In 30 Jahren geht das Öl aus
Doch vierzig Jahre revolutionäres Pathos, Wüstensozialismus, den Gaddafi in seinem Werk "Das grüne Buch" propagierte, bürokratische Lähmung und systematische Faulheit lassen sich nicht schnell beseitigen. Bis das alles ausgeschwitzt ist, schätzt ein westlicher Geschäftsmann, "das dauert mindestens zwei Generationen".
Denn die alte Garde, erkennbar an ihren weißen Haarschöpfen und ihren Oden auf die ruhmreiche Weitsicht des "Bruders Führer", sitzt noch an vielen Schaltstellen. Mohammed Abdul Quasim al Zwai etwa, Präsident des libyschen Volkskongresses, ging bereits mit Gaddafi zur Schule. Und seinen zweistündigen Monolog beginnt er mit einem rosaroten Rückblick auf die Sowjetunion, wie er heute Seltenheitswert hat.
Der Reformer Shukri M. Ghanem hingegen wischt solche Rhetorik vom Tisch. Er war von 2003 bis 2006 Regierungschef und überwacht seither als Chef der National Oil Corporation den Export des schwarzen Goldes.
Libyens Sozialismus, "das hat eindeutig nicht funktioniert", poltert er und fordert, "die künstlichen Mauern" niederzureißen, "die die Menschen daran hindern, ihre ökonomischen Rechte auszuüben". Von politischen Rechten aber redet er nicht.
Auch im letzten Winkel des Landes ist heute via Satellitenfernsehen klar, dass andere Ölstaaten wie Kuwait, Katar oder Abu Dhabi viel weiter sind, manche fünfmal so reich. Libyen dagegen zieht jenseits von Öl- und Gasindustrie kaum ausländische Investoren an. Der Ausbau des privaten Sektors kommt nicht voran.
Der Tourismus dümpelt weiter bei 200.000 Gästen pro Jahr vor sich hin. Und das, obwohl Libyen gesegnet ist mit insgesamt 2000 Kilometern Strand sowie Weltkultur-Stätten wie Leptis Magna, Sabratha und der einzigartigen Lehmstadt Ghadames, wo Sophia Loren 1957 mit John Wayne den Abenteuerfilm "Legend of the Lost" drehte.
Wie eh und je nährt sich das Nationalbudget vom Öl. Fast jeder Erwachsene ist beim Staat angestellt – insgesamt eine Million Beamte. "Wir müssen runter von dieser Zahl, aber wohin mit all den Leuten?", fragt Abd al Hafid Mahmud al Zulaytini. Der Finanz- und Planungsminister, ein untersetzter Mann mit spitzbübischem Gesicht, will die Hälfte in den nächsten Jahren in teure Frührente schicken, weil der "Privatsektor, das zarte Pflänzchen" sie nicht aufnehmen kann.
Er gibt das viele Geld aus, was Ölminister Ghanem hereinholt. Und beide wissen, wie sehr die Zeit drängt. Libyens Reserven, obwohl die größten in Afrika, reichen maximal noch für 30 Jahre. Für einen so komplexen Wandel vom erstarrten Ölsozialismus zu einer selbsttragenden modernen Volkswirtschaft ist das keine lange Zeit. Die Jugendlichen von heute jedenfalls werden das Ende von Öl und Gas noch erleben.
Und so klingen al Zulaytinis Sätze am Schluss des Gesprächs wie eine dramatische Selbstbeschwörung. "Wir brauchen sehr gut ausgebildeten Nachwuchs, eine exzellente Infrastruktur und ein gutes Gesundheitswesen", sagt er. "Das ist das Ziel Nummer eins – sonst werden wir unseren Lebensstandard nicht halten können."
- Datum 01.09.2010 - 11:46 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Wenn man das Spektakel anschaut, das Gaddafi jüngst in Italien darbot mit islamischen Bekehrungs-Versuchen an Models, wenn man an das Theater mit der Schweiz denkt, nur weil sein missratener Sohn in die Fänge der Justiz geriet und keine Extrawurst gebraten kriegte, wenn man daran denkt, wie er sich an dem armen Schweizer Kaufmann rächte, den er unter dubiosen Umständen festhielt....
dann könnte man fast meinen, der gute Gaddafi sei ein wenig schizo!
Zwischendurch tut er dann mal wieder spektakulär Gutes, hilft mal bei der Befreiung von Geiseln, verbietet aber seinem Volk die freie Rede und den Kontakt zu Ausländern, ja das past alles gut ins Bild!
Sehr unberechenbar, der Herr Gaddafi! Träumt nur weiter vom Tourismus - ich würde da nicht Urlaub machen und auch nicht arbeiten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren