Bestialische Morde, schrecklich zugerichtete Leichen, mehr als 28.000 Tote in dreieinhalb Jahren: Der Drogenkrieg in Mexiko hat ein hierzulande kaum vorstellbares Maß an Gewalt und Grausamkeit erreicht. Die Kriminalität schwächt den Staat, die geschwächte Regierung stärkt die Killer. Deshalb fordert der frühere Präsident Vicente Fox jetzt eine Legalisierung von Rauschgift. Sein Argument: Nur so lasse sich die wirtschaftliche Macht der Drogenkartelle brechen. "Wir sollten überlegen, die Produktion, den Vertrieb und den Verkauf von Drogen zu legalisieren", schrieb Fox in seinem Blog – und unterläuft damit die regierungsamtliche Strategie seines Nachfolgers und christdemokratischen Parteifreundes, Präsident Felipe Calderon.

Der nämlich setzt auf Härte. Zum Amtsantritt im Dezember 2006 erklärte Calderon den Kampf gegen die Rauschgiftmafia zum Staatsziel Nummer 1. Er entsandte 50.000 Soldaten zur Verstärkung der Polizei in die umkämpften Gebiete im Norden des Landes; eine dreistellige Millionensumme wurde beschlagnahmt, 34.700 Fahrzeuge und 84.000 Waffen konfisziert, jedes Jahr 29 Tonnen Kokain, 6000 Tonnen Marihuana und eine Tonne Heroin sichergestellt. Einzelne Schlachten hat er gewonnen – doch den Krieg droht er zu verlieren. Denn das Ergebnis ist: noch mehr Gewalt. Die Vorwürfe gegen Polizei und Militär reißen nicht ab: Amnesty International spricht von "außergerichtlichen Hinrichtungen und anderen widerrechtlichen Tötungen, ’Verschwindenlassen’, Folter und anderen Misshandlungen sowie willkürlichen Festnahmen". Die Kartelle töten weiter. Die Zahl der Morde steigt. Allein in diesem Jahr kamen schon wieder mehr als 7000 Menschen ums Leben. Mexiko ist zum Krisengebiet geworden, die USA geben bereits Reisewarnungen für den südlichen Nachbarn heraus.

Für Günther Maihold von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik ist der Vorschlag des Expräsidenten ein Ausdruck der Verzweifelung – niemand weiß, wie dieser Drogenkrieg wieder in ein Stadium "normaler Kriminalität" zu überführen wäre. Ein Vorschlag, der seine Tücken hat, aber einer, der politisch mehrheitsfähig werden könnte, denn "die Mexikaner sind des Ausmaßes an Gewalt in dieser Auseinandersetzung überdrüssig".

Deshalb Fox’ dringlichste Forderung: Die Soldaten müssen zurück in die Kaserne. Und sein zweiter, kaum minder dringlicher Appell: nicht nur den Kosnum, sondern auch die Produktion und die Verteilung von Drogen zu legalisieren. Wo es eine solche Legalisierung gebe, sei der Drogenkonsum nicht signifikant gestiegen, schrieb Fox. Die Legalisierung bedeute auch "nicht, dass Drogen gut sind und denen, die sie konsumieren, nicht schaden", betonte Fox, der von 2002 bis 2006 Staatschef war. Vielmehr wolle er auf diese Weise die wirtschaftliche Struktur der Kartelle zerstören. Sein Vorschlag: Von Steuern auf den Verkauf legalisierten Rauschgifts könnten Entziehungskuren und Reha-Programme finanziert werden.

Den Vorschlag umzusetzen hieße, sagt Maihold, "die Verfahrensweisen der organisierten Kriminalität" zu legalisieren, um die ökonomischen Anreize für die Kartelle zu minimieren. "Das Argument wäre stimmig", gibt Maihold zu bedenken, wenn die Legalisierung auf den Endverbrauchermarkt in den USA ausgedehnt würde – "eine Legalisierung nur bis an die Grenze aber nützt nichts". Den Kartellen lasse sich das Wasser nur abgraben, wenn, was allerdings nicht zu erwarten sei, sich die USA dem Vorschlag anschlössen, denn: Ein Kilogramm Heroin hat in den Erzeugerländern einen Wert von 2000 Euro, in Transitländern einen von 18.000 – und in den Konsumentenländern einen Wert von 80.000 Euro, mit anderen Worten, die größten Gewinne ziehen die Kartelle aus dem Handel mit dem Endverbraucher in den USA. De facto liefe der Vorschlag des früheren mexikanischen Präsidenten darauf hinaus, das Drogengeschäft südlich des Rio Grande straffrei zu stellen – und alle weitere Verantwortung im Kampf gegen die Drogen den USA zuzuschieben und ihnen die Kosten dafür aufzubürden. Das wäre deshalb ganz im Sinne Mexikos, sagt Maihold, weil bisher das Drogenproblem in den USA eine Frage der Gesundheitspolitik, nicht der Sicherheitspolitik sei – mithin Mexiko bisher die Kosten für die sicherheitspolitische Seite des Drogenkriegs trägt, tragen muss. Das wäre nach Fox’ Vorstellungen hinfällig. Allein: "Der Vorschlag unterschätzt ein zentrales Element", sagt Maihold: Wenn die USA dann die Drogenkriminalität stärker bekämpften, würden sich die Kriminellen nach Mexiko zurückziehen und dort die Institutionen weiter untergraben, Justiz, Polizei, Verwaltung.

Wie also könnte eine Lösung aussehen? Das effektivste Instrument, das wisse man aus Kolumbien, sagt Maihold, sei die nachrichtendienstliche Überwachung der Kartelle. Ein Instrument, "das in Mexiko noch zu wenig genutzt wird".