ArbeitsbelastungChronischer Pflegemangel

Durch den Stellenabbau in Kliniken wächst auch das Risiko für die Patienten. Die Ergebnisse einer Umfrage unter Pflegekräften sind alarmierend. von Rainer Woratschka

Erschreckendes Ergebnis einer Studie: Mängel in der Krankenhauspflege sind inzwischen nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel

Erschreckendes Ergebnis einer Studie: Mängel in der Krankenhauspflege sind inzwischen nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel  |  © Peter Endig/dpa

Die Untersuchung war aufwendig, und die Diagnose ist beunruhigend. In deutschen Kliniken, so lautet sie, herrscht nach massivem Stellenabbau inzwischen "chronischer Pflegemangel". Und der führt nicht nur zur Überlastung der Beschäftigten, sondern zunehmend auch zum Risiko für die Patienten.

Es gehe längst nicht mehr darum, dass sich keiner ans Bett der Kranken setzen und ihnen zuhören könne, fasst Michael Isfort vom Deutschen Institut für Pflegeforschung das Ergebnis einer Umfrage von mehr als 10 000 Pflegekräften für das sogenannte "Pflegethermometer 2009" zusammen. Der Mangel betreffe inzwischen "ganz zentrale Bereiche".

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So wollte mehr als die Hälfte der Befragten nicht ausschließen, dass es wegen der hohen Arbeitsbelastung auch bei Medikamentengabe, Verbandswechsel und Hygiene zu Fehlern komme. Bei der Überwachung von verwirrten Patienten, dem Füttern, der Mobilisierung oder fachgerechten Lagerung sowie der Betreuung von Schwerstkranken scheinen Mängel ohnehin der Regelfall. Vier von fünf Pflegekräften rechnen damit. Und nur jede dritte geht noch davon aus, das für notwendig Erachtete im Klinikalltag tun zu können.

Die Gefahr für die Patienten steigt der Umfrage zufolge mit der Arbeitsbelastung. Und jede fünfte Klinikpflegekraft muss laut Isfort als "hoch belastet" eingestuft werden. Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, im vergangenen Jahr mehr Patienten betreut zu haben. Nur 5,6 Prozent der Befragten leisten keine Überstunden. Und nur zwei von fünf Pflegenden gelingt es, diese Überstunden zeitnah in Freizeit umzuwandeln.

Die Probleme kommen nicht von ungefähr. Zwischen 1996 und 2008 wurden in den deutschen Kliniken, trotz Arbeitsverdichtung und kontinuierlich gestiegener Patientenzahl, 50 000 Vollzeitstellen abgebaut. Das ist, mit 14,2 Prozent, jede siebte. Im gleichen Zeitraum habe man die Zahl der Klinikärzte um rund 26 Prozent erhöht. Und von den 3,8 Milliarden Euro, um die sich die Personalkosten zwischen 2002 und 2008 erhöhten, landeten 2,9 Milliarden bei den Medizinern. Bei den Pflegekräften dagegen gab es ein Minus von 50 Millionen Euro.

Er könne diese Entkopplung nicht verstehen, sagt Isfort. Patientenversorgung funktioniere nur im Team. Ein Fußballtrainer komme auch nicht auf die Idee, fünf neue Stürmer aufzustellen und dafür die Verteidigung aufzugeben. Zwar sei der Stellenabbau offenbar gestoppt. Doch die Folgen zeigten sich jetzt erst in aller Schärfe. Und das unter der Vorgängerregierung gestartete Sonderprogramm mit 17 000 neuen Pflegestellen zeige noch keine Wirkung.

Kurzfristig sei der riskante Mangel ohnehin kaum zu beheben, meint der Experte. Der Arbeitsmarkt sei "leer gefegt", gleichzeitig werde zu wenig ausgebildet. Und die vorhandenen Kräfte suchten vorzeitig nach dem Absprung oder seien bemüht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. In der Umfrage äußerte jede vierte diese Absicht. Und nur die Hälfte geht davon aus, bis zum Rentenalter im Job zu bleiben. Das demografische Problem werde sich noch verschärfen, warnt Isfort, denn der Stellenabbau habe vor allem die unter 35-Jährigen betroffen. "Die Krankenhauspflege altert schneller als die Altenpflege und die Gesamtbevölkerung."

Die Kliniken reagierten auf ihre Pflegekrise bislang mit "erschreckender Tatenlosigkeit", kritisiert der Wissenschaftler. Dabei herrsche "Handlungsbedarf auf allen Ebenen". Isforts dringende Empfehlung: ein Kraftakt aller Beteiligten, um "in einer konzertierten Aktion den sich abzeichnenden Kollaps zu vermeiden".

Artikel erschienen im Tagesspiegelvom 20. Mai

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Leserkommentare
    • creezy
    • 20. Mai 2010 10:04 Uhr

    Wen wundert es? Pflegekräfte werden in Deutschland doch im Image-Stellenwert knapp vor den öffentlichen Damen sortiert. Wer nichts wird, wird eben Pflegekraft. Das man sich nun endlich mal in der Debatte im Alten-Pflegebereich wenigstens einem Mindestlohn nähert, wundert mehr als das es erleichtern kann, guckt man mal auf die andere Seite der Rechnung und erfährt man, was Pflege eigentlich kostet. Wo bleibt das Geld wohl hängen? Pflege in Deutschland ist unheimlich teuer. Nur die, die sie tatsächlich am Kranken, Alten, Pflegefall ausüben, gehören zu denen, die sich Pflege im Alter selber nicht für sich leisten können werden.

    Teilweise sind allerdings die Pflegekräfte selber schuld. Es gibt kaum ein Land auf der Welt, wo Pflegepersonal ein so schlechtes Image hat – Krankenschwestern, deren Ausbildung hochwertig und deren Arbeitsalltag enorm fordernd ist, als so minderwertig in ihrer Kompetenz geachtet werden vom Volk.

    Und dieses Volk ist schuld. Es lässt sich Jahrzehnten dumm einlullen von allen, die es einlullen wollen, weil sie an deren Geld wollen mit möglichst wenig Aufwand. Wir könnten eines der besten Gesundheitssysteme haben, haben es aber längst nicht mehr – die Hygienezustände (die Niederlande sehen uns hier mittlerweile auf dem Standard eines Drittweltlandes) sind nicht mehr haltbar.

    Und der deutsche Patient wird künftig von der ihn – noch billigeren – Pflegenden nicht verstanden, weil sie seine Sprache nicht beherrscht. Fatal!

    • nitric
    • 20. Mai 2010 10:54 Uhr

    Vor allem in großen Häusern ist es gang und gebe den Personalmangel mit Pflegekräften aus Zeitarbeitsfirmen auszugleichen. Oftmals sind diese aber weniger qualifiziert und vor allem nicht richtig, bzw. garnicht eingearbeitet, als hauseigenes Personal. Da wundert es doch keinen, wenn die Qualität der Pflege und die Patientensicherheit zu wünschen übrig lässt...

  1. Es wird immer am falschen Ende gespart. In meiner Region z. B. werden die Krankenhäuser ganz enorm um- und ausgebaut (es entzieht sich meiner Kenntnis, ob das in diesem Ausmaß wirklich nötig ist). An den Ärzten und am Personal aber wird gespart. Weniger Leute müssen immer mehr arbeiten. Daß Medikamente vertauscht werden habe ich selbst schon erlebt.

    Durch die mangelnde Hygiene (sehr enge bemessene Zeitvorgabe für die Reinigungskräfte) und falsche Sparmaßnahmen z.B. beim Wiederverwerten von Einmal-OP-Besteck schwirren diverse Bakterien durch die Kliniken. Selten wird davon berichtet, es schadet ja dem Image. Aber Patienten, die durch schwere Krankheiten und OPs sehr geschwächt sind, können daran sterben. Mir sind persönlich
    4 Fälle bekannt, bei denen sich Bakterien nach der OP in der Wunde bildeten und die Leute daran starben. Diese Fälle haben sich in den letzten 3 Jahren ereignet. Doch so etwas wird totgeschwiegen.
    Anstatt bei der aufgeblähten Verwaltung wird an Ärzten und Personal gespart, also am Eigentlichen. Und daß ist nicht nur in Krankenhäusern so. Daran krankt unser ganzes System.

  2. Toller Artikel! Um dem demografisch bedingten Rückgang der Erwerbsbevölkerung entgegenzuwirken, sind mehrere Lösungsansätze denkbar: Der frühere Eintritt in das Erwerbsleben, der spätere Austritt aus der Erwerbsphase, eine Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit sowie der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
  • Schlagworte Arbeitsmarkt | Arbeitszeit | Euro | Freizeit | Fußballtrainer | Hygiene
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