisiert zudem, dass auch deutsche Gesundheitsbehörden sich an der Panikmache zur Schweinegrippe beteiligt hätten. Obwohl angesichts der Ausbreitung der Grippe auf der südlichen Erdhalbkugel schon ab Oktober 2009 klar gewesen sei, dass sie einen recht harmlosen Verlauf nehme, hätten das Robert-Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-Institut "wider besseres Wissen den Leuten gesagt, es könnte noch eine zweite Welle geben", sagt Wodarg dem Tagesspiegel.

Für den Verdacht Wodargs, dass die Weltgesundheitsorganisation bei der Hochstufung der Schweinegrippe zur Pandemie auf Druck der Pharmaindustrie gehandelt haben könnte, gibt es nach den Angaben des WHO-Sonderberaters Fukuda keine Indizien. Es gebe keinen unberechtigten Einfluss der Forschungsabteilungen der Pharmakonzerne auf seine Organisation, sagt er. Angesichts der Frage, ob die WHO mehr Transparenz zeigen müsse, um das Vertrauen der Bevölkerung zu erhalten, gibt er aber zu: " Natürlich können wir die Dinge verbessern."

Den Vorwurf, Pharmakonzerne hätten Gesundheitspolitiker aus Gründen der Profitmaximierung bei ihren Entscheidungen zur Schweinegrippe beeinflusst, will auch Luc Hessel vom Europäischen Verband der Impfstoffhersteller nicht im Raum stehen lassen. Die Hersteller hätten auf eigenes Risiko investiert, sagt der Franzose. "Es war überhaupt nicht klar, wann ein ,return on investment’ erfolgen wird" – also ein Rückfluss der Investitionen.

 
Leser-Kommentare
    • Puzi
    • 27.01.2010 um 10:01 Uhr

    Nachdem die neuen Regeln sich als weniger angemessen als die alten erwiesen haben - kehren wir jetzt zurück zur alten Definition oder besteht uns dieser Mist jetzt jedes Jahr ins Haus?

  1. Ich kann mich an eine Reportage erinnern wo die neuen Regeln als Erfahrung aus der SARS Epidemie dargestellt wurden. Damals waren die Befürchtungen noch wesentlich dramatischer und die Eindämmung wurde teilweise als "Glücksfall" bezeichnet.

    Pharmalobby hin oder her, ich möchte nicht wissen welche Vorwürfe erhoben würden wenn H1N1 wirklich gefährlich gewesen wäre. Hinterher ist man immer schlauer.

  2. Nur die WHO hat das anders gesehen. Selbst beim CDC in USA ging man sachlich mit der Erkrankung um. Als die ersten New Yorker Schüler nach einem Schulaufenthalt in Mexiko erkrankten, schloss man die Schule nicht.
    Die WHO puschte aber mit der Ausrufung der Pandemiestufe 6 die Reaktionen weltweit. Wäre es nicht zu einer Kriterienänderung im Mai vergangenen Jahres gekommen, hätte es diese Stufe auch nicht gegeben. In der Folge reagierten die nationalen Behörden (in D das RKI und PEI). Einerseits mußten diese so handeln, andererseits war es auch vielen Einrichtungen willkommen, konnte man doch Geld und Personal locker machen.
    Es entstand eine Reaktion wie bei einer Lawine, desto länger die Schneekugel rollte, desto größer wurde sie und riss schließlich vieles mit.
    Kritiker wurden nieder gebuht, Zahlen über Todesfälle z.B. in Mexiko wurden wochenweise je nach Informant entweder niedrig oder hoch dargestellt. In Deutschland wurde solange bei jedem Patienten, der ein wenig hustete, eine PCR durchgeführt. Es wurde ja bezahlt! Unsinnige Untersuchungen, die viel Geld kosteten. Als die GKVen aufschrien, dass das zu teuer sei, waren mit einem Mal PCR´s nicht mehr nötig. RKI änderte ruckzuck die Kriterien. Jetzt galt eine Influenza als anerkannt, wenn der Patient zwei Kriterien erfüllte: Husten und min 39°C Fieber. Selbst ein laie weiß, dass man bei vielen anderen Erkrankungen solche Symptome haben kann.
    Das Schlimme daran, alle (die sog. Fachleute) haben mitgemacht.

  3. Ich sehe es auch so, wenn die Schweinegrippe wirklich gefährlich gewesen wäre und man hätte nichts unternommen würden die gleichen Leute die sich heute über die Unverhältnissmäßigkeit aufregen auch aufregen, eben weil nichts unternommen wurde.
    Aber die Transparenz für die Entscheidungen sind wichtig, weil es um viel Geld geht und allein der Verdacht muß ausgeschlossen werden.

