Mordprozess Das Heldenbild Brunner wird unheimlichSeite 3/3

"Die Medien haben ihn auf diesen Sockel gestellt, auf einmal war er der ,Held von Solln’", sagt Harald Bardenhagen, ein Kuratoriumsmitglied der Brunner-Stiftung. Die ganze Überhöhung und Heroisierung ist ihm unheimlich. Sie von der Stiftung hätten das gar nicht gewollt und auch nicht befördert. Aber nun, da es so sei, wie soll man ihn vom Sockel holen, ohne dass der Name, dass die ganze Sache beschädigt wird? Deshalb habe man schon ein bisschen Sorge vor den Schlagzeilen aus Anlass des Prozesses.

Harald Bardenhagen ist als Einziger bereit zu reden. Er steht im Konferenzraum seiner weitläufigen Anwaltskanzlei und zeigt auf die Münchner Oper gegenüber. Bardenhagen, 58 Jahre alt, dunkelgrauer Anzug, goldene Manschettenknöpfe, ist ein Freund der klassischen Musik. Wenn er wie jetzt für die Brunner-Stiftung ein großes Benefizkonzert im Gasteig auf die Beine stellt, ruft er seine Freunde an, Dirigenten, Sänger, Festivalchefs, schon läuft das. Mit Uli Hoeneß im Kuratorium, mit Münchens Oberbürgermeister Christian Ude und anderen prominenten Unterstützern könne man richtig viel bewirken – und alles im Namen von Dominik Brunner. Den kannte er, weil er Erlus als Anwalt berät. Brunner sei ein "anständiger" Mensch gewesen, der in Verhandlungen darauf geachtet habe, dass auch die andere Seite das Gesicht wahren könne, bei einem Geschäft sei für ihn die Qualität des Produkts wichtig gewesen und nicht nur, wie viel Geld herausspringt. Ob Brunner Kickboxen trainiert habe, wisse er nicht, sagt Bardenhagen. "Und wenn, warum nicht?"

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Zenith-Halle München, bei "Steko’s Fight Night" geht es auf Mitternacht zu, jetzt kämpfen zwei Frauen gegeneinander. Sie haben zarte, schmale Gesichter, eine ist blond, die andere dunkelhaarig. Wie Bögen sind ihre Körper gespannt und bewegen sich doch geschmeidiger als die der Männer, vor und zurück, vor und zurück, und, zack, wieder klatscht ein Treffer mitten ins Gesicht. Bei einem Schlag knackt es leise in einem der Boxhandschuhe. Ein Auge ist dicker jetzt als vor 20 Minuten. Die Kämpferin schüttelt sich kurz, schnellt zum Gegenangriff nach vorne und knallt der Gegnerin eine Kombination aus Faustschlägen auf Kopf und Brust. Macht es den Helden zu einem, der mit schuld ist an seinem Tod, weil er solchen Kämpfen hier zugeschaut hat?

In einer Wettkampfpause erzählt Mladen Steko von seinem Sportclub in München. Bei ihm trainieren Studenten, Angestellte, Manager von BMW und Renault, Männer und Frauen. "Die meisten wollen beruflichen Stress abbauen", sagt Mladen Steko. Ja, auch Dominik Brunner habe ein paar Probestunden genommen, er sei aber Anfänger geblieben. "Vielleicht hat jemand, der schon mal eine Boxstunde genommen hat, ein anderes Auftreten", sagt Steko. "Vielleicht traut sich so jemand eher, den Mund aufzumachen, wenn Unrecht geschieht, weil er keine Angst hat, einen Schlag abzukriegen." Zu den Fight Nights sei Brunner vor allem deshalb gekommen, weil ein Mitarbeiter der Erlus AG Profi-Boxer ist und von der Firma gesponsert wird. Es gibt sogar Fotos, die Brunner, den Finanzier, mit Dominik Haselbeck nach einem Sieg zeigen.

Auch Haselbeck gehört zu den Personen aus Brunners Umfeld, die jetzt nicht mehr öffentlich über ihn sprechen wollen. Erlus sei das nicht recht, sagt er, und er sei auf die Unterstützung der Firma angewiesen.

