Gesundheitsreform "Bis 2014 ist alles finanziert"

Der FDP-Gesundheitspolitiker Daniel Bahr verteidigt die höheren Zusatzbeiträge. Und erklärt im Interview, weshalb sie ein Einstieg in die Gesundheitsprämie sind.

Frage: Herr Bahr, wochenlang hat es heftigen Streit um die Gesundheitspolitik gegeben. Jetzt hat sich Schwarz-Gelb fürs Erste geeinigt. Wie ist es Ihnen gelungen, die CSU zum Gesundheitskompromiss zu bewegen?

Daniel Bahr: Es war der Wunsch aller, bei der teilweise zähen Reformdiskussion eine Lösung zu finden. Die Probleme, die wir im Gesundheitswesen haben, lassen sich ja nicht weiter aufschieben. Wir brauchten eine Lösung für das Elf-Milliarden-Defizit im nächsten Jahr. Und wir brauchten ein tragfähiges Konzept, mindestens für die gesamte Legislaturperiode. Beides haben wir gefunden.

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Frage: Aber erst nach langer Hängepartie...

Bahr: Das Ergebnis zählt, und das ist ein Kompromiss, in dem sich jeder wiederfinden kann. Die Lasten für das aktuelle Defizit werden fair verteilt. Und es gibt eine Zukunftsperspektive für eine stabilere und gerechtere Finanzierung. Der sozial ausgeglichene Zusatzbeitrag entkoppelt die Gesundheitskosten von den Lohnkosten. Und er macht die Finanzierung des Systems unabhängiger vom Arbeitsmarkt.

Frage: Reicht Ihnen das denn: Die Zusatzbeiträge zur Zusatzprämie umzutaufen und auf echte Gesundheitsprämien zu verzichten?

Bahr: Klar, als FDP wären wir gerne schneller zu einem größeren Prämienanteil gekommen. Aber man muss sehen, was durchsetzbar ist. Entscheidend ist, dass uns der Einstieg gelungen ist. Wir beginnen mit einem Zusatzbeitrag, der sozial ausgeglichen wird. Für die Kassen ist es dadurch nicht mehr von Nachteil, viele Geringverdiener zu haben. Und die Versicherten erhalten ein Preissignal, sie können Beitrag und Leistung genau vergleichen.

Geringverdiener

Viele Geringverdiener werden in den kommenden Jahren – gemessen am Einkommen – stärker belastet als die Bezieher von mittleren und höheren Einkommen. Das liegt an der steigenden Bedeutung der Zusatzbeiträge. Die Krankenkassen dürfen diese künftig in jeder Höhe und als Pauschalbeitrag erheben. Alle Versicherten zahlen damit erstmal den gleichen Betrag – unabhängig davon, wie hoch ihr Einkommen ist. Die Regierung plant zwar einen Sozialausgleich über das Steuersystem. Dieser greift aber nur bei sehr geringen Einkommen. Ein Rechenbeispiel: Verdient jemand 1000 Euro im Monat, bekommt er erst dann Hilfe vom Staat, wenn der vom Bundesversicherungsamt errechnete durchschnittliche Zusatzbeitrag mehr als 20 Euro im Monat beträgt. Liegt der Zusatzbeitrag darunter – also etwa bei 10 Euro – muss den Zusatzbeitrag in voller Höhe selbst zahlen. Im Jahr macht das in diesem Fall 120 Euro.

Rentner

Auch Rentner werden im Prinzip härter getroffen als mancher Arbeitnehmer, weil ihre Bezüge in diesem und kommenden Jahr nicht steigen. Allerdings führt die Reform zu absurden Situationen: Der 800-Euro-Rentner zum Beispiel bekommt erst ab einer Zusatzprämie von 16 Euro Hilfe vom Staat. Davor muss er die Zusatzbeiträge selbst zahlen – insgesamt bis zu 220 Euro mehr im Jahr. Wer hingegen eine kleine Rente bezieht, dafür aber von hohen Kapitalerträgen im Alter lebt, bekommt Hilfe vom Staat.

