FDP "Wir müssen den Herbst nutzen"
Christian Lindner ist weit beliebter als der Parteichef. Im Interview spricht der FDP-Generalsekretär über die Koalition und die Restlaufzeit von Guido Westerwelle.
© Sean Gallup/Getty Images

FDP-Generalsekretär Christian Lindner (l.) mit Parteichef Guido Westerwelle
Frage: Herr Lindner, haben Sie manchmal Mitleid mit Guido Westerwelle?
Christian Lindner: Nein, er braucht kein Mitleid. Die FDP ist in einer schwierigen Phase. Wir hätten nach der Bundestagswahl mehr Demut und Übersicht zeigen müssen. Wir wollten aber unbedingt unsere Zusagen einhalten, dabei haben wir eine Veränderung der Stimmungslage übersehen. Nun ist ein Schaden entstanden. Es braucht Zeit, ihn zu beheben. Aber wir wollen die Bürger durch gute Sacharbeit wieder von uns überzeugen.
Frage: Warum machen die Wähler vor allem Westerwelle für den Mangel an Demut und Übersicht verantwortlich?
Lindner: Eine Partei wird vorwiegend mit ihrem Vorsitzenden identifiziert und umgekehrt. Alle wesentlichen Entscheidungen haben wir aber gemeinsam in den Gremien getroffen.
Frage: Wird Guido Westerwelle ungerecht behandelt, wenn nun so vieles bei ihm abgeladen wird?
Lindner: Alle Entscheidungen wurden von Parteitagen, Bundesvorstand oder der Bundestagsfraktion getroffen. Jetzt schauen wir nach vorn. Wir werden den Herbst nutzen, um über Themen und konkrete Entscheidungen zweierlei deutlich zu machen. Erstens: Wir sind für faire Regeln und nicht für punktuelle Staatseingriffe, wo es Politikern populär erscheint. Rainer Brüderle hat ja bei Opel gezeigt, dass die FDP die Partei der Ordnungspolitik ist.
Zweitens: Es macht einen Unterschied, dass die FDP an der Regierung beteiligt ist. Nach elf Jahren Schwarz- Rot-Grün hat erst Sabine Leutheusser- Schnarrenberger einen Richtungswechsel bei den Bürgerrechten eingeleitet. Seit unserem Regierungseintritt gab es keine Verschärfung von Sicherheitsgesetzen mehr.
Frage: Besteht der größte Unterschied zwischen Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb nicht darin, dass bis 2009 einigermaßen routiniert regiert wurde, während heute das Chaos herrscht?
Lindner: Das ist mir zu einfach. Es ist nicht allein entscheidend, was in den Zeitungen steht, sondern was im Bundesgesetzblatt für die Menschen geregelt wird. Alle wirtschaftlichen Indikatoren zeigen nach oben. Wir stehen nach der Krise besser da als die meisten anderen europäischen Länder. Die jetzt von der SPD geplanten Steuererhöhungen zulasten des Mittelstands würden diesen Aufschwung zunichte machen.
Frage: Für die FDP und ihren Chef lohnt sich die Regierungsbeteiligung nicht. In den Umfragen ist Ihre Partei auf fünf Prozent zurückgefallen. Schließen Sie aus, dass Westerwelle den Parteivorsitz im Lauf der Legislaturperiode niederlegt?
Lindner: Wir würden unsere Gestaltungsmöglichkeiten in der Koalition erheblich reduzieren, wenn der Vizekanzler nicht zugleich auch Parteivorsitzender wäre. Die FDP war unter Guido Westerwelle erfolgreich und das wird sie auch wieder werden.
Frage: Als Westerwelle kürzlich mit Blick auf den Wirtschaftsaufschwung Steuerentlastungen gefordert hat, erklärte die Kanzlerin: Kommt nicht infrage. Besonders groß scheint die Durchschlagskraft Ihres Vorsitzenden nicht mehr zu sein.
