Sich als aktiver Christ zu bekennen, gehört für einen CDU-Politiker zum guten Ton. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, der ins Schloss Bellevue einziehen will, bewegt sich mit seinem Engagement für christlich-evangelikale Kreise allerdings in durchaus fragwürdigen Kreisen.

Seit 2005 sitzt Wulff im Kuratorium von Pro Christ, einer theologisch erzkonservativen Bewegung, deren Ziel die "Bekehrung von Menschen zum Glauben an Jesus Christus" ist. Die Gruppierung organisiert mehrtägige missionarische Großveranstaltungen, die über Satellit in viele Städte übertragen werden. Charismatische Führungsfigur ist Ulrich Parzany, früher Pfarrer der rheinischen Landeskirche. Kenner der evangelikalen Szene rechnen Pro Christ dem gemäßigten Spektrum zu. Aber auch hier wird ein rigides Familienbild propagiert. Was nicht ins Bild passt wie etwa Scheidung, Abtreibung, Homosexualität, wird diffamiert. Christian Wulff ist geschieden.

Parzany wendet sich gegen "praktizierte Homosexualität" und ist wie viele evangelikale Christen der Meinung, Homosexualität sei heilbar. "Selbstverständlich gibt es Fachleute, die die Möglichkeit sehen, dass Menschen ihre homosexuelle Neigung verändern und dass da Hilfe möglich ist", sagte er in einem Gespräch mit dem Grünen-Politiker Volker Beck.

Auf der Internetseite von Pro Christ finden sich Äußerungen, die den Eindruck erwecken, man unterstütze die Ideologie der Kreationisten. "In der Schule lernen wir, dass nicht Gott, sondern Zufall der Ursprung war. Die Bibel dagegen sagt eindeutig: Gott ist der Anfang aller Dinge. Ohne Gott gäbe es gar nichts", steht dort. Während die Amtskirchen immer weniger Mitglieder zählen, wachsen die evangelikalen Freikirchen. Mehr als 1,3 Millionen Gläubige gehören in Deutschland dieser Richtung an. Von diesem Trend möchten auch die evangelischen Landeskirchen profitieren. Dies war vermutlich auch der Grund, weshalb der frühere Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, Pro Christ hofiert und ebenfalls im Kuratorium der Bewegung sitzt. Diese Tatsache habe den Ausschlag gegeben, dass Wulff sich für die Mitarbeit im Kuratorium entschieden habe, teilte die niedersächsische Staatskanzlei mit.

"Die Religionsauffassung und die gesellschaftspolitischen Positionen von Pro Christ passen nicht zur Rolle eines Präsidenten in einem säkularen Staat", sagte die Vorsitzende der Linksfraktion im niedersächsischen Landtag, Kreszentia Flauger, und forderte Wulff auf, sich aus Pro Christ zurückzuziehen, bevor die Bundesversammlung kommende Woche zusammentritt. "Wer dieses Amt bekleidet, darf keine Hetze gegen Schwule unterstützen, oder gegen Frauen, die abgetrieben haben." "Die Frage, ob sich Wulff von Pro Christ zurückzieht, stellt sich im Moment nicht", sagte ein Sprecher der Staatskanzlei. Falls Wulff zum Bundespräsidenten gewählt würde, kämen aber alle Mitgliedschaften auf den Prüfstand.

Für noch bedenklicher halten Kritiker Wulffs Engagement beim "Arbeitskreis Christlicher Publizisten" (ACP). 2004 hatte er dem Verein ein Grußwort geschickt, im Mai dieses Jahres hielt er dort den Vortrag "Politik aus christlichem Geist in der modernen Welt". Der Gruppierung mit Sitz in der Nähe von Kassel werden extrem rechte Sichtweisen vorgeworfen. Die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche rät zur Distanz: Der Name ACP sei irreführend, seriöse Publizisten seien dort nicht vertreten.

Hans-Jörg Hemminger, Sektenbeauftragter der evangelischen Landeskirche Württemberg, bezeichnete den 1972 gegründeten ACP als "Splittergruppe am äußersten rechten Rand des Protestantismus". Sie unterhalte Kontakt mit rechten Sekten und biete ultrarechten bis rechtsextremen Parteien ein Forum. Die Zeitschrift des ACP sei ein "Schmutzblatt erster Güte". "Mit dem ACP sollten seriöse Politiker nichts zu tun haben", sagte Hemminger. Dass Wulff dort auftritt, sei "politisch bedenklich".

Wulffs Engagement für den ACP ist kein Versehen. Wulff sei die weltanschauliche Ausrichtung des ACP bekannt gewesen, sagte Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) in einer Landtagsdebatte. "Wulff hatte Gelegenheit, die Ernennung von Aygül Özkan zu erläutern und in der Kruzifixdebatte die Maßstäbe zurechtzurücken." Auch Ernst Albrecht, Wulffs Vorgänger im Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten, suchte die Nähe rechtskonservativer Kreise. Bei der ACP-Tagung im Mai wurde Albrecht geehrt, wie früher dort auch schon Hans Filbinger und Theodor Oberländer.

(Aus dem gedruckten Tagesspiegel vom 25. Juni 2010)