Lula, Chávez, Bachelet & Co.Linke Vielfalt

Sozialer, demokratischer, doch in Teilen weiterhin auch noch autoritär: Wie Lateinamerika sich in der ersten Dekade des Jahrhunderts verändert hat von 

chavez bachelet lula

Drei prominente Linke: Venezuelas zunehmend autoritär ausgerichteter Präsident Chavez und seine Pendants aus Chile und Brasilien, Bachelet und Lula (r.), beide sozialdemokratisch geprägt  |  © Juan Mabromata/AFP/Getty Images

Vor zehn Jahren diskutierte man das Für und Wider von Privatisierungen und Freihandelsverträgen, heute feiert der Staat als Regulator der Wirtschaft ein Comeback. Nach der neoliberalen Dekade und der Phase der Demokratisierung in den 90er Jahren stand die erste Dekade des 21. Jahrhunderts in Lateinamerika im Zeichen von Bürgerbewegungen und linker Politik. Den Auftakt des Linksrucks machte Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der seit 1999 regiert, es folgten linke Siege in Chile, Argentinien, Brasilien, Bolivien, Uruguay, Ecuador, Nicaragua, Honduras, Paraguay, Guatemala und El Salvador.

Der Linksruck läutete das Ende der neoliberalen Konzepte des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank ein, die zwar wirtschaftliche Stabilität, aber keine soziale Gerechtigkeit gebracht hatten. Heute hat sich der Einfluss dieser Institutionen in Lateinamerika auf ein Minimum reduziert. Es ist ein Zeichen der Emanzipation in Ländern, die oft bis in die 80er Jahre hinein von Militärdiktaturen regiert und in denen „kommunistische Umstürzler“ gnadenlos verfolgt wurden. Es hat daher hohen Symbolwert, wenn heute Menschen wie Luiz Inacio Lula da Silva und Pepe Mujica (Uruguay) an der Macht sind, die in der Diktatur wegen ihrer politischer Gesinnung im Gefängnis saßen.

Anzeige

Doch wie erfolgreich sind die linken Konzepte? Beim Wirtschaftswachstum stehen laut der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) von 2000 bis 2008 Kuba, Peru und Panama ganz oben, auf den hintersten Rängen finden sich Guatemala, El Salvador und Haiti. Bei der Armutsverringerung waren zwischen 2000 und 2007 laut UN Chile, Brasilien und Costa Rica Spitzenreiter, während Guatemala, Paraguay und Peru am schlechtesten abschnitten.

In Sachen Transparenz haben sich nach dem internationalen Index von Transparency International Chile, Uruguay und Costa Rica zwischen 2001 und 2009 als die saubersten Länder etabliert, während Haiti und Paraguay zu den Schlusslichtern zählen – egal, wer an der Macht ist. Dramatisch verschlechtert hat sich Venezuela, das 2001 noch auf Rang 69 lag und 2009 auf den 162. Platz abrutschte.

Geht man nach Umfragewerten, so stehen in der Gunst der Bürger die Chilenin Michelle Bachelet und der Brasilianer da Silva ganz oben mit jeweils über 80 Prozent Zustimmung. Publikumssieger wäre also wohl das „rosarote“ Modell, deren herausragendste Vertreter die beiden sind. Während die radikaleren „roten“ Regierungen in Venezuela und Bolivien auf Verstaatlichung setzten, um mehr Kontrolle über die strategisch wichtigen Grundstoffindustrien zu erlangen und sich dabei mit der Wirtschaftselite anlegten, vertraten Bachelet und da Silva eine gemäßigte, sozialdemokratische Politik, die weder die freie Marktwirtschaft noch die oligopolistischen Wirtschaftsstrukturen infrage stellte. Die durch Rohstoffboom und Wirtschaftswachstum gestiegenen Haushaltseinnahmen steckten alle linken Regierungen in Sozialprogramme. Entsprechend hat sich die absolute Armut verringert. Während 2002 laut Cepal noch 222 Millionen Lateinamerikaner arm waren, betrug die Zahl 2007 noch 184 Millionen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich jedoch blieb nahezu unverändert bestehen und ist in manchen Ländern wie Peru, Bolivien und Panama noch gestiegen. Hier setzen Kritiker wie der Weltbankberater Bernardo Kliksberg an. „Das Wirtschaftswachstum trägt zwar zur Armutsbekämpfung bei, aber seine Auswirkungen sind begrenzt in Ländern, in denen der Reichtum extrem ungleich verteilt ist. Hingegen trägt eine auch nur geringe Verbesserung der Einkommensverteilung sehr stark bei zur Verringerung der Armut.“

