"Aufarbeitung und Versöhnung gehen Hand in Hand"
Frage: 2011 läuft die im Stasiunterlagengesetz eingeräumte Möglichkeit der Überprüfung von Personen in führenden öffentlichen Positionen aus. Sollte die Frist ein weiteres Mal verlängert werden?
Birthler: Unbedingt. Die Debatten der letzten Wochen und Monate haben gezeigt, dass es noch ein berechtigtes Interesse daran gibt, mit wem die Menschen es in den öffentlichen Positionen zu tun haben. Klarheit über die Vergangenheit sollte zum Mindeststandard bei Politikern gehören.
Frage: Sie haben den brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck dafür kritisiert, dass er die Bildung der rot-roten Koalition auch mit dem Versöhnungsgedanken begründet hat. Hat Versöhnung keinen Platz im politischen Geschäft?
Birthler: Versöhnung ist ein individueller Prozess, den kann man nicht politisch anordnen. Bei Platzeck klingt es so, als ob wir bis jetzt hart aufgearbeitet hätten und jetzt wäre es Zeit für Versöhnung. Aufklärung und Versöhnung gehen aber immer Hand in Hand. Vieles davon bekommen wir gar nicht mit, weil es sich im zwischenmenschlichen Bereich abspielt. Man versöhnt sich außerdem mit Menschen und nicht mit einer Partei.
Frage: Der frühere brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe hat Ihrer Darstellung widersprochen, Sie seien als Bildungsministerin in seinem damaligen Kabinett von ihm zur Loyalität in Bezug auf seine Stasi-Kontakte verpflichtet worden. Wer hat denn nun recht?
Birthler: Manche Situationen hat man fast fotografisch im Gedächtnis. Für mich trifft das auf meinen Rücktritt 1992 zu, der für mich eine schwere Entscheidung und ein großer Einschnitt in meinem Leben war: Ich hatte mich in Interviews kritisch zu Stolpe geäußert. Daraufhin bin ich zu einem Vier-Augen-Gespräch geladen worden und der Ministerpräsident verlangte von mir unter Hinweis auf die Loyalität, die in einem Kabinett zu herrschen habe, dass ich solche kritischen Äußerungen unterlasse. Und ich habe ihm das zugesagt. Bei einer Veranstaltung mit Jugendlichen wenige Tage später habe ich gemerkt, dass ich mich mit diesem Versprechen überfordert habe. Ich habe mir gesagt: Wenn ich mich als Kabinettsmitglied nicht mehr kritisch zu Stolpe äußern darf, aber den Anspruch habe, meine Meinung öffentlich zu vertreten, kann ich nicht länger im Kabinett bleiben.
Marianne Birthler (61) ist seit 2000 Beauftragte für die Stasiunterlagen. 1992 legte sie aus Protest gegen Stasi-Verstrickungen von Landeschef Stolpe (SPD) ihr Ministeramt in Brandenburg nieder.
Das Gespräch führte Matthias Schlegel.
(erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.1.2009)
- Datum 15.01.2010 - 12:22 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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wäre verkehrt. Die Betroffenen haben noch lange Interesse an den Akten, die Nachkommen auch. Die Tausenden Geschädigten aus den DDR-Gefängnissen etc. Lieber jetzt schauen, wer aktiv war, als in 50 Jahren Greise vor Gericht zu stellen! http://kallewestrich.blog...
Versöhnung ist ein wirkliches Fundament menschlicher Kultur und der Staat sollte daran interessiert sein, dass seine Mitglieder alle Voraussetzungen genießen können, dieses vielleicht höchste Gut einer Kultur auszuüben.
Wie Frau Birthler extrem richtig zum Ausdruck gebracht hat, ist Versöhnung zudem sehr persönlich und jeder einzelne muss entscheiden, ob er vergeben kann, was Grundvoraussetzung für Versöhnung ist. Es kann nicht von oben herab angeordnet werden.
Um Misstrauen durch die Frage nach Vergebung und Versöhnung ersetzen zu können, müssen jene, die Misstrauen hegen, weiterhin die Möglichkeit haben zu erfahren, ob ihr Misstrauen berechtigt ist oder nicht. Die einzige zuverlässige Informationsquelle sind die Stasi Akten.
Wenn also wirkliche Versöhnung gewollt ist, d. h. wenn wir unser wichtigstes Kulturgut leben wollen, darf diese wichtige Quelle nicht geschlossen und auch der Zugang zu dieser in keinster Weise beeinträchtigt werden.
Daher kann unsere Gesellschaft nur dann Eintracht finden, wenn die Stasi Akten noch über Jahrzehnte weiterhin so verwaltet werden wie bisher. Viele Länder können und um diese Möglichkeit zur Aufarbeitung beneiden und tun es auch.
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