Euro-Krise Deine Pleite – meine Pleite

Die Zahlungsunfähigkeit von Griechenland ist Sache von Deutschland und der EU. Eine gemeinsame EU-Wirtschaftsregierung ist überfällig. Ein Kommentar von Harald Schumann

Hunderte LKW warten an der Grenze zu Griechenland: In dem Land gibt es Proteste. In der Währungsunion sind auch die anderen EU-Länder von Griechenlands desolater Lage betroffen

Hunderte LKW warten an der Grenze zu Griechenland: In dem Land gibt es Proteste. In der Währungsunion sind auch die anderen EU-Länder von Griechenlands desolater Lage betroffen

Griechenland, der schwächste Staat der Eurozone, steht kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Hedgefondsmanager kassieren Milliardengewinne, indem sie diese Furcht durch eigentlich längst geächtete Kreditausfallwetten im großen Stil anheizen. Schon hoffen die Eurogegner der angelsächsischen Finanzwirtschaft auf den Zerfall der Gemeinschaftswährung, obwohl diese gerade in der Bankenkrise große Vorteile brachte. Und was tun die Finanzminister der Eurostaaten und ihre EU-Kommissare? Sie üben sich im Verdrängen und der Verkündung haltloser Lösungsvorschläge.

Da verspricht Währungskommissar Almunia, seine Behörde werde Athens Haushaltsgebaren künftig eisern überwachen, ohne zu erklären, warum genau das in den letzten neun Jahren nicht funktioniert hat. Da erklärt Deutschlands Finanzminister Schäuble, die Griechen seien ganz allein zuständig, gerade so, als ob die Pleite eines Eurostaates die übrigen nicht treffen würde. Und in seiner Not verspricht Ministerpräsident Papandreou, seine Regierung werde das auf zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung angeschwollene jährliche Budgetdefizit mal eben um drei Viertel vermindern.

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All das soll suggerieren, die Griechen könnten sich aus eigener Kraft aus ihrer Überschuldung heraussparen. Doch das ist ökonomischer Unfug. Denn selbst wenn es möglich wäre, unter großen Opfern bis 2012 Staatsausgaben im Umfang von neun Prozent der Wirtschaftsleistung einzusparen, würde dies das Land in eine so tiefe Rezession stürzen, dass mindestens die Hälfte davon durch die ausfallenden Steuereinnahmen schon wieder verloren wäre. Gleichzeitig würden die Zinslasten für die dann noch riskanteren griechischen Anleihen alsbald unbezahlbar und der Staatsbankrott wäre am Ende doch nicht zu vermeiden.

Käme es aber dazu, wären auch andere wirtschaftsschwache Eurostaaten wie Portugal, Irland und sogar Spanien nicht mehr sicher. Die ungezügelte Spekulation könnte auch ihre Zinslasten so in die Höhe treiben, dass sie darunter zusammenbrechen und somit der Euroverbund wieder auseinanderfällt. Darum ist längst klar, dass die Eurostaaten Griechenland genauso beistehen müssen, wie es die US-Regierung mit der Pleiteregierung in Kalifornien hält. Der mögliche Schaden infolge einer Verweigerung wäre viel größer als die Kosten eines gemeinschaftlich gewährten Überbrückungskredits, der das Land von den spekulativ überhöhten Zinsen befreit.

Eine solche Gemeinschaftsanleihe, die über die EU-Investitionsbank schnell zu organisieren ist, wäre jedoch nur der Anfang. Anschließend müssten die Euro-Regierungen sich endlich der Frage stellen, wie die extremen Ungleichgewichte zwischen ihren Staaten abzubauen sind. Gewiss, die Griechen und nicht nur sie haben "über ihre Verhältnisse" gelebt, wie es Minister Schäuble beschrieb. Und ganz sicher muss die Regierung in Athen Abschied nehmen von ihrem Niedrigsteuerregime und dem aufgeblähten öffentlichen Dienst.

Aber gleichzeitig müssen die Defizitländer auch die Chance bekommen, die zur Sanierung nötigen Erträge zu erwirtschaften. Das ist jedoch unmöglich, solange die Deutschen fortwährend "unter ihren Verhältnissen" leben, indem sie die steigende Produktivität nicht in Lohnsteigerungen umsetzen, sondern nur dazu nutzen, immer billiger zu exportieren. So fahren sie Exportüberschüsse ein, die bei den Handelspartnern zwangsläufig ein Defizit erzeugen. Und im Euroverbund sind diese auch nicht durch Abwertung der eigenen Währung auszugleichen. Würden aber alle anderen dem deutschen Lohndumping folgen, wäre die Entwicklung der ganzen Eurozone auf den Export in Drittländer angewiesen. Eben darauf setzen auch Japan, China und neuerdings sogar das Krisenland USA. Das kann nicht funktionieren.