Familien

Für Familien ändert sich erst mal nicht viel. Die Kinder und Ehegatten sind weiterhin mitversichert. Allerdings gilt auch hier: Familien mit geringem Einkommen zahlen genauso viel an Zusatzbeiträgen wie Familien mit hohem Einkommen – sofern der durchschnittliche Zusatzbeitrag zwei Prozent des Bruttoeinkommens nicht übersteigt.

Hartz-IV-Empfänger

Noch weiß die Regierung selbst nicht, was mit den Hartz-IV-Empfängern im neuen System geschieht. Bislang übernimmt die Bundesagentur für Arbeit die Versicherungsbeiträge der Empfänger von Arbeitslosengeld II. Die Zusatzbeiträge, die einige Kassen schon jetzt erheben, müssen die Arbeitslosen aber in der Regel selbst zahlen. Deshalb sind zuletzt viele Arbeitslose in solche Kassen gewechselt, die noch keine Zusatzbeiträge erheben. Steigen die Zusatzbeiträge aber künftig auf breiter Front, wird das nicht mehr möglich sein. Die Regierung müsste dann auch den Arbeitslosen mit Steuergeld helfen. Das aber wird schwer, weil der Sozialausgleich über den Arbeitgeber abgewickelt werden soll. Eine Antwort, wie das System auch für Hartz-IV-Empfänger funktionieren soll, ist die Regierung noch schuldig.

Frage: Was ist gerecht daran, alle Kostensteigerungen den Versicherten aufzubürden? 

Bahr: Sie werden sie nicht alleine tragen, es gibt ja Steuerzuschüsse. Aber es ist nötig, dass die steigenden Kosten durch die demografische Entwicklung und medizinischen Fortschritt von den Löhnen entkoppelt werden, damit es die Arbeitsplätze nicht belastet. Alle müssen daran fair beteiligt werden, jeder nach seiner Leistungsfähigkeit. Starke Schultern müssen mehr tragen als schwache. Das gewährleistet das neue System viel besser als die heutige Krankenversicherung.

Frage: Sie wollen Rentner und Geringverdiener mit doppelt so hohen Zusatzbeiträgen wie bisher belasten? Was ist daran fair?

Bahr: Das stimmt nicht. Im Gegensatz zu den heutigen Zusatzbeiträgen erhalten alle künftig einen Sozialausgleich, sodass die zusätzliche Belastung nicht mehr als zwei Prozent des Einkommens ausmacht. Durch die Beitragserhöhung haben wir eine stabile Finanzierung fürs nächste Jahr. Der Zuschuss aus Steuern ist auch noch mal gestiegen. Um eins aber kommen wir nicht herum: Dass Gesundheit teurer wird. Zum Nulltarif gibt es keine Spitzenmedizin. Und gerade für Rentner und Geringverdiener ist es wichtig, Zugang zu einem leistungsfähigen Gesundheitssystem zu haben.

Frage: Wie seriös ist denn die Festlegung, dass für den Sozialausgleich keine Steuern erhöht werden müssen?

Bahr: Bis 2014 ist auf jeden Fall alles finanziert. Danach müssen die Zuschüsse nur moderat steigen. Aber das nimmt die Politik nicht aus der Pflicht, weiter auf die Kosten zu achten. Wir haben ja noch viele Effizienzreserven, etwa im Zusammenspiel von stationärer und ambulanter Versorgung. Außerdem braucht es mehr Anreize für gesundheitsbewusstes Verhalten.

Frage: Warum soll in vier Jahren klappen, was jetzt nicht klappt – dass der Finanzminister mehr Geld herausrückt?

Bahr: Wir liegen ja jetzt schon bei 15 Milliarden Steuerzuschuss, vor einigen Jahren hätte uns das noch keiner zugetraut. Aber wir kommen in einer alternden Bevölkerung auch nicht darum herum, dem Gesundheitssystem Steuermittel zur Verfügung zu stellen – wenn wir das bisherige Leistungsniveau halten wollen. Außerdem ist das Gesundheitswesen der größte Arbeitgeber in Deutschland, hier entstehen die Jobs der Zukunft. Es lohnt sich, in Gesundheit zu investieren. 

