Obama und Europa Schleichende Entfremdung

Vor der Münchner Sicherheitskonferenz zeigt sich: Im Verhältnis zwischen Barack Obama und Europa ist Alltag eingekehrt, der Zauber des Anfangs ist verflogen. Der alte Kontinent steht bei ihm nicht ganz oben.

Geschäftsmäßiges Verhältnis zu Europa: Kanzlerin Angela Merkel bei Barack Obama im November

Geschäftsmäßiges Verhältnis zu Europa: Kanzlerin Angela Merkel bei Barack Obama im November

Mit George W. Bush wäre uns das nicht passiert. Hätte der einen EU-USA-Gipfel ausgeschlagen, man hätte es mit Achselzucken quittiert. Oder erleichtertem Spott. Bei Barack Obama ist das anders. Er ist zwar schon ein Jahr im Amt, der Reiz des Neuen müsste längst verflogen sein. Aber viele in Europa würden das erhebende Gefühl der Wiederannäherung nach dem Streit mit Bush gerne noch ein wenig genießend in die Länge ziehen. Das gilt speziell für Deutschland, wo Obama mehr Sympathien zufliegen als anderswo auf der Welt. Stattdessen nun Liebesentzug?

Die Antwort ist banaler. In die Beziehungen ist wieder Alltag eingekehrt. Die Afghanistankonferenz in London dokumentierte verlässliche Routine, riss aber niemanden vom Hocker. Bei der Sicherheitskonferenz in München an diesem Wochenende wird es ähnlich gehen: Man kennt und schätzt sich, doch das erwartungsvolle Knistern wie vor einem Jahr, als München die Bühne bot für die erste Begegnung mit der neu gewählten US-Regierung und Obama seinen Vize Joe Biden sandte, ist Vergangenheit.

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Nicht erst Freitag ab eins macht jeder seins, sondern die ganze Woche über. Die USA sind vollauf mit sich beschäftigt. Beim Blick auf die Arbeitslosenzahl, die Reformblockaden im Kongress und die Positionierungskämpfe vor der Kongresswahl ist das kein Wunder. Außenpolitik interessiert dann, wenn sie den Bürgern Grund für Nationalstolz liefert wie im Fall der Haiti-Hilfe. Oder wenn die Sicherheit bedroht ist wie beim Flugzeuganschlag mit Spuren in den Jemen oder amerikanisches Blut fließt wie gerade in Pakistan. Deutschland tickt ähnlich. Auch hier beherrschen die Aussichten für die Volkswirtschaft und das eigene Portemonnaie, höhere Kassenbeiträge oder die Sauerland-Terroristen die Debatte. Der Glanz eines Obama-Besuchs bei der EU wäre eine willkommene Abwechslung gewesen. Und keine Enttäuschung wiegt schwerer als unerwiderte Liebe.

Doch das verbreitete Kontrastbild vom europäisch anmutenden Obama nach dem kulturell fremden amerikanischen Cowboy Bush ist eine Projektion. Dessen Verhältnis zu Europa war nie so schlecht, wie es geredet wurde. Er war 2005 der erste US-Präsident, der die EU – und nicht nur die Nato – in Brüssel beehrte. Das Elternhaus und die Zeitläufte hatten ihm eingeimpft: Europa ist Amerikas verlässlichster Partner. Mit keinem anderen Kontinent gibt es ein so breit gefächertes und tief gehendes Bündnis: Wirtschaft, Militärallianz, Kultur, Wertegemeinschaft. Die tägliche Zusammenarbeit seiner Regierung mit Europa war weit besser als die öffentliche Stimmung.