Lindner: Wolfgang Schäuble hat am Freitag fast dasselbe wie Guido Westerwelle gesagt. Unsere Position ist klar: Wir wollen zuerst raus aus den Schulden. Das ist die Lehre aus der Euro-Krise. Und wir werden schon zum kommenden Jahr die Steuererklärung für jeden spürbar vereinfachen. Dazu wird es mehr Pauschalregelungen geben. Bestimmte Daten kann das Finanzamt selbst suchen und eintragen.
Und warum sollte jeder Steuerzahler nicht auf Wunsch für zwei Jahre auf einmal eine Erklärung abgeben können? Mittelfristig wollen wir dann die Bürger an den Sparerfolgen unserer Politik beteiligen. Durch Haushaltsdisziplin erarbeiten wir eine Perspektive für die Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen. Die haben das verdient.
Frage: Ist Guido Westerwelle für die FDP unersetzlich?
Lindner: Wir wollen ihn nicht ersetzen.
Frage: Welche Spuren hat die Dauerkritik an Westerwelle hinterlassen, wie hält er aus, der Buhmann der deutschen Politik zu sein?
Lindner: Er hat sein Stehvermögen immer wieder bewiesen.
Frage: Manche Ihrer Parteifreunde sagen, Westerwelle befinde sich in einer Phase tiefer Niedergeschlagenheit.
Lindner: Ich erlebe ihn als ernsthaften und selbstkritischen Arbeiter. Deshalb bin ich sicher, dass wir die schwierige Lage der FDP bewältigen werden.
Frage: Wie?
- Datum 29.08.2010 - 10:22 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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Entfernt. Bitte verzichten Sie auf übermäßige Polemik und beteiligen Sie sich bitte mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs
alleibn mir fehlt der Glaube. Und eine einzige Amsel Lindner macht gewiss noch keinen Frühling.
Und in einem wesentlichen Punkt wage ich, Herr Lindner zu widersprechen: Der Untergang der Gesamt-FDP wird nicht symbolisch an ihrem Vorsitzenden festgemacht. Der Untergang der FDP ist ganz real und ausschließlich mit ihrem Vorsitzenden verknüpft. Wer das wie Herr Lindner in Frage stellt (sei es aus Überzeugung oder mit Vorsatz), der wird den Sturzflug seiner Partei nicht aufhalten.
Wie auch immer: Lindner ist der kommende Mann an der Schaltstelle der FDP.
Entfernt. Bitte kommentieren Sie sachlich. Die Redaktion/cs
Folgt man Lindner in seinen Aussagen zu diesem Thema, stellt man mit Erschrecken fest, daß die FDP völlig falsche Akzente setzt."Andere Länder machen uns das vor.?
Soll das im Klartext etwa so heißen: Wo wir sind ist immer vorn, und wenn wir hinten sind, ist hinten vorn?
Wäre es nicht schöner, Deutschland wäre nach all den Rückschlägen auf technischem Gebiet(eine Aufzählung erspare ich mir)endlich einmal auch dort wirklich vorn, so daß uns andere etwas nachmachen könnten?
Ich glaube die FDP ist eben gerade daran gescheitert, dass Zusagen nicht eingehalten wurden. Leider haben sich viele liberale Wähler inzwischen abgewendet, da Versprechen wie Steuersenkung, Steuervereinfachung etc. nicht umgesetzt wurden. Sparpotenzial gibt es meines Erachtens noch ausreichend im Bundeshaushalt
....aber nicht nur. Die FDP hat einige Dinge erreicht, aber viel zu wenig. Da hat sie auf Merkel Rücksicht genommen, die die NRW Wahl abwarten wollte, bevor sie etwas macht. Hierin ist Westerwelle ein Vorwurf zu machen. Er hätte aus der Erfahrung der SPD gelernt haben müssen, dass Markel ein tödlicher Feind für ihre Koalitionspartner ist.
Das eigentlich Problem ist aber, dass im Volk zu Viele Transferempfänger sind und so mehr als 50% Angst haben zu verlieren, wenn man die Steuern reduziert. Man ist daher anti-liberal. Wenn Sie dann noch die Alternativen, Rechten und anderen Religiösen abziehen bleibt fast keiner übrig.