    • Rustle
    • 27.01.2010 um 10:18 Uhr

    Alles seit langem bekannt. Jeder, der sich zum Startzeitpunkt der Impfaktion etwas genauer informiert hat, wusste dass eine Impfung nicht notwendig ist. Seltsam nur, dass plötzlich überall in den Medien darüber geredet wird dass es sinnlos war, während man vorher von jedem der etwas zu sagen hatte empfohlen bekam, sich impfen zu lassen.
    Die Leute die sich verrücktmachen ließen, sollen froh sein, dass sie keinen Impfschaden durch den nicht sehr lange erprobten Impfstoff bekommen haben.

    Die WHO und auch das Robert Koch Institut haben sich in meinen Augen lächerlich gemacht und das daraus resultierende Problem könnte sein, dass sie ihre Glaubwürdigkeit bei wirklich ernsthaften Gefahren verlieren.
    Bleibt zu hoffen, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt. Die Pharmaindustrie sollte sich lieber weiterhin freuen, dass unzählige unnötige Medikamente eingenommen werden anstatt ihren Gewinn auch noch erhöhren zu wollen.

  4. 6. ?

    "Der SPD-Politiker Wodarg kritisiert zudem, dass auch deutsche Gesundheitsbehörden sich an der Panikmache zur Schweinegrippe beteiligt hätten."

    Bitte? Die Regierung, die Medien und sämtliche andere Organisationen und Einzelpersonen, die sehr wahrscheinlich ein Stück vom Milliardenkuchen abbekommen haben, partizipierten an dieser Panikmache...selbstverständlich auch seine Parteigenossin Ulla Schmidt.
    Jeder vernünftige Arzt des Vertrauens, der sich nur halbwegs damit beschäftigt hat, sah es ganz anders.

  5. ... und zwar in Form der im Wesentlichen gleichgeschalteter linkisch-linker Massenmedien weltweit!

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    Die Pandemiepanik wurde nicht einseitig aus einer politischen Richtung verbreitet. Schauen Sie sich doch die Tagesschau an oder informieren sich in Bild bzw. Focus, wenn Sie nur Ihre "Wahrheit" hören möchten.

    Die Pandemiepanik wurde nicht einseitig aus einer politischen Richtung verbreitet. Schauen Sie sich doch die Tagesschau an oder informieren sich in Bild bzw. Focus, wenn Sie nur Ihre "Wahrheit" hören möchten.

  6. Ich weiß nicht mehr wo - aber irgendwie meine ich es war ein Zeit Artikel...

    Die Berater der WHO haben Verbindungen zur Pharmaindustrie... ob sie sie auch beraten oder für ihr Institut Geld bekommen.

    Vielleicht wäre eine genaue Recherche hier angebracht?

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    Am 25. August 2009 veröffentlicht das arznei-telegramm, eine anzeigenunabhängige Fachpublikation für medizinisches Fachpersonal einen Text, der folgendermaßen beginnt:

    "Bereits wenige Tage, nachdem die ersten Erkrankungen an Schweinegrippe in Mexiko diagnostiziert wurden, bezeichnet der Berater der britischen Regierung Sir Roy ANDERSON die Viruserkrankung als Pandemie. Gleichzeitig betont er, dass zur Behandlung „zwei effektive antivirale Mittel“ zur Verfügung stehen. Was er nicht mitteilt, ist, dass er jährlich umgerechnet 136.000 Euro als Lobbyist von GlaxoSmithKline bezieht – dem Produzenten des Neuraminidasehemmers Zanamivir (RELENZA) und des Pandemie-Impfstoffes PANDEMRIX. Am 11. Juni 2009 – 45 Tage nach
    Bekanntwerden der ersten Infektionen – erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Schweinegrippe zur Pandemie. Sie wird inzwischen auch als Mexikanische oder neue Grippe beziehungsweise als pandemische (H1N1) 2009 Influenza oder A(H1N1)v bezeichnet."

    Am 25. August 2009 veröffentlicht das arznei-telegramm, eine anzeigenunabhängige Fachpublikation für medizinisches Fachpersonal einen Text, der folgendermaßen beginnt:

    "Bereits wenige Tage, nachdem die ersten Erkrankungen an Schweinegrippe in Mexiko diagnostiziert wurden, bezeichnet der Berater der britischen Regierung Sir Roy ANDERSON die Viruserkrankung als Pandemie. Gleichzeitig betont er, dass zur Behandlung „zwei effektive antivirale Mittel“ zur Verfügung stehen. Was er nicht mitteilt, ist, dass er jährlich umgerechnet 136.000 Euro als Lobbyist von GlaxoSmithKline bezieht – dem Produzenten des Neuraminidasehemmers Zanamivir (RELENZA) und des Pandemie-Impfstoffes PANDEMRIX. Am 11. Juni 2009 – 45 Tage nach
    Bekanntwerden der ersten Infektionen – erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Schweinegrippe zur Pandemie. Sie wird inzwischen auch als Mexikanische oder neue Grippe beziehungsweise als pandemische (H1N1) 2009 Influenza oder A(H1N1)v bezeichnet."

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