Unter Obama ist es umgekehrt. Die fachliche Kooperation geht wie gewohnt weiter – im Kontrast zur Wahrnehmung der Bürger, man sei sich nun wieder näher. An den nationalen Interessen und kulturellen Unterschieden, von Militäreinsätzen und Handel zu Sozialstaat und Bankenkontrolle, hat sich nichts geändert. Obama fehlt die Empathie für Europa, die seine Vorgänger auszeichnete. Er ist auf Hawaii, im Pazifik, geboren, kennt Afrika und Indonesien. Prägende Erfahrungen mit Europa hat er nicht. Für seine Generation sind Weltkrieg, Aufbauhilfe und der Ost-West-Konflikt, der Europa und Amerika zusammenschweißte, Geschichte. Es ist eine geschäftliche Beziehung, kein Liebesverhältnis. Die EU interessiert, soweit sie den USA hilft, Probleme zu lösen. Bisher bleibt sie auf den meisten Feldern hinter Obamas Erwartungen zurück. Es wird genug gegipfelt, einer weniger ist kein großer Verlust.

(erschienen im Tagesspiegel vom 5.2.2010)

 
Leser-Kommentare
  1. Man muss bei der ganzen Sache auch Verstaendnis fuer die Position Obama haben.
    Der asiatische Markt wird fuer Amerika immer wichtiger, ausserdem wurde er ueber JAhre hinweg vernachlaessigt. Auf dem sicherheitspolitischen Bereich verschieben sich die GEwichte auch mehr Richtung Asien, NAher OSten. Die russische BEdrohung ist verschwunden, folglich verliert Europa an Bedeutung.
    Das alles muss keine Katastrophe sein. Amerika und Europa sind weiterhin natuerliche Partner, die den Nichtbesuch bei einem Giupfel locker wegstecken koennen.

    Wir Europaeer muessen nur selbst auch unser Gesichtsfeld erweitern und selbst in kontakt mit den anderen Global playern treten.
    Die Spanier haben zumindest in Aussicht gestellt, mal ueber eine europaeische Lateinamerikapolitik nachzudenken.
    DAs Gleiche muesste man auch gegenueber China und dem asiatischen Raum entwickeln.

    Eine konsistente und kohaerente Aussenpolitk der EU gab es bis jetzt noch nicht. Deswegen ist es fuer Obama ja auch schwer, sich da an jemandem zu orientieren.

    Die EU als groesste Wirtschaftsmacht weltweit muss da endlich geschlossener auftreten und selbst Initiative entwickeln.
    Das alles ist nicht schlimm fuer das transatlantische Verhaeltnis.
    Im Gegenteil wuerde es profitieren, wenn der EU-Einigungsprozess auf wirtschaftlichem und politischen Gebiet weiter fortschreiten wuerde.

    Das alles geht auch ohne Empathie. Es geht hier ja wie ueberall um rationale Kalkulation. DAs muss nicht schlecht sein.

  2. (viereggtext) Ein Besuch Obamas hätte glatt 20 Mio mehr gekostet, so ist das auch schon unerhört teuer, die Staatschefs zu bewirten. Viel Steuergeld.

  3. Mal ganz ehrlich, wenn wir Obama wären und würden über den Teich blicken und sehen, was für Gestalten uns auf Augenhöhe begegnen wollen:

    - eine beliebige Kanzlerin des Ungefähren ohne Entscheidungswillen, die nicht weiß, wo links oder rechts ist und deshalb auf einer schwammigen "Mitte" herumwabbelt.

    - eine britische Valium, die so viel Charme ausstrahlt, wie eine Betonwand.

    - ein sexbesessener Duceverschnitt

    - eine abstrakte Mischung aus Napoleon und Luis de Funes

    Und so geht es weiter, durch ganz Europa. Da wirkt heimischer Haushaltsstreit ja richtig interessant und belebend. Ich würde auch in den USA bleiben, das Telefon ausstecken und das Cellphone ausschalten.

    MfG
    AoM

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Besser kann man das Ganze nicht interpretieren.

    Ich hätte auch lieber Jean-Claude Juncker als Kanzler.

    Sehe und höre ich meine Verwandtschaft, die seit mehr als 10 Jahren in Luxemburg leben, dann sehe ich nur gutes Geld für gute Arbeit und höre kaum negative Berichte oder so ein Chaos wie hier in Deutschland.