So endet jetzt der jahrelang geübte Selbstbetrug der Euro-Regenten, sie könnten eine Währungszone ohne wirtschaftliche Koordinierung und Finanzausgleich betreiben. Die gemeinsame Wirtschaftsregierung wird kommen, ganz gleich unter welchem Namen.

(Erschienen im Tagesspiegel)

 
Leser-Kommentare
    • j-ap
    • 03.02.2010 um 12:03 Uhr

    Die hatten wir doch schonmal: Den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Der hat allerdings den Ostblock auch nicht mehr gerettet.

    In einem Staat wie Griechenland, in dem schon kleine Kinder in der Schule lernen, daß man es im Leben nur dann zu etwas bringt, wenn man sich mit den Chargen der alles sich einverleibenden Staatsbürokratie (deren Personal übrigens ganz regulär mit 55 in Pension geht) gut stellt, sind nun wirklich nicht die angelsächsischen "Heuschrecken" schuld am Gemeinversagen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber es gibt offenbar auch andere Ursachen, als Staatsbürokratie etc...:

    http://www.handelsblatt.c...

    aber es gibt offenbar auch andere Ursachen, als Staatsbürokratie etc...:

    http://www.handelsblatt.c...

  1. ist der Staat nicht pleite. Man könnte ja einen befristeten Solidarzuschlag einführen.

  2. Korruption ist Teil des Systems der sozialen oder wie auch immer bezeichneten "Marktwirtschaft". Wer sich darüber beklagt, ist ein Dummkopf. Das System funktioniert nur durch intelligente Korruption. Man stelle sich einmal vor, alles Schwarzgeld endete in den Händen von Politikern. Dann wären wir wirklich in drei Wochen pleite.

  3. ... das ist doch derselbe Bullshit wie Weltregierung etc. was soll diese "Wirtschaftsregierung" denn machen? Entscheiden wohin die Gelder in der EU fließen? Wie hoch die Löhne wo und wann sein sollen?

    Man hätte zur Einführung des Euro die Chance gehabt einen nachhaltigen Mechanismus einzubauen, der Überschüsse und Defizite automatisch ausgleicht. Keynes hatte dies schon zur Bretton-Wood-Konferenz 1944 vorgeschlagen und ist leider damit gescheitert. Mit der Folge gigantischer globaler Ungleichgewichte. "Bancor" hatte er diese Währung damals genannt, mit leichten Anpassungen wäre das durchaus auch für den Euro denkbar gewesen.

    Allein: man hat es nicht gemacht. Im Ggs. man hat fest beide Augen zugedrückt und nach wie vor gibt es in D eine Kanzlerin, die glaubt mit den Schulden anderer Länder ihren Haushalt sanieren zu können, konkret: asoziale Exportüberschüsse aufrecht erhalten will. Sie (bzw. wir) werden das noch bitter bereuen, es funktioniert einfach nicht, wenn einer immer auf Kosten aller anderer lebt. Irgendwann bricht das Schuldenhaus zusammen und auffangen wird das wer? Richtig wir.

    Oder mit anderen Worten: die anderen kaufen schuldenbasiert unsere Waren und damit sie das auch weiterhin können, müssen wir sie freikaufen. Wir haben also am Ende weder unsere eigenen Produkte, noch das Geld, dafür aber jede Menge Arbeitsleistung verschenkt. So sieht intelligente deutsche Politik aus...

  4. Wie sollen ausgerechnet wir den Griechen helfen?

    Stecken wir doch das letzte Geld in internationale "Kriegsspiele", obwohl wir doch - genau wie Griechenland - ebenfalls pleite sind.

    Es spricht nur noch niemand aus!

  5. aber es gibt offenbar auch andere Ursachen, als Staatsbürokratie etc...:

    http://www.handelsblatt.c...

    • remail
    • 10.02.2010 um 11:41 Uhr
    7. Woher

    kommen denn nur die Fordeungen wir sollten helfen? Griechenland hat sich doch selbst in die Lage gebracht, seit Jahren weiss man dass von Anfang an falsche Angaben gemacht wurden. Kann das Land nicht einmal ausnahmsweise zusammenhalten und sich selbst helfen?

  6. In Griechenland zahlen doch ganze Berufszweige keine Steuern, wie die Landwirte, andere werden pauschal minimalst besteuert, wie die Taxifahrer. Es sind wirklich nicht nur die (großen) Unternehmen, es ist wirklich die "Griechische Krankheit". Warum soll nun die EU, zuvorderst Deutschland, dafür zahlen?

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