Kinder, die ohne Lohn, nur für einen Schlafplatz arbeiten nennt man in Haiti "Restaveks". Es soll Hunderttausende von Ihnen geben. © Jewel Samad/AFP/Getty Images

Joanne singt. Ihre leise Stimme klingt unwirklich fein durch die Trümmer im Armenviertel Wharf Jeremie am Hafen von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Müll und Kloaken säumen hier die Wege. Auf der Hafenstraße um die Ecke schieben sich Menschen mit dicken Bündeln zum Pier, sie wollen nach Hause, nach Jacmel, acht Schiffstunden entfernt. In Port-au-Prince haben sie alles verloren.

Auch die zehnjährige Joanne ist einmal aus Jacmel gekommen, zusammen mit ihrer ein Jahr jüngeren Schwester Michelle-Ange. Sie leben im Slum Wharf Jeremie mit einer Familie, zu der sie nicht gehören, der sie lediglich dienen sollen. In Haiti haben Kinder wie Joanne und ihre Schwester, die unter den Armen die Ärmsten sind, einen Namen: Restaveks nennt man sie, vom französischen rester avec, bei jemandem bleiben. Außerhalb von Haiti ist die Wortwahl drastischer, da sagt man: Haussklaven.

Wie viele Haussklaven es in Haiti gibt, ist nicht klar, Schätzungen reichen von 175.000 bis zu 300.000 – und das in einem Land, das 1804 als Erstes auf dem amerikanischen Kontinent die Sklaverei abgeschafft hat. Das Erdbeben vom 12. Januar hat, so fürchten Experten, die Situation in den Slums noch verschärft, denn die Familien kümmern sich in der neuen, noch elenderen Situation als Letztes um ihre Restaveks. Sollten schon die leiblichen Verwandten nicht genug zu essen haben, dann bekommen die Haussklaven, die ohnehin oft von den Resten lebten, erst recht nichts mehr. Oder sie werden ganz davongejagt, sind nun also ohne Bleibe.

Mit den heimatlos gewordenen Restaveks und den ungezählten Waisenkindern, die seit dem Beben auf Haitis Straßen leben, sind schreckliche Voraussetzungen geschaffen für schreckliche Geschäfte. Menschenhändler, heißt es, seien unterwegs, um die Kinder zu rauben, zu entführen und außer Landes zu verkaufen. Gerade hat das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen berichtet, dass 15 Kinder spurlos aus Krankenhäusern verschwunden seien – mit Menschen, die nicht mit ihnen verwandt waren. Deshalb forderte Unicef in Genf einen Stopp aller neuen Adoptionen aus Haiti. Und Premierminister Jean-Marc Bellerive hat die Kinderfrage per Radioansprache zur Chefsache gemacht. Er will von nun an jede einzelne Adoption persönlich abzeichnen, damit kein Kind verschwindet.

Pastor Luckner Guervil, der im Slum Wharf Jeremie arbeitet, kennt sich aus mit dem Kinderhandel. Erst am Vortag war er in den Bergen im Landesinneren. „Dort haben die Familien zehn oder zwölf Kinder, die können sie nicht ernähren. Da sind sie froh, wenn jemand aus Port-au-Prince kommt, ihnen einen Sack Reis dalässt und verspricht, sie zu versorgen und zur Schule schicken.“ Sein Kollege Jürgen Schübelin von der deutschen Kindernothilfe ergänzt: „Die holen Kinder, die erst fünf, sechs, sieben, acht Jahre alt sind.“ Manchmal kommen Kinder im Hafen von Wharf Jeremie auch ganz allein an. Die wissen nicht, wohin, und verdingen sich dann als Sklaven bei armen Familien. Ihre Gastmütter nennen sie „Tante“, Rechte haben sie nicht, werden geschlagen, von den Erwachsenen und auch von den Kindern der Familien. Sie schlafen nicht selten auf Matten hinterm Haus, denn in den Hütten, oft nur ein Raum, ist kein Platz für noch einen Schläfer. Viele der Restaveks sind unterernährt und unterentwickelt.

Auch Joanne muss arbeiten, von früh bis spät, ohne Bezahlung. Sie ist morgens die Erste, die aufsteht. Dann hat das zierliche Mädchen noch nicht die weißen Zopfklunker im Haar, mit denen sie am Nachmittag um die Ecke lugt. Die würden zu sehr drücken beim Wasserholen, wenn sie mit dem riesigen Kanister auf dem Kopf unterwegs ist. Mehrmals am Tag wird sie den weiten Weg zum Brunnen geschickt. Auf dem Shirt der kleinen Schwester Michelle-Ange prangt wie zum Hohn in dicken Lettern: DREAM.

Hier zwischen Wellblech und Häuschen aus Ytong-Steinen ist die Kindheit grausam. Die Sklavenkinder, zum großen Teil Mädchen, müssen auch auf die anderen neuen Geschwister aufpassen, sie müssen Geschirr und Wäsche waschen, den Boden schrubben, einkaufen, sie legen sich als Letzte schlafen. „Es gibt niemanden, wirklich niemanden vom Staat, der sich um sie kümmert“, sagt Alinx Jean Baptiste, Landeskoordinator der Kindernothilfe, der sich seit Jahren schon um die Kindersklaven kümmert, die es nicht nur in Port-au-Prince gibt, sondern in allen Städten der Insel.