    In Deutschland wären sie vielleicht heute noch ohne Job oder irgendwo unterbezahlt beschäftigt.

    Besser kann man das Ganze nicht interpretieren.

    Ich hätte auch lieber Jean-Claude Juncker als Kanzler.

    Sehe und höre ich meine Verwandtschaft, die seit mehr als 10 Jahren in Luxemburg leben, dann sehe ich nur gutes Geld für gute Arbeit und höre kaum negative Berichte oder so ein Chaos wie hier in Deutschland.

    In Deutschland wären sie vielleicht heute noch ohne Job oder irgendwo unterbezahlt beschäftigt.

  4. Die Neuenglandstaaten haben nie ihre Wurzeln verleugnet. Obama hat mit europäischen Traditionen nur einen schwachen Kontakt - soweit sie sich aus seinem Studium ergeben. Haiwai ist ihm näher als Helgoland. Keine Frage.

    Messe ich ihn an den Taten der letzten 100 Tage, dann muss ich konstatieren, dass er sich mehr auf den Pazifik ausrichtet als auf Europa. Für ihn ist die EU als politische Faktor das Old-Europe, das man einbindet, wenn es um Palästina geht. Mehr nicht.

    Er konterkariert die strategische Partnerschaft der EU mit Russland, in dem er den strategischen Raketenschild als Gretchenfrage erneut ins Spiel bringt. Das verüble ich ihm. Ich ärgere mich, das die EU jetzt nicht klar einen Position des 3. Weges zeigt.

    • xpol
    • 06.02.2010 um 10:16 Uhr

    ... sich die positiven Erwartungen in Europa an eine Präsidentschaft Obamas gründeten, war mir schon immer ein Rätsel. Die Vorgänger lebten in angelsächsischen Traditionen und wären mit ihren Denkweisen als europäische Politiker kaum aufgefallen.

    Obama hat nicht einmal definierbare Wurzeln in seinem Heimatland, was seine innenpolitischen Probleme massgeblich verursacht. Seine Politik erinnert an die von Carter, der so proviziell war, dass seine Ansichten aus einem Paralleluniversum zu stammen schienen.

    Kein Schade, wenn Obama sich in Europa etwas rar macht, vermutlich ist die Welt ihn in 3 Jahren los.

  5. 6. Toll

    Besser kann man das Ganze nicht interpretieren.

    Ich hätte auch lieber Jean-Claude Juncker als Kanzler.

    Sehe und höre ich meine Verwandtschaft, die seit mehr als 10 Jahren in Luxemburg leben, dann sehe ich nur gutes Geld für gute Arbeit und höre kaum negative Berichte oder so ein Chaos wie hier in Deutschland.

    In Deutschland wären sie vielleicht heute noch ohne Job oder irgendwo unterbezahlt beschäftigt.

    Antwort auf "Who the f*** cares?"
  6. Nun ja, die europäischen Politiker so klein, und Obama so groß zu machen ist doch auch etwas verfehlt.
    Europa ist und wird mehr eine sinnfreie wirtschaftliche Interessenvereinigung als ein politisches Konstrukt sein. Da mag es zwar aus innenpolitischen für Einige nett sein mit Mr. Change für Fotos zu posieren, aber nur für den Preis von ein paar von Obamas so häufig zelebrierten Sonntagsreden. Reden statt Performance können wir doch auch lokal bestaunen.

    Stundenlanges "Bullshit-Bingo" mit Hope, Change und yes we can nervt doch bei rein geschäftlichen Beziehungen nur, wenn man dann gleich wieder mit in sinnlose aber immens teuere Kriege ziehen soll.

    Die Verteilung ist doch gar nicht s schlecht. Obama holt sich in Indien und China sein freundliches Desinteresse ab, und die Europäer kümmern sich ums Geschäft.

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