"Es war eine Pattsituation"
Auch Michael Beleites ist irgendwann am frühen Nachmittag in der Stasi-Zentrale eingetroffen. Als Mitglied des Bürgerkomitees im thüringischen Gera war auch er für den Runden Tisch eingeteilt gewesen. Als er auf das Gelände an der Normannenstraße kommt, erscheint ihm die ganze Situation "dubios". "Einige wussten etwas, andere nicht, einige hatten Sonderabsprachen geführt, andere nicht."
Von dem, was sich anbahnte, sei viel im Hintergrund abgelaufen, sagt Beleites, der heute sächsischer Landesbeauftragter für die Stasiunterlagen ist. Die Stasi habe nach den Besetzungen der regionalen Dienststellen wochenlang Zeit gehabt, sich auf diesen Tag vorzubereiten. "Es ist naiv zu glauben, dass sie nicht Mitinitiator dieser Vorgänge war", sagt Beleites.
Er und sein Berliner Amtskollege Martin Gutzeit hatten jüngst bereits die Frage aufgeworfen, ob nicht schon die Besetzung der regionalen Stasi- Dienststellen ein abgekartetes Spiel war, bei dem die SED ganz bewusst die Stasi zum Sündenbock stempeln wollte, um von der eigenen Verantwortung abzulenken. "Waren schon die Vorgänge am 4. und 5. Dezember 1989 in den DDR-Bezirken verschwommen, sind die am 15. Januar 1990 in Berlin noch viel verschwommener", sagt Beleites. Das ungute Gefühl hatte er schon an jenem Tag vor 20 Jahren auf dem Stasi-Gelände in der Normannenstraße. "Ich hatte das Empfinden, ich möchte eigentlich nicht dabei sein." Kurz vor 17 Uhr verlässt Beleites den Ort des Geschehens.
So unterschiedlich die Erinnerungen, so unterschiedlich sind auch die Bewertungen der Ereignisse aus heutiger Sicht. Christian Halbrock hält es nicht für unwahrscheinlich, dass Stasi-Leute selbst einen Großteil der vorgefundenen Verwüstungen angerichtet haben, um die Vorgänge zu diskreditieren: "Nicht umsonst schrieb das ,Neue Deutschland’ am nächsten Tag: ,Die friedliche Revolution hat ihre Unschuld verloren’." Aber der Stasi-Apparat sei ohnehin in Auflösung begriffen gewesen. Aus den Wachbüchern gehe hervor, dass immer weniger Offiziere zum Dienst erschienen seien. Und habe die Stasi im November noch Gasgranaten vom Typ "Moschus" und Sperranlagen zur Abwehr eines Aufruhrs geordert, sei in späteren Dienstanweisungen befohlen worden, per Megaphon beruhigend auf die Leute einzuwirken, möglichst in fehlerfreiem Hochdeutsch.
"Es war eine Pattsituation: Die DDR kollabierte, der Druck auf die Stasi war groß, sie wollte ihre Akten vernichten. So musste sie sich eine neue Legitimierung durch die Bürgerkomitees verschaffen. Sie waren eine Art menschliche Schutzschilde", erklärt Halbrock die Bereitwilligkeit, mit der die Abgesandten in die Stasi-Räumlichkeiten eingelassen wurden.
Pfarrer Montag hält nichts von Verschwörungstheorien. "Ich würde ausschließen, dass wir fremdgesteuert waren, weil wir nach unserem vereinbarten Konzept vorgegangen sind und das Heft des Handelns immer in der Hand behalten haben", sagt er. Für Michael Beleites hingegen ist der 15. Januar 1990 "eher eines der trüberen Ereignisse der friedlichen Revolution: Weil das Symbol der Friedlichkeit zerstört wurde und viele Hintergrundinteressen eine große Rolle gespielt haben".
(Erschienen im Tagesspiegel vom 14.01.2010)
- Datum 14.01.2010 - 10:27 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren