Der portugiesische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger José Saramago im November 2008 © Mauricio Lima/AFP/Getty Images

Als José Saramago vor zwei Jahren nach längerer, schwerer Krankheit der spanischen Zeitung El Pais ein Interview gab, antwortete er auf die Frage nach seiner Einstellung zum Tod: "Meine Ruhe und meine Gelassenheit haben mir geholfen, den Tod als etwas ganz Natürliches zu betrachten, gegen den man sich allerdings wehren sollte. Man darf nicht resignieren und die Tatsache des Sterbens einfach akzeptieren."

So wie mit dem Sterben und dem Tod hat es der portugiesische Schriftsteller José Saramago mit vielen anderen Dingen in seinem Leben gehalten: kämpfen, Widerstand leisten, sich einmischen. Das sorgte erst vor Kurzem noch für Irritationen, als Saramago in seinem Internetblog nicht nur scharfe Kritik am globalisierten Kapitalismus, an Politikern wie dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi oder Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy oder auch am Papst übte, sondern in vielen Notaten auch die israelische Besetzungspolitik geißelte – und die israelische Armee mit der deutschen Wehrmacht verglich.

Das trug ihm wie schon 2002, als er in palästinensischen Flüchtlingslagern den "Geist von Auschwitz" entdeckte, Antisemitismusvorwürfe ein, hielt ihn aber nicht davon ab, auf den Einträgen auch im Fall einer Buchveröffentlichung zu bestehen. In Deutschland führte dieser Streit dazu, dass Saramago mit seinem Werk noch einmal den Verlag und von Rowohlt zu Hoffmann und Campe wechselte. Doch passt selbst diese Unbeugsamkeit, die sicher einem gewissen Altersstarrsinn geschuldet war, zu einem Schriftsteller, der mit 25 zwar sein erstes Buch schrieb, aber erst Mitte der siebziger Jahre wieder mit dem literarischen Schreiben begann. Geboren 1922 als Sohn eines Landarbeiters in einem Dorf in der portugiesischen Provinz Ribatejo, wuchs Saramago in Lissabon auf, wo er zum Maschinenschlosser ausgebildet wurde; den Besuch eines Gymnasiums konnten ihm seine Eltern nicht lange finanzieren. Von früh bis spät aber las er sich durch die Bibliotheken Lissabons, und das journalistische Schreiben und das Prosaschreiben brachte er sich selbst bei. Saramago schlug sich als Büroangestellter und mit Artikeln für portugiesische Zeitungen und Magazine durch, in denen er die lang dauernde Diktatur Salazars stets anprangerte. 1969 trat er der KP Portugals bei – bis ins hohe Alter und erst recht nach dem Zusammenbruch des Ostblocks bezeichnete er sich als Kommunist – und nach der sogenannten Nelkenrevolution 1974 arbeitete er im Ministerium für Kommunikation. Erst 1980 schaffte er als Schriftsteller seinen Durchbruch, mit dem Roman Hoffnung im Alentejo, einer bäuerlichen Familien- und Revolutionschronik.

Es folgten weitere Romane, politische Ideenromane, historische Romane und Romane, in denen Saramago mit dem religiösen Glauben jedweder Couleur abrechnet. Leidenschaftlich schlägt er sich in vielen seiner Bücher auf die Seite der kleinen Leute; zum anderen setzt er sich darin immer wieder mit der portugiesischen Nationalgeschichte auseinander. So etwa in seinem berühmten Meisterwerk von 1982, Das Memorial, in dem er die Geschichte eines monumentalen Klosterbaus im 18. Jahrhundert erzählt, bei dem zweitausend Bauarbeiter ums Leben kamen. Ein Jahr nach der Veröffentlichung seiner apokalyptischen Parabel Die Stadt der Blinden erhielt Saramago 1998 den Literaturnobelpreis – verdientermaßen, aber auch zur Überraschung vieler, die seinen Landsmann António Lobo Antunes für den größeren Dichter halten. Saramago focht das nicht weiter an, sondern er verwies nur auf seine Biografie. Ihm sei es nicht gerade in die Wiege gelegt worden, diesen Preis zu erhalten.

In seiner Nobelpreisrede verbeugte er sich vor allem vor seinem Großvater, der weder lesen noch schreiben konnte, aber der weiseste Mensch war, dem er je begegnet sei. Die Hoffnung auf mehr Weisheit, auf einen neuen, besseren Menschen, die hat Saramago sich bis ins hohe Alter bewahrt – wiewohl ein Wort wie Utopie bei ihm zuletzt nur noch auf dem Index stand. Am Freitagmittag ist José Saramago in seinem Haus auf Lanzarote gestorben.

(Erschienen im Tagesspiegel)