Im Prozess gegen die beiden Jugendlichen wird die Verteidigung zeigen wollen, dass Dominik Brunner nicht der lupenreine Held war, zu dem er nach seinem Tod gemacht wurde. Vielleicht hat er sich überschätzt, vielleicht hätte er auf Hilfe warten sollen. Es lief nicht nach Plan. Oberbürgermeister Ude mahnte vor kurzem, man solle den Begriff Zivilcourage von seinem "heroischen Anspruch befreien", um mehr Menschen zu ermutigen, eben diese Zivilcourage zu zeigen. "Hätten sich noch ein paar mehr eingemischt, würde Brunner noch leben", mutmaßt Boxtrainer Mladen Steko.

Oben im Ring läutet der Ringrichter die letzte Runde ein. Nach zehn Minuten steht die Siegerin fest. "Doktor Christine Theiss", ruft der Ringrichter. Theiss ist 30 Jahre alt, Ärztin und amtierende Kickbox-Weltmeisterin. Für ihre sportlichen Leistungen und ihr soziales Engagement wurde sie mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet.

Erschienen im Tagesspiegel vom 12. Juli 2010

 
Leser-Kommentare
  1. Zu welcher Aussage will dieser Artikel den Leser hinführen? Traut sich die Verfasserin nicht, klar und deutlich zu formulieren, dass man ggf. einen boxsporttreibenden Nothelfer ermorden dürfe? Will sie eine (anscheinend durchaus brutale) Kampfsportveranstaltung mit einem Tötungsdelikt vergleichen? Insinuiert sie nur, dass Dominik Brunner Freude an körperlicher Gewalt gehabt habe - und wenn ja, was hätte dies mit der Straftat zu tun, derentwegen Anklage erhoben worden ist? Darf man keinen Nadelstreifenanzug tragen, wenn man Boxkämpfe anschaut und ein "eher mittelmäßiger" Jurist ist?

    Oder hat sie das alles dann doch nicht so gemeint? Wie aber dann? Es tut mir leid - beim Lesen stellt sich der Eindruck von Infamie ein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich möchte nicht polemisieren, aber wer wie Sie diese Schlussfolgerung zieht, der Artikel würde befürworten wollen, einen kampfbegeisterten zu erschlagen, der zieht meines erachtens den falschen Schluss oder besser gesagt, das sieht nach einem Kurz-schluss aus und genau darin liegt das Problem.
    Ich finde diesen Artikel sehr gut, vermeidet er es doch, diese Tat nur durch eine schwarz-weiß Schablone hindurch zu beurteilen. Allein deshalb kann man nicht um Umkehrschluss folgern, dass dieser Artikel ein Freibrief für den Abschuss von Kampfbegeisterten ist.

    treffender kann man es wohl kaum beschreiben .
    welche intention verfolgt dieser ( hirnlose und infame ) artikel ???
    es bleibt dem verfasser zu wünschen selbst in eine derartige situation zu geraten ,um sich dann zeitlupenartig gedanklich dieser verfassten worte nochmals bewusst zu werden und deren wert zu erkennen !!!

    ... dass wir unsere gesellschaftlichen Probleme, in diesem Fall totschlagende und verrohte Jugendliche, nicht mit Heroismus lösen.

    Wer empört etwas anderen hineininterpretieren mag, mache das. Dies ist schließlich ein freies Land. Aber der wundere sich dann bitte nicht, wenn seine Kommentare nicht ernst genommen werden können.

    ...aber man darf sehr wohl darauf hinweisen, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern auch Grau in vielen Abstufungen. Ob es darauf ankommt entscheidet - gottlob - das Gericht und nicht der Mob, dem schwarz und weiß genügt.

    Die Aussage des Artikels bleibt mir leider völlig verschlossen...