Leser-Kommentare
  1. In einer parlamentarischen Demokratie, deren Vertreter sich leider viel zu oft nach dem Medien-Mainstream richten (müssen?), ist Politik die Kunst, auch Minimalkompromisse zu nutzen, um Rückschritt oder Stillstand zu überwinden. So gesehen ist den Liberalen Rösler, Bahr und Kapferer ein kleines Kunststück gelungen.
    Ein Gesamtkunstwerk kann die deutsche Gesundheitspolitik frühestens werden, wenn Horst Seehofer seine zynische und bockige Blockadehaltung endlich beendet. Der vor allem in sich selbst verliebte "heute-so-morgen-so"-Vorsitzende verantwortet katastrophale CSU-Wahlschlappen. Das würde die Wenigsten stören, wenn es nicht gleichzeitig das seit Jahren mafiöse und vor allem sozial ungerechte Zwei-Klassen-Gesundheitssystem zementieren würde, statt es fair, stabil, zukunftssicher und effizient für alle zu machen.

  2. Im Jahr 2008 lagen die Gesamtkosten dieses Systems bei gut 263 Milliarden(!) Euro. Schaue ich mir die paar Hundert Milliönchen an, die hier "gespart" werden sollen, zeigt sich doch, welche Verar***ung hier mal wieder getrieben wird. Jeder kann ( und soll ) sich bei diesem System bedienen, es wird ja brav gezahlt. Solange keine echte Reform betrieben wird, wird das ganze eben teurer.

    Nur schade, dass die "Fragen" so brav waren, sie hätten eigentlich gar nicht gestellt werden müssen.

    Wieder eine Chance verpasst, liebe ZEIT.

  3. keiner mehr dran, was heute geredet wird.

    Das Ignorieren von Realitäten gehört sicherlich nicht zu den ausgeprgten Eigenschaften eines Politikers. Einer mehr, der von uns allen einen schönen Lebensabend vor sich hat. ( Und dazu beileibe nicht getan hat )

    • jwenz
    • 08.07.2010 um 14:10 Uhr

    einfach die Diät auf "ganz wenig" zusammenstreichen, vergünstigungen abschaffen, pensionen streichen. Von dem "ganz wenigen" muss alles bezahlt werden - Rente, Gesundheit, etc. Dann gehts dem politischen Personal wie den meisten Deutschen. Das wäre gut und wir hätten (bei eintsprechenden Bonis für wirklich gute Leistungen) menschen, denen die Arbeit am herzen liegt, nicht Macht und Bekanntheit.

  4. ""Bis 2014 ist alles finanziert""

    Hat man das nicht auch schon bei der "Praxsis-Gebühr" gefaselt? Und was war? Bzw. Was ist? Sind die Beiträge etwa gestiegen? Nööööö! Nieeeemals!!!

    "Diesen Leuten die Diäten einfach auf "ganz wenig" zusammensteichen" wäre ne Idee, und dann müssten sie auch noch wie jeder andere Bürger behandelt werden.

    *Mir bricht das Herz* ;)

  5. Danke an die deutsche Nati, dass sie uns einen weiteren Flug von Merkel und den Mövenpickern für mehrere hundertausend € und die widerliche Anbiederei von Mutti erspart hat!!!;-) Nun wird sich allerdings wieder fleissig bei den 'einfachen' Fans weiterbedient.

    Schön wenigstens, dass vor lauter Besoffenheit, (Medien-)Überhypung und Medienüberhöhung (Hysterie, 'nationale Party-Pflicht') wieder deutlich kritischer und unverstellter und vor allem zeitnah hingeschaut werden wird, was die amtierende zynische Politikerkaste aktuell wieder zusammenraubt, um sich und Ihresgleihen zu verschonen bzw. weiter zu bedienen.

