Radioaktivität Russland nähert sich dem Ernstfall

Die schwersten Waldbrände der russischen Geschichte haben die radioaktiv verseuchten Gebiete des Landes erreicht. Wie gefährlich ist die Lage?

Der Ernstfall scheint einzutreten. In 27 russischen Regionen wurde der Notstand ausgerufen, und die Behörden tagen in Dringlichkeitssitzungen, weil sich die Waldbrände den russischen Atomanlagen am Ural nähern.

Wie groß ist das Risiko?

Im Ural sitzt die nukleare Rüstungsindustrie. Hier, im Niemandsland rund um die Millionenstädte Jekaterinburg und Tscheljabinsk, liegen die "Geschlossenen Städte" Osersk, Nowouralsk, Sneschinsk und Lesnoj. Zu Sowjetzeiten waren sie auf keiner Landkarte verzeichnet. Eingeschlossen von Hochsicherheitszäunen und bewacht von bewaffnetem Sicherheitspersonal, haben sie die Sowjetunion einst zur atomaren Supermacht hochgerüstet. Im Dienst der nuklearen Abschreckung wurde hier, unbehelligt von Umweltauflagen oder Anwohnerrechten, geforscht, montiert und angereichert. Und so wird in manchen Waldgebieten vor Hotspots gewarnt: hoch strahlenbelasteten Kleinstpartikeln, die sich, wenn sie über die Nahrungskette oder über die Atmung aufgenommen werden, im Körper ablagern und schwere Gesundheitsschäden verursachen können.

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Brände und Radioaktivität

Waldbrände können in radioaktiv verseuchten Regionen strahlende Partikel aus Boden und Pflanzen in die Luft steigen lassen. Der russische Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu sprach kürzlich vor allem die Region um die Stadt Brjansk an, auf halbem Weg zwischen Moskau und Kiew gelegen.

Dort hatte die Wolke von Tschernobyl große Mengen an Cäsium-137 abgeladen. Dieses radioaktive Element hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren, es ist also noch mehr als die Hälfte der früheren Strahlungsfracht vorhanden. Sollte es zu großflächigen Bränden in dieser Region kommen, könnte das für die lokale Bevölkerung gefährlich werden.

Derzeit keine Gefahr für Deutschland

In Deutschland muss sich niemand Sorgen machen: Die Rauchschwaden ziehen in einer Höhe von maximal 200 Metern davon – kaum etwas davon wird bei uns ankommen.

"Nach Deutschland werden bis zum Samstag keine Emissionen kommen", sagte ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Weiter reichten die Wetterprognosen noch nicht. Eventuell aufgewirbelte radioaktive Partikel werden in den kommenden Tagen durch den Wind voraussichtlich nach Nordwesten in Richtung Osteuropa, Baltikum und Südschweden getrieben. Derzeit werden die Rauchwolken nach Norden und Nordosten in Richtung Sibirien gedrückt.

Schon 2002 brannte es in den kontaminierten Gebieten. Die Wolke, die ein paar Tage später Deutschland erreichte, war nur etwa ein Tausendstel so radioaktiv wie die Wolke nach dem Tschernobyl-Unfall 1986.

Die Brände könnten den belasteten Waldboden mit dem Rauch hochtreiben oder beim Löschen ins Grundwasser spülen, fürchten Experten. Das könne in den Nachbarregionen zu einer Erhöhung der Strahlenwerte führen. Zu einer erneuten Freisetzung von Radioaktivität käme es aber nur dann, wenn die Brände auf das Betriebsgelände einer Kernanlage überspringen und dort im Reaktor oder in einem Nuklearmateriallager eine Explosion oder Havarie verursachen. Unabhängige russische Strahlenexperten und Einwohner von Osersk sind jedoch nicht sonderlich beunruhigt: Waldbrände seien in dieser Gegend nicht ungewöhnlich, entsprechend routiniert seien die Einsatzkräfte. Zudem schirmen das Stadtgebiet von Osersk und ein See das Betriebsgelände von den Waldgebieten ab.

Welche Atomanlagen sind betroffen?

Die Brände nahe der Kernforschungsanlage in Sneschinsk seien unter Kontrolle, heißt es. Bedroht ist aber weiterhin die Kerntechnische Anlage Majak ("Leuchtturm") in der Stadt Osersk im Regierungsbezirk Tscheljabinsk, ein nukleares Gewerbegebiet mit mehr als 10 000 Beschäftigten. Zu Sowjetzeiten war es die wichtigste Produktionsstätte für Waffenplutonium, heute gibt es hier eine Wiederaufbereitungsanlage. Vor allem aber ist Majak ein zentraler Umschlagplatz für waffenfähiges Spaltmaterial und eine der weltgrößten Lagerstätten für Atommüll. Was hier genau lagert, unterliegt dem Militärgeheimnis, Experten gehen aber von Dutzenden Tonnen Plutonium und mehreren hundert Tonnen hoch angereichertem Uran aus.

Majak ist berüchtigt für die Nuklearsünden, die hier in den 50er und 60er Jahren begangen wurden, bis heute zählt das Betriebsgelände zu den am stärksten radioaktiv belasteten Orten der Erde. Hier ereignete sich 1957 die schwerste Atomkatastrophe vor dem Tschernobyl- GAU: Nach der Explosion eines Tanks mit hoch radioaktivem Atommüll verstrahlte eine radioaktive Wolke 20 000 Quadratkilometer. Außerdem leitete die Werksleitung damals radioaktive Abfälle ungefiltert in den Fluss Tjetscha, aus dem die 120 000 Bewohner der Region teilweise ihr Trinkwasser bezogen. Heute sind die Flussanwohner die am besten untersuchten Strahlenopfer.

Durch die Wald- und Steppenbrände sind nach Informationen der norwegischen Umweltorganisation Bellona, die vor allem in Russland tätig ist, derzeit vier Atomkraftwerke gefährdet. Die Anlagen in Nowoworonesch, etwa 42 Kilometer südlich der Stadt Woronesch, sind umgeben von Waldbränden. Nach Angaben der Betreiberfirma Rosenergoatom besteht keine unmittelbare Brandgefahr für die Anlagen. Allerdings ist wegen der extremen Hitze einer der Transformatoren, über den der Strom ins Netz eingespeist wird, am 4. August ausgefallen. Eine der Anlagen wurde daraufhin automatisch zwangsabgeschaltet. Am 5. August war sie jedoch wieder am Netz.

Obwohl im Waldbrandgebiet die Stromnetze teilweise zusammengebrochen sind, produzieren die Atomanlagen nach Behördenangaben weiter Strom. Das könnte aber problematisch werden, wenn das Netz in größerem Umfang ausfällt. Können die Atomkraftwerke den Strom nicht ins Netz speisen, müssen sie abgeschaltet werden. Bellona sieht jedoch durch die Hitzewelle für alle Anlagen erhöhte Risiken. Denn alle Anlagen müssen mit Wasser aus den umliegenden Flüssen oder Seen gekühlt werden. Das Kühlwasser ist aber bereits 30 Grad warm. Steigt die Wassertemperatur weiter, kann es die Reaktoren nicht mehr kühlen, die Anlagen müssen vom Netz.

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