    Ich möchte nicht polemisieren, aber wer wie Sie diese Schlussfolgerung zieht, der Artikel würde befürworten wollen, einen kampfbegeisterten zu erschlagen, der zieht meines erachtens den falschen Schluss oder besser gesagt, das sieht nach einem Kurz-schluss aus und genau darin liegt das Problem.
    Ich finde diesen Artikel sehr gut, vermeidet er es doch, diese Tat nur durch eine schwarz-weiß Schablone hindurch zu beurteilen. Allein deshalb kann man nicht um Umkehrschluss folgern, dass dieser Artikel ein Freibrief für den Abschuss von Kampfbegeisterten ist.

    treffender kann man es wohl kaum beschreiben .
    welche intention verfolgt dieser ( hirnlose und infame ) artikel ???
    es bleibt dem verfasser zu wünschen selbst in eine derartige situation zu geraten ,um sich dann zeitlupenartig gedanklich dieser verfassten worte nochmals bewusst zu werden und deren wert zu erkennen !!!

    ... dass wir unsere gesellschaftlichen Probleme, in diesem Fall totschlagende und verrohte Jugendliche, nicht mit Heroismus lösen.

    Wer empört etwas anderen hineininterpretieren mag, mache das. Dies ist schließlich ein freies Land. Aber der wundere sich dann bitte nicht, wenn seine Kommentare nicht ernst genommen werden können.

    ...aber man darf sehr wohl darauf hinweisen, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern auch Grau in vielen Abstufungen. Ob es darauf ankommt entscheidet - gottlob - das Gericht und nicht der Mob, dem schwarz und weiß genügt.

    Die Aussage des Artikels bleibt mir leider völlig verschlossen...

    • sammo
    • 12.07.2010 um 12:06 Uhr

    Ich bin auch kein lupenreiner Held, jeder hat seine Schattenseiten und Abgründe, ich weiß auch, dass ich mich in der einen oder anderen Situation nicht den gesellschaftlichen Regeln entsprechend verhalten habe, beispielsweise war ich auch schon mal auf einer Ponroseite und darf ich jetzt auch nicht mehr eingreifen, wenn irgendwo eine Prügelei ist? Wer darf das denn dann noch?

    Man könnte auch sagen: Wahrscheinlich greifen so wenig Leute ein bei Prügeleien, weil sie wissen, zuerst werden sie zum Helden und dann wird solange gestochert, bis die falsch ausgefüllte Steuererklärung von 1978 oder das Fahrverbot von 1879 in den Medien ausgeschlachtet wird. Das BILD sowas schreibt, ist klar, aber hier...? Das ist genau das, was wir brauchen, auf dem Weg zu mehr Zivilcourage....

  2. 4. Held?

    Welches Ziel verfolgt die Artikelverfasserin? Will sie Brunners Ruf ruinieren? Will sie unterstellen, Brunner habe aus lauter Lust zugeschlagen? Haben die beiden Mörder bloss "gehänselt", oder haben sie auf Opfer ihrer Gewalttat zugeschlagen, bevor Brunner sich eingemischt hat? Davon schreibt sie nichts, weil es wohl nichts von Belang zu berichten gibt, was diesbzüglich nicht bereits berichtet worden ist. Also tut sie so, als stecke hinter der Person Brunner ein "Geheimnis", eine dunkle Seite".
    [...]Sie ernennt Brunner erst zum "Helden", um ihm dann das von ihr selber zugedichtete Heldentum mit allerhand Geschwätz über Kickboxen wieder absprechen zu können. [...]

    Gekürzt. Wir nehmen uns Ihrer Kritik gern an. Wir bitten allerdings, sich auf Thema und Umsetzung des Artikels zu beschränken und auf persönliche Angriffe auf die Autorin weitgehend zu verzichten, die eine sachliche Diskussion nur behindern. Danke. Die Redaktion/cs

    • Atan
    • 12.07.2010 um 12:35 Uhr

    des Opfers zu einer Person mit letztlich fragwürdigem Charakter ist eine wichtige Taktik der Verteidigung im Strafprozess. Immerhin scheint lt. "Welt" hier die rennomierte und teure Kanzelei Bossi mit der Verteidigung beauftragt, d.h. ein Freispruch der Täter wäre ein echtes Geschäft. Daher ist es eine sehr sinnvolle Investition, den Charakter des Opfers vorher in der Presse zerstören zu lassen.
    Ob diese Taktik des Verteidigers wirklich klug ist, wird sich zeigen, manche zweifeln ja daran.
    http://www.welt.de/vermis...
    Die Moral von der Geschicht': bloss nicht einmischen, sonst hat man Ende noch als Toter Staranwälte und die Presse am Hals.

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