    Was für ein Glück, dass Mutti sich nicht völlig unverdiente WM-Ehren einheimst und dass die Medien hier keine Möglichkeiten haben, die Realität verklärende Umarmungen und Lorbeeren zu inszenieren.

    Diese Niedertracht von scham- und skrupellos ausbeutender Politik, Jungschnöseln und Zockerwirtschaft muss bloss gestellt und in die Wüste geschickt werden - TINA !

  6. D hat das zweitteuerste Gesundheitssystem der Erde (nach den USA). Die Medikamente kosten im Schnitt doppelt so viel wie im Ausland. In den Kliniken, insbesondere Unikliniken hat sich ein Sklavenhaltersystem etabliert, welches Speichellecker und Duckmäuser unter den Ärzten fördert. Das Abrechnungssystem der Ärzte und Zahnärzte begünstigt die Massenabfertigung, Masse statt Klasse. Es ist so kompliziert und intransparent, dass nur die professionell beteiligten Personen durchblicken. Es gibt viele Kassen und Kassenvorstände. Letztere lassen sich teilweise fürstlich bezahlen.
    Das Ganze hat herzlich wenig mit Gesundheit zu tun. Es dient der Allgemeinheit nicht. Es fördert keine Eigenverantwortung. Das System ist krank. Die meisten Beteiligten wissen es und tun trotzdem nichts dagegen. Es ist ein Geldverschiebebahnhof mit relativ sicheren Einnahmen. Ähnlich wie beim Investmentbanking. Da schieben sich die Leute auch unbehelligt das Geld gegenseitig zu.
    Wer dieses System aufrecht erhält und/oder fördert, ist in meinen Augen korrupt oder kriminell. Dazu gehören die meisten Politiker, die sich damit beschäftigen einschließlich des Interviewten.
    Es wird Zeit, dass sich etwas sehr Grundsätzliches ändert.
    Im günstigsten Fall wäre der Politik Totalversagen vorzuwerfen. Im ungünstigsten Fall, eine kriminelle Vereinigung gebildet oder geduldet zu haben.

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    • Hickey
    • 08.07.2010 um 15:43 Uhr

    Verweigern scheint die einzige Alternative.

    Werd mich ma über einen KV im Ausland schlau machen....

    • Hickey
    • 08.07.2010 um 15:43 Uhr

    Verweigern scheint die einzige Alternative.

    Werd mich ma über einen KV im Ausland schlau machen....

  7. Steigende Kosten ... ???
    Nämlich die Preisgestaltung.
    Wieso kostet z.B. Aspirin in Griechenland nur etwa ein Drittel?
    Wieso kosten z.B. Bayer-Produkte in den USA nur etwa 60% des deutschen Preises?
    Wieso vertreiben deutsche Pharma-Unternehmen einige Produkte im Ausland unter anderem Namen zu Dumping-Preisen?

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    Danke. Warum geht's weder in Debatten, noch Gesetzen, noch Artikeln um die Ausgabenseite?

    Lobbyistentum darf weitermachen wie gehabt. Und die ZEIT lässt Hr. Bahr mit einer Antwort mit Apotheker-Rabatten durchkommen.

    Die deutschen Ärzte verdienen im internationalen Durchschnitt schlecht. Aber die Pharmaindustrie drückt hierzulande die höchsten Preise durch und beutet das System aus. Es hinkt.

    Und niemand wehrt sich........

    Danke. Warum geht's weder in Debatten, noch Gesetzen, noch Artikeln um die Ausgabenseite?

    Lobbyistentum darf weitermachen wie gehabt. Und die ZEIT lässt Hr. Bahr mit einer Antwort mit Apotheker-Rabatten durchkommen.

    Die deutschen Ärzte verdienen im internationalen Durchschnitt schlecht. Aber die Pharmaindustrie drückt hierzulande die höchsten Preise durch und beutet das System aus. Es hinkt.

    Und niemand wehrt sich........

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