Der brasilianische Geistliche Frei Betto kritisiert, Länder wie Brasilien und Chile hielten an einem traditionellen, liberalen Wachstumsmodell fest, das zulasten der Umwelt und der sozial Schwächsten gehe. Wie zur Zeit der spanischen Kolonialherrschaft sei Lateinamerika vorrangig ein Rohstoffexporteur. Die Grundvoraussetzungen für sozialen Aufstieg – nämlich eine gute Gesundheitsfürsorge und gute Schulbildung – blieben nach wie vor den Wohlhabenden vorbehalten, die angesichts des desaströsen Zustands der öffentlichen Dienstleistungen auf private Anbieter ausweichen können.

Leserkommentare
    • Isi 1st
    • 04. Januar 2010 16:49 Uhr

    ...eigentlich sollte es heißen:
    mehr Mut zu ein bisschen mehr sozialem Denken und Handeln !!!
    Oder ist die "Linke Idee" hier in Deutschland schon so tot ?!
    Wenig genug hört man von den sozialistischen Ideen Lateinamerikas. Weder einen Aufschrei der Empörung, noch Zustimmung.
    Die Wahrheit steckt sowieso in der Mitte.
    Chavez nimmt Shell (einem holländischen Unternehmen) die Gasfelder ab und diese müssen nun alle Gewinne abführen.
    Alle? - nein, sie dürfen 15% behalten!
    Das ist eine erstaunliche Rendite. Auf welcher Bank bekommt man die?!
    Wie sieht es mit den deutschen Braunkohlefeldern aus?
    Gehören die dem RWE oder darf das Unternehmen nur unsere Rohstoffe abbauen, um sie uns dann wieder zu verkaufen?

    Die Angst in unserem Establishment sitzt tief, die linke Idee kommt zurück nach Deutschland.

    Ich wundere mich, dass dieser Artikel nicht mehr Kommentare hervor lockt...
    ...wird Zeit, dass auch wir unserem Egoismus überwinden !!!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie setzen allen Ernstes die 15 Prozent von den Gewinnen, die Shell behalten darf, mit einer Rendite auf eingesetztes Kapital gleich und wollen uns damit zum Sozialismus bekehren? Ich kann nur ungläubig den Kopf schütteln.

    • memoiyo
    • 04. Januar 2010 18:16 Uhr

    Der Artikel greift ein wirklich interessantes, vielleicht sogar modellhaftes Phaenomen des Post-Neoliberalismus auf, ist aber leider - Verzeihung - ziemlich flach in der Analyse!

    Anstatt sich simpel auf Rankings zu konzentrieren, die nicht viel ueber die jeweilige Lage im Land sagen, waere ein Blick auf die am Rande gestreiften Macht-, Medien- und Handelsstrukturen doch erhellender.

    Was sind z.B. die Folgen fuer die Gesellschaft, wenn in Bolivien konsequent, in Guatemala halbherzig und in Peru gar nicht gegen die wirtschaftliche Oligarchie Politik gemacht wird?

    In diesem Zusammenhang ist es interessant, vielleicht sogar alarmierend, dass in Chile mit Pinera jemand zwar soziale Versprechungen macht (das ist ja nicht so neu oder besonders), aber der wichtigste Machtfaktor in der Medienlandschaft ist...! - Schade, Chile: nach gelungener Armutsreduktion (mit wirklich guten und innovativen Programmen) steht dem Land nun vermutlich eine Berlusconisierung bevor... :-/

  1. Sie setzen allen Ernstes die 15 Prozent von den Gewinnen, die Shell behalten darf, mit einer Rendite auf eingesetztes Kapital gleich und wollen uns damit zum Sozialismus bekehren? Ich kann nur ungläubig den Kopf schütteln.

    Antwort auf "Mut zum Sozialismus..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service