WM-AusEin Foul gegen die Fußball-Nation

Er war der prägende Spieler seiner Generation. In Südafrika wollte Michael Ballack seine Karriere endlich mit einem internationalen Titel krönen. Einer kam ihm dazwischen. Ihm gehört die Zukunft, hieß es einst auch über Kevin-Prince Boateng. von Michael Rosentritt und Sven Goldmann

Gefallener Held: Das Foul von Boateng zerstört die WM-Träume von Michael Ballack

Gefallener Held: Das Foul von Boateng zerstört die WM-Träume von Michael Ballack  |  © Adrian Dennis/AFP/Getty Images

Für einen Moment sieht es so aus, als würde Joachim Löw weggepustet werden, so stürmt es vom offenen Meer rüber. Der Bundestrainer findet Halt hinter einem Haus, hinter dem auch schon 70 Medienleute lauern. Löw schiebt sich immer wieder die Haare aus dem Gesicht, die Kameraleute ringen mit den dreibeinigen Untergestellen und die Reporter vom Fernsehen schieben ihre Mikrofone wie Maschinenpistolen dem Bundestrainer unters Kinn. Und über allen schwebt die Nachricht, die Deutschland schockt: Die Fußball-Weltmeisterschaft findet ohne Michael Ballack statt.

Die Nachricht hat aus der Münchner Praxis von Hans Müller-Wohlfahrt den Weg ins stürmische Sizilien gefunden, wo Löw die deutsche Nationalmannschaft auf die WM in Südafrika einstimmen will. Der Mannschaftsarzt hat beim Mannschaftskapitän Schwerwiegendes diagnostiziert: einen Riss des Innenbandes und einen Teilriss des vorderen Syndesmosebandes im Sprunggelenk des rechten Fußes. Folgen eines üblen Trittes, ausgeteilt von einem, der mal Ballacks Nachfolger werden wollte.

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Kevin-Prince Boateng, 24 Jahre alt, geboren in Berlin und zurzeit angestellt in Portsmouth, galt noch vor ein paar Jahren als die Zukunft des deutschen Fußballs. Seit Samstag wird er in vielen Internet-Foren als Staatsfeind Nummer eins geächtet. Das britische Boulevardblatt "Sun" formuliert: "Boateng läuft Gefahr, eine Hassfigur in Deutschland zu werden." Er selbst sagt nichts. Kevin-Prince Boateng ist zunächst abgetaucht und für niemanden zu sprechen. Dann lässt er doch noch per "Sport Bild" ausrichten: "Es tut mir leid. Es war keine Absicht."

Montagnachmittag auf dem Flughafen von Palermo, eine Überraschung: Michael Ballack fliegt aus München ein, er will ein paar Tage mit der Mannschaft in Sizilien verbringen. Der Bundestrainer freut sich über diese Geste, er sagt aber auch, dass zurzeit eine andere Gefühlslage überwiegt. "Wir sind alle sehr, sehr traurig", sagt Joachim Löw. "Michael ist unser Kapitän, und in den entscheidenden Spielen hat er immer eine tragende Rolle gespielt." Der Wind trägt seine Worte fort. Was bleibt, ist ein mulmiges Gefühl.

Für die deutschen Fußballfans ist es ein trauriger Tag, für Michael Ballack aber ein tragischer. Er ist der einzige deutsche Spieler von Weltformat und hat die Nationalmannschaft ein Jahrzehnt geprägt, aber seinen großen Traum wird er nicht verwirklichen können. Es ist der Traum von einem großen internationalen Titel. Nationale hat er in Deutschland und England so viele gesammelt wie ganz wenige vor ihm. Mit dem 1. FC Kaiserslautern, Bayern München und dem FC Chelsea. Aber die Krönung mit der Nationalmannschaft fehlt ihm. Michael Ballack wird als der große Unvollendete in die deutsche Fußballgeschichte eingehen.

Die Zeit rennt ihm davon. Im September feiert er seinen 34. Geburtstag, und eigentlich kann man sich die Nationalmannschaft ohne ihn gar nicht vorstellen. 98 Länderspiele hat Ballack gemacht, er führte die Mannschaft an, die zweite Plätze bei Welt- und Europameisterschaft erspielte. Mit seiner Athletik, Zweikampfhärte, Schusstechnik und seinem Kopfballspiel ist er, was Trainer einen kompletten Spieler nennen. Und er ist der einzige Deutsche, den die Gegner wirklich fürchten. Ballack hat eine natürliche Präsenz, sie wirkt wie selbstverständlich und strahlt auf seine Mitspieler.

Er bestimmt den Rhythmus, beschleunigt oder verlangsamt das Spiel. Seine Mitspieler orientieren sich an ihm. Sie registrieren, wann und warum er sich mit Schiedsrichtern anlegt, wann und warum er sich in Zweikämpfe wirft. Sie verstehen seine Signale, wenn er den Ball einfach nur treibt oder mit langen Pässen die Räume öffnet. Er ist die Figur, die das Spiel in seinem Zentrum zusammenhält. Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, hat mal gesagt: "Michael ist ein Leader. Er hat das große Bild im Kopf, er muss die Mannschaft führen."