....aber nicht nur. Die FDP hat einige Dinge erreicht, aber viel zu wenig. Da hat sie auf Merkel Rücksicht genommen, die die NRW Wahl abwarten wollte, bevor sie etwas macht. Hierin ist Westerwelle ein Vorwurf zu machen. Er hätte aus der Erfahrung der SPD gelernt haben müssen, dass Markel ein tödlicher Feind für ihre Koalitionspartner ist.
Das eigentlich Problem ist aber, dass im Volk zu Viele Transferempfänger sind und so mehr als 50% Angst haben zu verlieren, wenn man die Steuern reduziert. Man ist daher anti-liberal. Wenn Sie dann noch die Alternativen, Rechten und anderen Religiösen abziehen bleibt fast keiner übrig.
Die FDP hat einfach nicht verstanden wer sie das letzte mal in so großer Zahl gewählt hat:
Die Mitte der Gesellschaft die sich weder bei Schwarz/Rot/Grün vertreten fühlt. Das sind die Angestellten und Arbeiter die sich dem Spitzensteuersatz immer mehr nähern (kalte Progression) und dennoch jeden Euro dreimal umdrehen müssen. Was die Steuer nicht holt, nehmen dort die Abgaben und Sozialbeiträge.
Stattdessen hat die FDP ihre Politik weiterhin auf Unternehmensinteressen und Selbstständige ausgerichtet.
Dort sind aber nur wenige Wähler der letzten Bundestagswahl zu finden.
Da muß ich aber mal kräftig lachen. Ein ARBEITER, der sich dem Spitzensteuersatz nähert. Der Spitzensteuersatz setzt ein bei einem jährlichen zu versteuernden Einkommen von 250.000 Euro.
Den Arbeiter zeigen Sie mir mal, der dieses Einkommen zu versteuern hat. Und bei den Angestellten gibt's auch nicht viele.
Einfach lächerlich Ihr Argument!
Mir scheint, Sie können nicht zwischen Grenzsteuersatz und Spitzensteuersatz unterscheiden. Bei dem von Ihnen genannten Einkommen ist der Grenzsteuersatz 42%, der effektive Steuersatz hingegen 33,5%.
Da muß ich aber mal kräftig lachen. Ein ARBEITER, der sich dem Spitzensteuersatz nähert. Der Spitzensteuersatz setzt ein bei einem jährlichen zu versteuernden Einkommen von 250.000 Euro.
Den Arbeiter zeigen Sie mir mal, der dieses Einkommen zu versteuern hat. Und bei den Angestellten gibt's auch nicht viele.
Einfach lächerlich Ihr Argument!
Mir scheint, Sie können nicht zwischen Grenzsteuersatz und Spitzensteuersatz unterscheiden. Bei dem von Ihnen genannten Einkommen ist der Grenzsteuersatz 42%, der effektive Steuersatz hingegen 33,5%.
Der Untergang der FDP ist nicht an Ihren Vorsitzenden gekoppelt, sonder an der Leistung der gesamten Parteiführung.
Nach der "Partei der Besserverdiener" und der Steuersparlüge muß sich die FDP neu erfinden oder die Mitglieder, die einen Neuanfang mittragen, eine Neue Freie Demokratische Partei gründen. Wer im Wahlkamp Steuereinsparungen verspricht, hat wohl in den haushaltspolitischen Debatten der CDU/SPD Regierungszeit nicht aufgepasst.
Tatsächlich gibt es doch inzwischen 2 bürgerliche Parteien.
Einmal die "good party", die Grünen.
Das ist die Partei der gebildeten, ökologische Bürger, die auch für Gerechtigkeit und Solidarität sind.
Und dann die "bad party", die FDP.
Das ist inzwischen die Partei der halbgebildete durch Spenden geölten Lobbyvertreter, der Steuervermeider und Finanztrickser, für die Solidarität eine Drohung ist.
Hoffendlich bleibt die FDP noch möglichst lange bei ihrem großen Vorsitzende.
Besser kann sie die ganze Gesellschaft vor sich selber gar nicht schützen.
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