Leserkommentare
  1. entfernt.
    Bitte achten Sie auf eine höflichere Wortwahl und äußern Sie Ihre Kritik in sachlicher Art und Weise. Danke. Die Redaktion/km

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    ...und warum schreibst Du dann nen Kommentar und liest nen Text, den Du nicht lesen willst. Glaubst Du, die von "zeit-online" wissen nicht, dass solche 4-Buchstaben-Artikel ihnen das meiste Geld einspielen, weil der Artikel gerade deshalb viel gelesen wird. Wir sind hier bei "zeit-online" nicht bei der "zeit"...hier gehts um Klicks für Geld.

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    Antwort auf "Na und???"
  3. Wenn man sich das Foul einmal ganz in Ruhe anschaut (auf z.B. Youtube geht das), sieht man dessen ganze Brutalität. Erst wird das Standbein gefoult, danach mit voller Wucht auf den blockierten Knöchel gegangen. Jeder, der Fußball spielt weiß, dass das nur absichtlich geschehen kann.

    So macht Fußball (spielen wie schauen) keinen Spaß mehr. Nur gut, dass solche charakterlich zweifelhaften Figuren nicht auch noch für Deutschland spielen.

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    Entfernt. Bitte unterlassen Sie die Äußerungen jedweder Art rassistischer Kommentare. Danke, die Redaktion/fk

  4. Welch ein Drama!
    Was kann die Deutsche Nationalmannschaft nach diesem tragischen Verlust noch erreichen?
    NICHTS!
    Immerhin gab es nach „Heute“ und „Tagesschau“ je eine Spezial-Berichterstattung!
    Mein Gott, Deutschland sollte ein Zeichen setzen und auf die Teilnahme an der WM Verzichten!
    Jawoll, so darf man unseren Capitano, unsere Nationalmannschaft, ja ganz Deutschland nicht zertreten!

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    Ich hoffe mal, daß das ironisch gemeint ist. Sicher kann man da ja leider nicht sein, bei all der künstlichen Aufregerei um dieses Thema.

  5. Man kann's schon lange nicht mehr hören.

    Kein Wunder, dass nach der aufgesetzten, aber doch immer wieder wirksamen Heuchelkultur des öffentlichen Sichentschuldigens von Politikern und sonstigen Paolo Pinkels jeglicher Couleur nun auch ein tätlich gewordener Fußballer zu dieser Art von Notbremse greift.

    Ja, gut, dass so einer nicht für Deutschland spielt.

    Und vielleicht wär's auch gut, wenn zur Abschreckung wegen so was mal exemplarisch Strafanzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung gestellt werden würde - auch wenn der Nachweis schwierig zu erbringen sein wird.

  6. Ich finde, man sollte die Kirche schön im Dorf lassen. Das Foul von Ribery gegen den Lyoner Spieler sah auch sehr böse und absichtlich aus. Er hatte dann einfach Glück, dass dem Anderen nicht mehr passierte. Ballack hatte dann eben keins. Fussballspieler verteilen an Gegner keine Nettigkeiten...und machen böse Sachen auch mal absichtlich (taktisches Foul). Das macht nicht nur der Boateng so.

  7. Die Herren G., H., R. möchten wohl gerne zum ASV.

    Mal ein paar Beispiele:

    Die Dortmund-Passage:
    "...Dortmund, wo er vor allem durch drei Tätlichkeiten auffällt."
    Tätlichkeiten? Das haben Sie aber exklusiv. Es waren 3 spektakuläre Fouls / Zusammenstöße, die genausogut seiner seinerzeitigen Übermotivation geschuldet sein können (cit. Klopp).

    Das FA-Cup-Spiel:
    "Es ist ein Gewühl, wie es öfter im Fußball vorkommt, und plötzlich landet Ballacks Hand in Boatengs Gesicht." Oh ja, ein Gewühl; keiner konnte was dafür. Kann ja mal passieren.

    Bei KPBs vermeintlicher Revanche sieht das schon anders aus:
    "Doch dieses Mal hat Boateng sich nicht im Griff." Natürlich, er hat sich nicht im Griff - das hat Ihnen die Direktverbindung zu KPB' Synapsen vermutlich übermittelt.

    Und weiter:
    "(...) Ballack an den Ball, er hat ihn längst weitergespielt und plant in Gedanken schon den nächsten Zug... " Ah, auch hier sind die Synapsen angezapft. BTW: Was verstehen Sie eigentlich unter "längst"?

    "...der linke Fuß (von KPB) rammt hinterher..." Hier wird es jetzt komplett lächerlich.

    "... hebt der Täter unschuldsheischend den Arm..." So, so, unschuldsheischend. Ach, ich vergass, die Synapsen-Connection...

    "Nein, Boateng habe sich nicht entschuldigt, sagt Ballack später..." Hier darf ich dann auch mal kurz unsachlich werden: Was Herr Demichelis wohl bei diesem Statement gedacht hat?

    In Kürze: KPB ist kein Heiliger. Aber so ein billiges Geschreibsel hat er auch nicht verdient.

  8. Da war die Bild-Zeitung sogar noch sachlicher. Das Foul war übel, aber muss man deswegen eine Hetzkampagne starten?

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